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Literatenfunk

Flake - Heute hat die Welt Geburtstag
Jochen Schmidt
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piqer: Jochen Schmidt
Samstag, 02.12.2017

Flake - Heute hat die Welt Geburtstag

Das erste Buch von Christian "Flake" Lorenz, der heute als Keyboarder der Band Rammstein sein Geld verdient, ist 2007 erschienen und hieß "grün & blau". Es war als Zugabe zu einer CD mit restaurierten AMIGA-Tonbandaufnahmen der DDR-Punkband Feeling B gedacht, in der Flake vor Rammstein gespielt hat. Die Texte für "grün & blau" hat er mit einer Schreibmaschine auf DDR-Einkaufstüten aus der Sammlung seines Vaters getippt, dazu kamen Fotos, Dokumente, Schnapsetiketten, Notizzettel, Notenblätter, alles mit großem Geschick ausgewählt, so daß man beim Lesen ständig witzige Details entdeckt. Die lakonischen und erfrischend unambitionierten Aufzeichnungen, aus denen ein überlegener Sinn für Humor spricht, müßten im Kanon der DDR-Erinnerungsliteratur eigentlich ganz oben stehen. Denn sie bereichern den Chor von Stimmen, die aus diesem Land erzählen um eine Perspektive, die vielen ziemlich unbekannt sein dürfte. Viele denken ja, es habe in der DDR keine Computer, keinen Break Dance, kein Trampen, keinen Spaß und natürlich auch keinen Punk gegeben. Denen sei "grün & blau" ans Herz gelegt.

Deutlich mehr Aufmerksamkeit hat Flakes zweites, viel dickeres Buch "Tastenficker" bekommen, das 2015 erschienen ist. Er beschreibt darin sein Leben vor Rammstein, das Aufwachsen im ungentrifizierten Prenzlauer Berg der 70er Jahre, eine zunächst unbeschwerte Kindheit, die erst in der Schule problematischer wurde, weil der sensible Junge durch seine Statur ein Außenseiter war. Zu seinem Glück entdeckte er irgendwann die Musik, was ihn wie ein Hammer traf. Nun hat Flake sein drittes Buch geschrieben "Heute hat die Welt Geburtstag", in dem er sich dem Thema widmet, das natürlich viele von ihm erwartet haben, dem Alltag eines Mitglieds von Rammstein, einer der international erfolgreichsten deutschen Rockbands aller Zeiten und merkwürdigste Nachgeburt der DDR. Flake, der offenbar Gefallen daran gefunden hat, zu schreiben, wenn gerade nicht getourt oder für ein neues Album geprobt wird, löst seine Aufgabe eindrucksvoll, was auch heißt, daß das Buch manchen Rammstein-Fan enttäuschen wird, denn es geht hier um die prosaischen Seiten des Berufs und Selbstironie und Rockmusik schließen sich ja leider für viele aus. Den Rahmen bildet ein minutiös erzählter Tag im Leben eines Rockmusikers auf Tour, in Rückblicken liest man von den Anfängen der Band, als man noch in versifften Probekellern hockte, beseelt von der Ahnung, daß man dabei ist, etwas Großes und Neues zu schaffen. Auch wenn es nicht für einen gesunden Lebensstil spricht, wenn nicht mehr ganz so junge Männer viel Zeit ohne frische Luft und Tageslicht und mit fettigem Essen und Alkohol verbringen, war es für Flake das größte Glück, Anschluß an diese Band gefunden zu haben. Schon einmal ging es ihm so, als er bei Feeling B mitmachen durfte, und nun wieder: "Ich fand einfach alles gut, was mit mir geschah." Obwohl ihn alle strafend ansehen, wenn er, um sich auch mal zu hören, eine kurze Pause im Lied mit den Tönen seines Keyboards füllt. Er erfindet dann einen lauten und verzerrten Keyboardklang, den er "sterbenden Saurier" nennt und der auch im größten Krach noch zu hören ist.

