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Literatenfunk

Fauna
Jochen Schmidt
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piqer: Jochen Schmidt
Freitag, 29.03.2019

Fauna

Weil ich gerne im Liegen lese, ist mir bei der Lektüre von "Fauna", einem Buch, das fast drei Kilo wiegen dürfte, immer wieder die linke Stützhand eingeschlafen. Wenn ich solche Bücher lese, bei denen sich die sterbende Buchkunst noch einmal aufbäumt und in voller Schönheit erstrahlt, empfinde ich dieselbe Mischung aus Melancholie und Glück, wie wenn ich, so oft das noch geht, Spiele mit Messi ansehe. Man weiß einfach nicht, was danach kommt, und ob das, was vorbeigeht, nicht schon das Beste war. Andererseits habe ich als Leser das Gefühl, selbst einer aussterbenden Art anzugehören (wie sie im Buch immer wieder zur Sprache kommen, wir entdecken immer schneller immer mehr Arten, während gleichzeitig durch uns Menschen immer schneller immer mehr Arten aussterben), wenn ich bereit bin, so ein Buch für den Rest meines Lebens in meiner Wohnung zu beherbergen. Ich könnte meine Bücher ja auch abstoßen, in eine kleinere Wohnung ziehen und für das gesparte Geld Volkshochschulkurse besuchen oder es dem World Wildlife Fund spenden. Eines Tages werden sie ohnehin ohne mich auskommen müssen. Noch brauche ich sie aber als Erinnerung daran, daß ich sie gelesen habe, oder daß ich sie irgendwann lesen will.

In "Fauna" reihen sich auf über 300 Seiten hochwertig reproduzierte Tierdarstellungen aus allen Epochen der Menschheitsgeschichte aneinander, von den ersten (bekannten) Höhlenmalereien bis zu Aufnahmen mit dem Raster-Elektronen-Mikroskop. Das Medium Buch mit seinen Doppelseiten erlaubt es dabei, jeweils zwei Motive in Beziehung zu setzen, was immer wieder interessante Effekte ergibt (durcheinander rennende Stiere von Goya erinnern z. B. plötzlich an Weißwedelhirsche, die nachts eine Blitzlichtfalle ausgelöst haben.) Mal ist es das optische Gerät oder Verfahren, das bisher Unsichtbares sichtbar macht, mal ist es die künstlerische Technik, die für eine neue Perspektive sorgt, mal auch das Medium, z. B. bei den Drachen, die auf den Roben der chinesischen Kaiser dargestellt wurden, was ihre Bändigung symbolisieren sollte. Immer wieder stellt sich die Frage nach den Grenzen von Kunst, Wissenschaft und Natur. In früheren Zeiten gehörte es für Biologen dazu, Tiere oder Pflanzen zeichnen und kolorieren zu können, die Qualität vieler Darstellungen, die rein dokumentarischen Charakter haben sollten, ist beeindruckend, vor allem, weil dabei gar nicht an individuellen künstlerischen Ausdruck gedacht war. Mit den neuen technischen Mitteln (Fotografie) ging nicht nur eine Kompetenz verloren, sondern sicher auch etwas von der Freude am Nachschaffen von Naturformen, die man den Zeichnungen ansieht. Bildtafeln aus alten Enzyklopädien oder wissenschaftlichen Werken und Schulschaubilder (die billiger waren als Bücher für jeden Schüler) sind nicht umsonst heute wieder so beliebt, daß sie vergrößert auf Leinwand nachgedruckt und als Dekoration verkauft werdenDie genaue Beobachtung, das sorgfältig gestaltete Abbild, der Ehrgeiz, die Wirklichkeit zu erfassen und zu klassifizieren und vielleicht auch eine Form von Wissenschaftlichkeit, die für jeden erfahrbar war, machen diese Kunst ohne Künstler attraktiv.

Der hochgeschätzte Andreas Dorau hat auf seinem großartigen letzten Studioalbum "Die Liebe und der Ärger der Anderen" (2017) einen Song über die Insektenzeichnerin Maria Sibylla Merian (1647–1717) präsentiert: "… die kommt noch heute gut an! / Sie zeichnet Würmer und Getier / Das alles sieht man bei ihr." Das wirkt überraschend, leuchtet aber eigentlich ein. Die Künstlerin ist 1699 mit 52 Jahren gemeinsam mit ihrer Tochter für zwei Jahre nach Surinam gereist, um Insekten zu zeichnen, für den Mut kann man sie nur bewundern. Natürlich ist sie auch im Buch vertreten, mit ihrem Bild "Krokodilkaiman mit einer südamerikanischen Korallenrollschlange".

