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Literatenfunk

Erziehung eines Helden
Jochen Schmidt
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piqer: Jochen Schmidt
Mittwoch, 10.01.2018

Erziehung eines Helden

Wenn heute jemand den Autor Siegfried Pitschmann noch kennt, dann wohl in der Regel als Mann von Brigitte Reimann, mit der er ein paar Jahre verheiratet war, ihr Briefwechsel ist inzwischen als Buch erschienen. "Erziehung eines Helden", das Manuskript, an dem er 1959 arbeitete, und das 2015 in seinem Nachlaß gefunden wurde, hätte sein Romandebüt sein sollen, mit diesem Buch wollte er in die Literatur eintreten. Lange bevor der "Bitterfelder Weg" ausgerufen wurde, also der staatlich geförderte Versuch, die Trennung zwischen "Kunst" und "Volk" aufzuheben, indem Künstler in die Betriebe geschickt und die Arbeiter aufgefordert wurden, sich in Schreibzirkeln zu betätigen ("Greif zur Feder Kumpel, die sozialistische deutsche Nationalkultur braucht dich!") hatte Pitschmann auf der Großbaustelle des Kombinats "Schwarze Pumpe" in der Lausitz als Hilfsarbeiter im Betonbau angeheuert, niemand kannte dort seine Vorgeschichte als gelernter Uhrmacher und junger Autor. (In "Verlustanzeige", seinen Lebenserinnerungen, die er auf Band gesprochen hat und die nach seinem Tod erschienen sind, heißt es: "Bei der zentralen Arbeitskräftelenkung, oder wie diese Einrichtung hieß, sagte man mir: 'Was bist du – Uhrmacher? Na dann gehste zu den Betonbauern! Die sind nicht so grob – Maurer sind 'n bißchen grober, und Zimmerleute sind noch 'n bißchen grober – aber Betonleute sind richtige Lämmer.'") Es ist schon ein seltener Glücksfall, daß sich ein so sensibler und genau beobachtender Autor so einem Abenteuer ausgeliefert hat und eine Welt kennen lernen konnte, die unbedingt beschreibungswürdig ist. Ein Jahr hat er auf dem Bau gearbeitet, dann mußte er wegen Betonkrätze und kaputter Handgelenke kündigen und wurde freier Autor. Das schnörkellos geschriebene, formal experimentelle Buch (es gibt lange und sehr kurze Kapitel, mehrmals wird die Perspektive gewechselt) erzählt von einem Pianisten, der sich für gescheitert hält, weil er im Caféhaus gelandet ist. Er war schon in jungen Jahren Alkoholiker (wie Pitschmann), einmal fuhr er in den Wohnort seiner Freundin, um sie von der Arbeit abzuholen, landete aber in der Bahnhofskneipe, wo er sich hemmungslos betrank und am Ende fast prügelte. Der Gang auf die Baustelle war für den Helden (wie damals für Pitschmann) auch als seelische Kur gedacht. Er will sich der Herausforderung stellen, in der Arbeitswelt zu bestehen, dort, wo sie am härtesten ist, und er will dort sein, wo es vorwärts geht im Land. Die Baustelle war ein zentraler Ort in der Mythologie der DDR, etliche Filme und Bücher haben auf Baustellen gespielt. Kein Wunder, in einem Land, in dem ganze Städte gebaut wurden, wo gibt es das heute noch in Europa? Die Euphorie des Aufbaus und die Naivität, mit der eine Generation Technik, Industrie und Wachstum als Mittel sah, die schlimme Vergangenheit hinter sich zu lassen, rührt einen heute an, wo man viel mehr über Umweltfragen nachdenkt.