Für viele Bands bleibt es beim Traum von der großen Zukunft, aber "Rammstein" hatten bekanntlich ziemlich schnell Erfolg. Flake ist genau der richtige, selbst darüber zu staunen. Sein Tag als Weltstar besteht aus einem fortwährenden Stolpern, Zuspätkommen, Verwechseltwerden und Sichverirren im Backstagebereich (der "nur für diejenigen interessant ist, die nicht dort arbeiten.") Er wundert sich, was er in diesen amerikanischen Hallen macht, irgendwo außerhalb großer Städte, von denen er wenig mehr als die Skyline am Horizont zu sehen bekommt. Er wundert sich, wo seine Bandmitglieder sind (seit sie auf Tour in Einzelzimmern wohnen, weiß er das nicht mehr), er steigt in seine noch vom Vorabend stinkenden Bühnenklamotten, deren Reißverschluß klemmt (Cola soll helfen). Er macht vor dem Auftritt in der Dusche gymnastische Übungen, er versucht, ausreichend (nicht zu kaltes) Wasser zu trinken, aber nicht so viel, daß er beim Auftritt aufs Klo muß (das darf er nämlich nicht, er muß sich dann in die Hose machen.) Nach und nach füllt sich der Backstagebereich mit Menschen: "Warum kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, daß sich bei uns in der Garderobe eher die kriminelle Prominenz einer Stadt versammelt?" Und dann kommt der Auftritt, dem er, so empfindet er es immer wieder, als privilegierter Zuschauer auf der Bühne beiwohnt. Denn davon handelt das Buch auch, er liebt diese Band und ihre Musik, die Stimme des Sängers hat ihn sofort angerührt, die Auftritte machen ihn glücklich, und er freut sich über jeden Unsinn, den die anderen auf der Bühne anstellen. Die böse Bühnenshow ist neben anderem die realisierte Utopie vom ewigen Kindsein. Flake ist aber eigentlich auch in der Band ein Außenseiter ("Niemand außer mir hat auch je wahrgenommen, daß ich mich jahrelang als Punk verstanden habe"). Böses Aussehen würde ihm keiner abnehmen, er trägt ja auch eine Brille. Was die branchenüblichen Exzesse betrifft, kommt er kaum zum Zug, die Frauen beachten ihn nicht. (Als die Band einmal T-Shirts mit den Namen der Mitglieder rausbringt, wird das mit seinem Namen natürlich am wenigsten verkauft). Sportlich war er noch nie, auf der Bühne wird er deshalb vom Sänger in einem Kochtopf zubereitet und mit Flammenwerfern beschossen, was nicht ungefährlich ist. Was er bei allem verschweigt, dazu ist er zu bescheiden: ohne ihn wäre die Band viel eindimensionaler.

Flake erzählt vom Heer von Mitarbeitern, das Rammstein inzwischen beschäftigen, um die Konzerte vorzubereiten und abzuwickeln, Spezialisten ("Rigger"), die alle Haken an der Decke anbringen, Toningenieure, Leute, die die Instrumente einspielen, Bandassistenten und Assistenten des Bandassistenten, bis zu den Fahrern und Köchen: "Die Crew hat spielend das geschafft, was wir als Band jahrelang vergeblich versucht haben, man kann auf den ersten Blick erkennen, daß sie zu unserer Crew gehören." Es ist sicher nicht immer leicht, sich, wenn man Teil einer solchen Maschinerie ist, noch als Künstler zu fühlen und nicht als Angestellter: "Es soll ja Plattenverträge geben, in denen sich die Mitarbeiter der Plattenfirma verpflichten müssen, immer eine Clownsnase aufzusetzen, wenn sie mit der Band sprechen." Die Band fliegt im gecharterten Flugzeug, wo immer Essen bereitsteht, das natürlich bis zur Ankunft geschafft werden muß, schließlich hat man früher im Probekeller lange genug von Reispampe gelebt. Flake ist ein Glücksfall für die Soziologie der Rockmusik, jemand mit Sinn für Humor, der von innen aus diesem Kosmos berichten kann, aber immer etwas daneben steht. Schon auf der Fahrt durch den dichten Stadtverkehr zum Auftrittsort ist er eher Beobachter als Beteiligter: "Draußen beginnt inzwischen ein häßliches Industriegebiet. Das bedeutet, daß ich gleich angekommen bin." Das erkennt er auch daran, daß sich ein riesiger Parkplatz vor so etwas wie einer Messehalle oder einem Sportstadion erstreckt: "Alles ist grau. Und das soll jetzt Rock 'n' Roll sein?" In der Garderobe wandert sein Blick zur Wand, die "besteht aus grauen Betonsteinen. Das ist der Preis für den Erfolg." (Besonders seltsam ist es, wenn sie in Berlin auftreten und tagsüber noch ihren Alltag erledigen müssen: "Wenn wir dort spielen, wo wir auch wohnen, haben wir ja praktisch doppelt zu tun.") Viel dreht sich für Flake darum, nicht zu spät zu kommen, nichts zu vergessen, die anderen nicht zu enttäuschen. Im Ausland bekommt er seine Hotelfenster nicht auf und hat mit mangelhaften Englischkenntnissen zu kämpfen. Auf dem "Day Sheet" steht der Ablauf des Konzerts. Am Anfang spielen die "Doors", ach nein, da steht, wann der Einlaß beginnt. "Curfew" ist demnach auch nicht die letzte Band. Ob der Begriff "Shuttle" von Schütteln kommt? Und ist "Wardrobe" eine Anspielung darauf, daß sie sich nach dem Konzert in der Garderobe manchmal anschreien?