Die Texte zu den Bildern sind kurz, informativ und klug. Man erfährt daraus so viel, daß man einen Eindruck davon bekommt, wie wenig man weiß. (Z. B. daß bestimmte Zikaden Bakterien abtöten können, indem sie mit nanoskaligen Stacheln deren Membranen zerreißen.) Im Rückblick frage ich mich, warum für mich Biologie eines der langweiligsten Fächer in der Schule war. Ich neige dazu, das Erlahmen meiner kindlichen Neugier der Institution Schule anzukreiden, aber darüber mehr in einem späteren piq.

Daß der Mensch grausam ist, überrascht uns nicht, aber über die Arten, wie sich seine Grausamkeit manifestiert, gibt es immer wieder Neues zu lernen. Alleine im Jahr 1888 wurden 400.000 Kolibris nach England importiert (die nicht lebend ankommen konnten), damit Damen sich die ausgestopften Tiere an den Hut stecken konnten! Aber auch unter dem Ehrgeiz von Wissenschaftlern und Künstlern hatten Tiere immer zu leiden. John James Audubon (1785–1851) hat die Falken, die er für sein Buch "Die Vögel Amerikas" malen wollte, selbst geschossen. Die Ikonografie von Joseph Wright of Derbys "Das Experiment mit dem Vogel in der Luftpumpe" (1768) erinnert an das Bild, das im Situation Room bei Bin Ladens Tod geschossen wurde, auf dem sich Hillary Clinton entsetzt die Hand vor den Mund hält.

In anderen Fällen staunt man, daß es immer noch Abenteurertum verlangt, Dinge für uns sichtbar zu machen, selbst, wenn sie so bekannt zu sein scheinen wie ein Pelikan. Bence Máté (*1985) hat 48 Stunden in einem Versteck im Donaudelta ausgeharrt, um die Oberfläche eines Rosapelikankopfes in ihrer Textur extrem detailliert zu fotografieren.

Die ambivalenteste Tierdarstellung sind sicher Taxidermien. Dabei wurden Tiere früher gerne so präpariert, als seien sie noch lebendig. Im Buch ist ein Künstler vertreten, der das konterkariert, indem er ausgestopfte Tiere in Todespose in versteckten Ecken von Galerien ausstellt.

Von Robert Hooke (1635–1703), dessen Buch "Micrografia" von 1665 das erste Buch war, für dessen Darstellungen ein Mikroskop verwendet wurde, gibt es einen wundervollen Flohan dem man schon sieht, wie wenig man als Mensch ohne technische Hilfsmittel sieht. Das wird auch bei Wilhelm Giesbrechts (1854–1913) 1 Millimeter großen Ruderfußkrebsen deutlich, die er untersucht und gezeichnet hat, und von denen heute alleine 13.000 Arten bekannt sind. Die Bilder zeigen eine atemberaubende Vielfalt an Formen. Der Biologe Zbigniew Kabata sagt dazu: "Hätte der Copepode die Größe einer Kuh, so wäre die Spitze seiner ersten Antenne Gegenstand intensiver Forschungen. Wir vergessen zu leicht, daß die Größe unabhängig von der biologischen Bedeutung ist." Auf der Seite gegenüber sieht man verblüffend bunte und vielgestaltige Meeresschnecken aus dem Nordost-Atlantik, die es leider nicht als Haribo-Mischung gibt.

Gegenüber von Hookes Floh ist der Vorderfuß eines männlichen Schwimmkäfers platziert, 2015 mit konfokalem Laser-Scanning-Mikroskop aufgenommen (mit dieser Technik wurde 2013 auch entdeckt, daß sich an den Hinterbeinen der Nymphen der echten Käferzikade ineinandergreifende Zahnräder befinden, was eigentlich wie ein nerdiger Aprilscherz klingt.) Was wir mit unseren Augen von unserem Planeten sehen, ist eigentlich nichts (zumal große Teile uns unzugänglich sind, erst vor Kurzem wurde in den Meerestiefen in der Nähe hydrothermaler Quellen die Hoff-Krabbe entdeckt, die so heißt, weil ihre Behaarung der Brustbehaarung von David Hasselhoff ähnelt).

Bis zu Eadweard Muybridges Serienbildern von 1878 stritt man sich noch, ob Pferde beim Galopp eine Schwebephase haben, die meisten künstlerischen Pferdedarstellungen waren bis dahin unkorrekt gewesen, weil die Pferde darauf wie Hasen sprangen.

Der Band enthält, wie gesagt, nicht nur wissenschaftliche Darstellungen aus einer Zeit, als Forscher "Johann Rösel von Rosenhof" hießen, sondern auch viel zeitgenössische Kunst, z. B. Rafael Gómez Barros' überdimensionale Fiberglas-Ameisen, die Galeriewände bevölkern, und die beim genauen Betrachten aus jeweils zwei menschlichen Schädeln bestehen, oder einen von Mark Dions Schaukästen wenig geschätzter Ökosysteme mit Müll und Tierpräparaten, die die idealisierende Form, in der wir über Natur reden, infrage stellen.