Beim Herumkarren von zentnerschweren Betonelementen für ein Hallendach hadert der Held mit seinen ungeübten Muskeln, beißt sich aber durch, auch wenn der Ton unter den Kollegen rauh ist und auch mal eine Schubkarre vom Dach fällt, direkt vor ihm in den Sand. ("Kurz vor sechs bog der Brigadier um die Hallenecke, er gab allen die Hand, und er gab auch dem Neuling die Hand, er sah ihn schnell von oben bis unten an, (Schlachtkaninchen fühlen sich so taxiert) …" Es dauert, bis er sich an die Arbeit gewöhnt hat und als "taktfest" eingestuft wird. Nach der Arbeit geht es in eine Kneipenbaracke ("Die Bierschwemme ist 'n wilder Schuppen. Ich geb dir den Tip, nicht reinzugehen. Lümmeln immer welche rum, die auf Leute wie dich scharf sind. Und dann ziehen sie dich aus bis aufs Hemd. Kannst mir glauben, daß sie in dir 'nen Neuen wittern und dich ausziehen werden."), wo die Zimmerleute an einem Tisch sitzen, in dessen Tischplatte sie ihre Spitzhämmer geschlagen haben und unter den sie ihre leeren Gläser werfen. Hier steht ein altes, verstimmtes Klavier, und der Held wird rückfällig und spielt Chopin und Jazz. Daraufhin wird er "King Klavier" genannt. (Eine schöne Frau aus einer Frauenbrigade hört ihm zu. Über ihre Brigadeleiterin sagen die Männer anerkennend, sie habe "Hände wie Klosettdeckel" und "Sie soll eimerweise Bier saufen können." "Natürlich, gleich aus der Dachrinne, du Pachulke." Dabei verachtet sie die Männer: "Unbedeutende Waschlappen, unverschämte Stiere.") Die Brigade muß mörderische Nachtschichten schieben, bei denen der King stundenlang mit dem Schlaf kämpft, während er beim Betonieren einer Hallenzwischendecke - der Beton aus der undichten Leitung spritzt ihm in den Nacken-, einen störrischen, mit flüssigem Beton aus der Betonpumpe gefüllten Wagen schieben muß. Diese lange Schicht in der eisigen Nacht wird beschrieben wie bei Tolstoi eine Schlacht, Dramatik entsteht nicht durch Ladehemmung oder Probleme mit dem Nachschub, sondern weil am Kompressor für die Betonpumpe eine Ventilfeder bricht, die Arbeit unterbrochen werden muß und die Norm gefährdet ist. Es gibt nie genug Ersatzteile und die Maschinen sind veraltet und fahren auf Verschleiß. Der King bildet sich aber ein, daß all das notwendige Opfer für den Aufbau des Sozialismus sind. (Es handelt sich sicher um eine der zahlreichen Hallen, die nach der Wende abgerissen wurden.) In der Brigade sind natürlich viele Männer, die noch im Krieg waren, Alkohol spielt keine geringe Rolle, derbe Stories über Frauen helfen in Regenpausen gegen die Langeweile, der Brigadier hat es in der Hand, bei der Abrechnung zu schummeln, damit der Lohn stimmt. Ihre Individualität leben die Männer in ihren Kopfbedeckungen aus ("bunt, verbeult, zurechtgebogen, mit mutwillig durchlöcherten oder eckig eingeschnittenen Rändern, oder Krempen, die hier und da mit einem dicken Zimmermannsnagel hochgesteckt waren.") Sie hegen Vorbehalte gegen die "technischen Kader", einen "tief aufgestauten Ärger und Verachtung des Produktioners gegenüber der bleichhäutigen, blutarmen Büroseele". Nichts, was man auf dem Bau nicht erwarten würde, aber für die DDR-Kulturfunktionäre schon zuviel Realismus (interessanterweise gab es auch bei Playmobil Kritik daran, daß in der ersten Edition von 1974 die Bauarbeiter Bierflaschen hatten). Nach der Nachtschicht fährt der King wie sediert in einem Skoda-Bus zur Gemeinschaftsunterkuft, in einem Neubau, eine Wohnung, in der in drei Zimmern sieben Bauarbeiter wohnen. Er träumt von der Zukunft in diesem Ort. (Es handelt sich um Hoyerswerda, heute ist davon einiges wieder "rückgebaut".) Er ist zu müde, um sich eine Stulle zu schmieren und beißt vom Speck ab: "Er saß in seinem grauen Arbeitszeug, das er unter der Kombination gehabt hatte, am Tisch und er aß langsam, schläfrig kaufend, das Brot und den Speck, und es war ein herrlich männliches Frühstück." Aber er fühlt sich großartig und sediert. Man spürt den Stolz, dazuzugehören in seinen dreckigen Arbeitsklamotten, wenigstens für heute etwas geleistet zu haben. Daß man die neu entstandenen Viertel und Städte, deren Architektur heute für alles mögliche an sozialen Problemen verantwortlich gemacht wird, einmal so freundlich sehen konnte, sollte man zumindest wissen:

"Er begriff plötzlich, daß er sich in diese kleine Stadt verliebt hatte, die sich vor seinen Augen großartig herausmauserte, und er konnte sich kaum vorstellen, jemals wieder wegzuziehen. Freilich hatte er zunächst diese denkwürdige Kombination von häßlicher und muffiger, altdeutscher Langweiligkeit in der Innenstadt und von mathematisch klarer, großzügiger Erneuerung an der Peripherie, die bereits auf die Innenstadt übergriff, als ungemütlich ungastlichen Antagonismus verwünscht, - aber nun, da er die Winkel und Gassen und Ruinen der Altstadt und zugleich die phantastisch heranwachsenden neuen Straßen und Viertel genau kannte, hatte er sich in sie verliebt, und es schien ihm ganz natürlich, daß man sich in sie verlieben mußte."