Der Arbeitsalltag ist oft ernüchternd. Was hat er vom Reisen? Immer öfter muß er feststellen, daß es die Sachen, die er unterwegs für seine Kinder kauft, in Berlin viel billiger gibt. Er versucht auf der ganzen Welt Dosen seines Lieblingsdeos "Brut" aufzutreiben: "Drogerieläden sind ja die einzigen Läden, wo man noch etwas Landestypisches bekommt." Kaum zu begreifen, wie lange Kindheit und Jugend schon zurückliegen und daß er inzwischen schon 20 Jahre älter ist, als es Mick Jagger in seiner Jugend war. Weil er aus dem Osten stammt, fühlt er sich in Osteuropa wohl. Daß er von so "herrlichen Städten wie Sofia und Bukarest" spricht, wo er sich "wirklich geborgen" fühlt, werden viele, die eher Venedig vorziehen, nicht nachvollziehen können. Aber es sind Städte, in denen es abends noch richtig dunkel wird, wo es schöne Brachen gibt, die nicht genutzt werden und die Bürgersteige nicht "mit diesen unsäglich häßlichen Betonsteinen gepflastern sind, die so ineinandergreifen."

Manchmal müssen die Musiker vor dem Betreten der Bühne mit einem Fahrstuhl auf eine andere Ebene fahren: "Dann haben wir ein paar Sekunden Muße uns anzusehen und uns zu wundern wie wir aussehen und was so aus uns geworden ist." Bei einem der ersten Auftritte hatte noch ein Zuschauer zu ihnen gesagt, sie sollten sich "Aids" nennen, das würde besser zu ihnen passen. Es folgten Videodrehs, Promotouren, lustige Exzesse, Reisen, auf denen man feststellte, daß manche bundesdeutsche Städte ziemlich häßlich sind und Hongkong für viele Menschen, die dort leben, die Hölle auf Erden ist. Ranzige Zimmer im Chelsea Hotel, Bühnenunfälle, in den USA eine Verhaftung von der Bühne weg, Begegnungen mit anderen Bands, Idolen der Jugendzeit:

"Als ich einmal keinen freien Tisch in der Kantine fand, setzte ich mich zu zwei alten Hausmeistern. Sie grüßten mich sehr freundlich und aßen gemütlich weiter. Kurz und gut, das waren jedenfalls Gene Simmons und Ace Freshley von Kiss."

Rammstein treffen irgendeinen Nerv, sie beeindrucken mit ihrem brachialen Körpertheater, mit dem unerschrockenen Einsatz von Feuer und offenbar ist ihre Energie unwiderstehlich und vermittelt sich sogar auf seltsamen Auftritten vor Mitarbeitern der Plattenfirma, zu denen sie verdonnert werden, der Kapitalismus hat durchaus Überraschungen zu bieten: "Komischerweise freuten sich aber besonders die höheren Chargen, wenn man ihnen respektlos begegnete."

Die lebenswichtige Ressource, aus der Flake seelisch schöpft, um sich nicht zu verlieren, sind Erinnerungen an seine Zeit als Kind im Prenzlauer Berg:

"Wenn ich mit meinem Bruder in den endlos scheinenden Ferien durch Berlin stromerte und dabei immer wieder an neue, unerwartet schöne Plätze kam [..] Liefen wir dann an den offenen großen Haustüren vorbei, streifte uns ein kühler Hauch von gelagerten Kohlen und Kartoffeln. Dieser Geruch gefiel mir außerordentlich."

Damals freute er sich aufs Erwachsenwerden, weil er dann auch Auto fahren dürfte, womöglich sogar einen Dacia: "Vielleicht wurde es für mich erst schwierig, als ich auf gleichaltrige Kinder stieß. Da erst wurde mir klar, daß sich nicht die ganze Welt über mich freute." Im Sommer ging sein Vater mit seinen Söhnen oft wandern, einen Spaten hatten sie immer dabei, um auf Müllkippen nach Schätzen zu suchen. "Eine Pfanne hing immer am Rucksack meines Vaters. Und die jungen Möhren, die wir direkt aus der Erde zogen, schmeckten besser als Westschokolade." Vielleicht wäre das ein Thema für ein viertes Buch?

(Dieser Text erschien zuerst in der FAS.)

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