Das Buch regt an, immer tiefer nachzurecherchieren, weil sich so viele Geschichten andeuten. Auch in der Welt der Sammler und Klassifizierer, der Naturfreunde und Wissenschaftler spielen sich menschliche Dramen ab. Über Thomas Hardwickes Sammlung von Gliederfüßer-Zeichnungen im Londoner Natural History Museum heißt es: "Vor langer Zeit entfernte ein Kurator, getrieben von Alkohol und Mißgunst, viele der Originaletiketten, um einen beliebteren Kollegen zu ärgern. So ist nun bei vielen Werken weder Standort noch Herkunft bekannt." Weniger neurotisch, aber dennoch höchst seltsam wirkt es, daß Ernst Haeckel die Mitrocoma annae nach seiner Frau Anne benannt hat, weil ihn ihre Tentakeln an ihr Haar erinnerten. Heckels Quallen sind ein gutes Beispiel dafür, wie die Schönheit der Darstellung Wesen rehabilitiert, die sonst als lästig oder schädlich gelten. Weil Friedrich Karl Wilhelm Dönitz, wie viele Biologen seiner Zeit, ein großartige Zeichner war, sehen die Zecken Südafrikas, die er erforscht hat, wie wertvolle Sammlerstücke aus.

Hugh B. Cott (1900–1987) untersuchte Anpassungsvorteile der Farbmuster von Tieren und wurde im Zweiten Weltkrieg vom Britischen Kriegsministerium zum Thema Tarnung konsultiert, er "belehrte die Royal Engineers über die kontrastreiche, aufbrechende Färbung von Regenpfeifern (so daß deren Vogelsilhouette nicht mehr als solche erkannt wird)". Warum habe ich davon in den zahllosen Filmen über den Zweiten Weltkrieg noch nie etwas erfahren? Es gab damals sogar ein "Camouflage Advisory Panel".

Mal lernt man etwas über Kunstgeschichte, mal über optische Geräte oder bildgebende Verfahren, und dann wieder über die Biologie der Fadenwürmer (Nematoden), die praktisch überall auf der Erde präsent sind, Berge, Hügel, Flüsse, Seen sind mit einem Film von Fadenwürmern bedeckt, man hat sie aber auch 3,6 km unter der Erde in wasserhaltigen Felsspalten südafrikanischer Bergwerke gefunden. Ich wußte davon bisher nichts und traue mich nun noch weniger raus. Und will ich wirklich noch vor der Küste von Papua-Neuguinea baden gehen, wenn man dort Igelwürmer findet, bei denen in jedem Weibchen zahlreiche, kaum mit dem Auge zu erkennende Männchen leben?

Ich weiß jetzt, daß Einsiedlerkrebse sich, wenn sie wachsen, neue Muscheln suchen müssen und manchmal gleichzeitig umziehen und vorher der Größe nach aufstellen, daß der Mops von William Hogarth Trump hieß, daß die Farbe der gefleckten Schlundsackschnecke in der Intensität variiert, je nachdem, wann sie zuletzt gefressen hat, daß der Ringelschwanz des Affen aus den Geoglyphen der Nazka-Linien im Landeslogo von Peru auftaucht, daß Höhlenzeichnungen unter anderem dadurch entstanden sind, daß man pigmentiertes Pulver durch Röhrenknochen an die Wand blies, daß Ende des 19. Jh. im Nildelta 19 Tonnen Katzenmumien ausgegraben wurden und in England als Felddünger eingesetzt wurden, daß es "im 18. und 19. Jh. gängige Praxis war, Erinnerungsbilder von Personen und Dingen anfertigen zu lassen, deren Verlust man befürchtete – von schwangeren Frauen, die im Kindbett sterben könnten, bis hin zu exotischen Tieren, welche die Gefangenschaft vielleicht nicht überleben würden." Daß das Auge des Weißen Pferds von Uffington ein beliebter Treffpunkt von Liebenden ist, weil es Fruchtbarkeit verleihen soll, daß man früher glaubte, Tigerweibchen seien so eitel, daß man sie mit einem Spiegel von ihren Jungen weglocken kann, daß sich ab 1848 in England die eher dunkleren Birkenspanner ausgebreitet haben (vorher waren die hellen dominant), weil sie wegen der durch die Industrialisierung mit schwarzem Ruß gefärbten Bäume und Wände getarnt waren, und (es klingt so traurig) daß Martha, das letzte Exemplar einer Wandertaube 1914 in Gefangenschaft gestorben ist.

Ich wußte gar nicht, daß ich das alles wissen wollte! Und ich will gar nicht wissen, was ich noch alles wissen will!

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