Wie gesagt, wir sprechen über Hoyerswerda, und hier ist von Liebe die Rede.

Der "Bitterfelder Weg" war eigentlich keine schlechte Idee, es kann ja nicht schaden, wenn Autoren und Künstler die Arbeitswelt kennenlernen. Die Großbaustellen der DDR, insbesondere später natürlich die Druschba-Trasse in der Ukraine und in Rußland, waren nebenbei so etwas wie ein Ersatz für den Wilden Westen, wo Outlaws untertauchen konnten und andere Gesetze herrschten. Das Problem war, daß die Partei schon vorher wußte, was sie von den Künstlern hören wollte, Geschichten über ideologisch vorbildliche Arbeiter, bzw. wenn sie bewußtseinsmäßig noch schwankten, dann sollte ihnen von der Partei geholfen werden, zu einem nützlichen Mitglied der Gesellschaft zu werden. (Der Titel "Erziehung eines Helden" hatte deshalb eine ironische Note.) Die Wirklichkeit sah anders aus, widersprüchlicher und natürlich auch interessanter. Der Aufbau-Verlag unterstützt Pitschmann, er bekommt einen Vertrag und einen Platz im Schriftstellerheim in Petzow am Schwielowsee (eine ehemalige Villa von Marika Rökk, Herbergseltern waren damals noch die Eltern von Christa Wolf), wo er in drei Monaten das Buch schreiben soll aber auch Brigitte Reimann kennenlernt, deren Mann gerade im Gefängnis ist. Sie verlieben sich Hals über Kopf, lassen sich scheiden, heiraten und gehen nach Hoyerswerda. Pitschmann schreibt sehr langsam, sein Leben lang kämpft er mit Selbstzweifeln und Schreibblockaden. Das Manuskript war noch in Arbeit, da wurde er schon angegriffen, Erwin Strittmatter startete eine Kampagne gegen die "harte Schreibweise", die von den Amerikanern abgeguckt sei. Pitschmann wird zwar nicht namentlich genannt, aber es ist klar, daß auch er gemeint ist. Wie Pitschmanns Manuskript, eigentlich eher zufällig, in die ideologischen Mühlen geriet, und wie es Pitschmann "erwischte", wird im Nachwort aufbereitet, ein Lehrstück über den kunstfeindlichen Irrsinn der DDR-Kulturpolitik. Pitschmann beschreibt sich und Brigitte Reimann als in dieser Zeit durchaus noch vom Glauben an das gesellschaftliche Projekt DDR angetrieben, sie gehören ja einer Generation an, die noch mit der Nazi-Ideologie aufgewachsen ist und mit dieser Vergangenheit brechen wollte. Pitschmann hat alle Hoffnung in sein Buch gesetzt, mit dem er sich als Autor etablieren wollte, aber in einer Sitzung des Schriftstellerverbands wurde er von Kollegen und Funktionären an den Pranger gestellt. Für ihn war damit etwas zerbrochen, er nahm sogar Schlaftabletten (immerhin besuchte ihn Strittmatter mit schlechtem Gewissen am Krankenbett.) Die Partei forderte zwar, daß die Künstler auf die Baustellen und in die Betriebe gehen sollten, aber man wollte keine realistischen Texte über dieses Milieu, perfiderweise mit dem Argument, die Arbeiter wären empört, sich so dargestellt zu sehen. Was uns heute an Pitschmanns Buch beeindruckt, die Widersprüchlichkeit der Charaktere, ihre Verstrickung in die Geschichte, die Distanz zwischen Funktionären und "Arbeiterklasse", die Beschreibung der teilweise unmenschlich harten Arbeitsbedingungen war gerade nicht gefragt. Heiner Müller, dem es zu dieser Zeit mit seinem Stück "Umsiedlerin" ähnlich gegangen war, hat die anschließenden Jahre außerhalb des DDR-Literaturbetriebs später zu seiner besten Zeit verklärt, abseits von Kritikern und Publikum, an Selbstbewußtsein hat es ihm nie gefehlt. Andere wie Pitschmann sind fast daran zerbrochen. Auch die Ehe mit Brigitte Reimann scheiterte. Ihre Sicht darauf kennt man aus ihren Tagebüchern, manches deutet sich auch in ihrem Bericht über die Neuland-Kampagne in Kasachstan an, über die sie für den Zentralrat der FDJ schrieb. Pitschmann beschreibt ihre Liebe in "Verlustanzeige" ganz ohne Bitterkeit, dabei klingt, was sie ihm durch krankhafte Eifersucht und ständiges Fremdgehen angetan hat dramatisch und kaum zu ertragen. "Verlustanzeige" ist ohnehin ein Genuß zu lesen, sensibel, nachdenklich, selbstkritisch und uneitel liefert Pitschmann den Lebensbericht eines Kriegskinds (er gehört nebenbei in die Reihe der lungenkranken Schriftsteller), das mit den Eltern aus Schlesien flüchten mußte, in der DDR kein Held war, aber immer anständig geblieben ist, ein sensibler Außenseiter. Es fällt auf, wie oft sich der Autor im Roman selbst zur Ordnung ruft: "Nun bilde dir bloß nicht zuviel ein, sagte er sich zugleich, mißtrauisch gegen ungenaue Gefühle." Wenn er die großen Baumaschinen bewundert "und natürlich wußte er zugleich, daß diese überschwengliche, fast atavistische Bewunderung unwissenschaftlich und deshalb zu verwerfen war." "Dann war alles still, und ich verwarf ärgerlich mein ungenaues, törichtes Heimwehgefühl." Welcher Autor würde heute sein Heimweh "ungenau" nennen?

