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Literatenfunk

ERZÄHLEN: NACH DEM KRIEG

Quelle: privat

SABINE SCHOLL
Autorin
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piqer: SABINE SCHOLL
Montag, 21.05.2018

ERZÄHLEN: NACH DEM KRIEG

Wie tief sind Spuren eines Krieges in Menschen und Landschaften eingezeichnet? Wie viel Zeit muss zwischen dem Geschehen und dem Schreiben vergehen? Dauert es tatsächlich mindestens eine Generation? Und hilft räumliche Distanz?

Literatur über den Krieg zu schreiben, heißt, sich zu erinnern, den Aussagen von Teilnehmern und Betroffenen zuzuhören, heißt ihren Konstrukten zu folgen, sie miteinander abzugleichen oder auch nebeneinander zu stellen, um Narrative daraus zu formen. Heldenerzählungen, die sich vor allem auf Kampfgeschehen und dessen großartige Bewältigung gründen, zeigen nur einen Ausschnitt. Berichte aus der betroffenen Zivilgesellschaft sind hingegen vielstimmig. Im 1990 erschienenen Roman „Einander Kind“, z. B. forscht Barbara Frischmuth der Kriegs- und Nachkriegszeit in ihrem Heimatort Altaussee nach. Die Handlung ist in den späten Achtzigerjahren situiert, in der Ära Waldheims, des österreichischen Präsidenten, der seine Nazi-Verbrechen zuerst geleugnet und dann verharmlost hatte, was der Erzählerin Gelegenheit gibt, den Nachwirkungen, die der Zweite Weltkrieg in den Menschen hinterlassen hat, zu folgen.

Das stärkste Element in Frischmuths Roman bildet die Darstellung von Frauen, die selbständig und ehemännerlos in einer konservativen Gesellschaft leben, welche sich im Aufbruch befindet. Sie sind Buchhalterin, Hotelbesitzerin, Schauspielerin und werden in ihrem letzten Lebensdrittel geschildert. Das ist selten. Alle sind sie eigensinnig, mutig, außergewöhnlich. Frischmuth bringt im Buch auch die wahre Geschichte ihrer Tante Felicitas unter, die damals jüdische Verfolgte gerettet hatte, lässt Begebenheiten aus dem Widerstand gegen die Nazis im Salzkammergut und den aktiven Part der Frauen dabei anklingen. Aber eigentlich sind diese Echos nur dem Leser verständlich, der die historischen Hintergründe vorab studiert hat. Ohne dieses Wissen bliebe es bei der Wahrnehmung von Andeutungen. Nur kurz blitzen in Unterhaltungen die Konflikte zwischen nationalsozialistisch Denkenden und ihren Gegenspielern auf. Was sich heute als behutsame Annäherung an die Problematik ausnimmt, war jedoch damals in Österreich nach Jahrzehnten des Schweigens noch eine immense Provokation.

Eine besondere Form des Erzählens nach dem Krieg findet sich bei einer Wiener Autorin, die vor den Nazis in die USA geflohen war: Hertha Pauli, die als eine der wenigen ihre literarische Karriere in Amerika fortsetzen konnte. Der Blick von Außen ermöglicht Pauli im Roman „Jugend nachher“ von 1959, über die Auswirkungen des Nazi-Denkens auf die nachwachsende Generation zu schreiben, während an den Schauplätzen selbst über die Vergangenheit geschwiegen wurde. Die Aufarbeitung des Kriegs wird in diesem Roman weder von Opfern noch von Tätern vollzogen. So erstaunt aus heutiger Sicht, wie die Lebensumstände der aus dem KZ geretteten jüdischen Hauptfigur Irene mit denen der Täter parallel geführt werden, ohne den Holocaust ausführlich zu thematisieren oder in den Vordergrund zu stellen. Ihre Tante beschwert sich sogar bei Irene, dass man nicht mehr über Juden herziehen darf, obwohl ja was Wahres an den Diffamierungen gewesen sei. Das geschieht interessanterweise, ohne dass das Wort Jude je erwähnt wird:

„Das hat man davon, wenn man sich in Stücke reißt für so eine wie dich – man schweigt ja darüber, weil man sich schämt, und weil heutzutage ja auch nicht mehr davon gesprochen werden soll, aber es war eben doch was dran (...) Der Michael ist nicht schuld, nur du mit deiner Vergangenheit...“ (Hervorhebungen von mir)

Aus den Umschreibungen ist die Denkweise der Mehrheit der Deutschen nach dem Krieg abzulesen, als trotz verhüllender Formulierungen eine derartige Analyse wahrscheinlich zu früh kam. Über einen großen Erfolg dieses Romans damals ist so auch nichts bekannt und für heutige Leser ist er – mit dem Wissensstand, über den wir mittlerweile verfügen – zu indirekt. Der Roman steht zwischen amerikanischer und deutscher Nachkriegsbefindlichkeit, zwischen Zeiten und Räumen, ist letztlich ein Spiegel von Paulis persönlichen Umständen.

Die Vorstellung, dass es Frieden nur geben kann, wenn man die Vergangenheit auf sich beruhen lässt, wie von Täterseite in dieser Erzählung gefordert, steht gegen die Vorstellung, dass nur die Suche nach den Tätern und ihrer Motivationen Ruhe bringen kann. Und das bestimmt die Diskussion um das Erzählen nach dem Krieg bis heute.

Barbara Frischmuth: Einander Kind. Aufbau Verlag. 1990

Hertha Pauli: Jugend Nachher, Rowohlt. 1959

8,8
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