Von der widersprüchlichen Euphorie einer Generation beim Aufbau der DDR zu lesen, bekommt nach deren Abbau eine tragische Note, wegen der Vergeblichkeit, die mitschwingt, und weil die Umweltproblematik noch gar nicht gesehen wird, die Zerstörung der Landschaft durch den Tagebau, in Leuna wurden ja Braunkohlebriketts hergestellt. Die Ausgabe ist mit Baustellenfotos aus dem Leuna-Archiv ausgestattet und enthält ein sehr gutes Nachwort der Herausgeberin. Es wird auch noch eine kurze Erzählung abgedruckt, die erst im Nachlaß aufgetaucht ist und die Pitschmann zehn Jahre nach dem Roman geschrieben hat ("Ein Mann namens Salbenblatt"). In diesem bitteren Text rechnet er mit der eigenen Euphorie ab, die Architektur wird mit anderen Augen gesehen: "Einer von diesen praktischen Typenblocks, die einem bloß Angst machten, daß man auch die richtige Tür erwischte, falls man nicht nüchtern war, und die er früher, aus der Entfernung, als Träume aus Glas und Beton besungen hatte." Der Roman aus der Arbeitswelt und das bittere Dementi, beides gehört zusammen. Salbenblatt hat immer eine "Eiserne Ration" dabei, also irgendein Mittel, mit dem er sich umbringen kann, was er auch vorhat. Eine große Liebe ist gescheitert, man muß hier an Brigitte Reimann denken. Salbenblatt war seine Frau zu linientreu, für ihn steckte in ihr immer noch "so ein Stück BdM-Ziege". Konkurrenz spielt natürlich auch eine Rolle: "Da hatte er ewig von den wahrhaftigen, großen Geschichten geträumt, ehe er seine Begabung restlos verhurt haben würde, ewig davon geträumt, wie er es Leonore schon zeigen wollte, und nun, als es Zeit war, waren plötzlich keine Kräfte mehr da." In "Verlustanzeige" hat Pitschmann mehr Abstand zu seiner Geschichte, er tritt nicht nach (auch nicht gegen Strittmatter) und diese menschliche Größe nötigt Respekt ab: "Für meine eigenen Texte wird meist mit irgendwelchen Zitaten von ihr Reklame gemacht. Das ist natürlich ehrenvoll für mich, weil sie so eine hohe Meinung von meinen schriftstellerischen Talenten hatte. Aber ich würde doch gern für mich stehen." Kurz vor seinem Tod wurde er noch als Berater für die Verfilmung ihrer Liebesgeschichte hinzugezogen: "Ich bin sehr gespannt, aber andererseits empfinde ich einen furchtbaren Horror davor. Sich selbst gespielt zu sehen! Das ist eigentlich grauenhaft."

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