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Literatenfunk

Erneuter Versuch über Schestow

Erneuter Versuch über Schestow

Jan Kuhlbrodt
Autor und Philosoph

*1966 in Karl-Marx-Stadt
Studium in Leipzig und Frankfurt am Main
Redakteur bei EDIT und Ostraghege
freier Autor
letzte Veröffentlichungen: Kaiseralbum (Verlagshaus Berlin), Das Modell (Edition Nautilus), Die Rückkehr der Tiere (Verlagshaus Berlin)

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Jan KuhlbrodtMittwoch, 29.12.2021

Ich lese seit nunmehr gut  zehn Jahren immer wieder in den mir zugänglichen Texten Lew Schestows. Es gibt im deutschen Sprachraum bisher kaum flankierende Lektüren außer den Vor- und Geleitworten in den Ausgaben selbst, dabei hat Schestow in der Geistesgeschichte keine unwesentliche Rolle gespielt, in der russischen nicht, aber auch nicht in der westeuropäischen, in der französischen, zum Beispiel als Lehrer und später theoretischer Kontrapunkt z. B. Batailles'. 

In Deutschland so scheint mir, ist Schestow noch immer zu entdecken, obwohl bei Matthes und Seitz mittlerweile große Teile seines Werkes in Übersetzung erschienen sind.  

Zuletzt erschien dort ein Band von Peter Maximowitsch: Philosophie des Einzelnen. Leo Schestow zwischen Denken und Leben. Dabei handelt es sich um nicht weniger als den höchst lesbare Versuch einer Gesamtdarstellung der Schestowschen Werkes.

Lew Isaakowitsch Schestow, der eigentlich Jehuda Leib Schwarzmann hieß, wurde 1866 in Kiew geboren wurde. Er starb 1936 in Paris und er war ...  Ja was war er? In seinen Schrif­ten ent­zieht er sich der Be­stimmung, weil er die Kate­go­rien einfach nicht er­füllt. Er war Phil­osoph, Reli­gions­philo­soph, Lite­ratur­wissen­schaft­ler und Kriti­ker, und er war nichts von alldem. Viel­leicht trifft auf Schestow das Wort Literat noch am besten.

  Felix Filipp Ingold, der Schestow über­setzt und heraus­ge­geben hat, schreibt in sei­nem Vor­wort zu dem Buch „Siege und Niederlagen2 das 2013 bei Mathes und Seitz erschien:

  „Mit Nietzsche ging Schestow, der als philo­sophi­scher Auto­di­dakt gleich­sam na­tur­ge­mäß zum Frei- und Quer­denker­tum neigte, einig nicht nur in seiner Funda­mental­kritik an der euro­päischen Schul­philo­sophie, sondern auch in seiner Vor­liebe für Musik und Tanz, von der sein sprunghafter Stil – im Denken nicht anders als in der Schreib­be­wegung – deut­lich geprägt war.“

  Und das ist fürs erste das bemer­kens­werte an Schestows Texten, die in diesem Band: „Siege und Nieder­lagen“ zu­sam­men­gefasst sind. So wie er nicht einzu­ord­nen ist, ordnet er nicht ein. Über­tritt jeg­liche Gat­tungs­grenze, macht aus phi­lo­sophi­schen Texten lite­rarische und aus lite­rari­schen solche der Er­kennt­nis­theorie. Und: noch einmal aus Ingolds Vorwort:

„Man könnte den Eindruck gewinnen, Schestow lasse 'seine' Autoren durchweg und bedenken­los in seinem Namen, an seiner Stelle argumentieren. Er selbst hat dieses wissen­schaft­lich unhaltbare Vorgehen als ›Seelen­wan­derung‹ gerecht­fer­tigt, sein Freund und Kollege Berdjajew fand dafür den passenden, leicht ironi­schen Aus­druck „Schestowi­sierung“, was für eine ver­ein­nahmende „Über­schrei­tung“ oder für eine Art von synthe­tisie­render Nach­schrift stehen mag.“

Was Schestow macht, ist ein Aben­teuer auf unge­sichertem Gelände. In dem er die Texte um sich selbst herum grup­piert, setzt er sich ihnen aus. Und dieses Abenteuer lesend mitzu­erleben ist gleich­falls abenteuer­lich.

Wenn Schestow sich zum Beispiel Hamlet zuwendet, dann also der Figur Hamlet, den vor­gestell­ten Menschen, nicht vorder­gründig dem Stück als Lite­ratur aber über das Stück:

  „Er nahm diese ganze gelehrte Nah­rung zu sich, erweiterte seine theo­retische Er­fah­rung, doch je mehr er aus seinen Büchern erfuhr, desto weniger begriff er die reale konkrete Bedeutung der gewal­tigen Lebens­welt, mit ihrer endlosen Ver­gan­gen­heit und ihrer weit­reichenden Gegen­wart.“

  Im Text, aus dem dieses Zitat stammt (Versuch über Hamlet), findet sich viel der moder­nen und zeit­genös­sischen Sprach- und Wissen­schafts­skepsis. Als schlüge sich um 1900 der Posi­tivismus end­gültig auf die Seite der Maschinen, und die Men­schen als Ma­schinen­bauer bleiben ratlos dahinter zurück. Einige wenige von ihnen werden wie Hamlet zu Enzy­klopä­disten. Und einer davon begegnet uns 30 Jahre später in Sartres “Der Ekel“ wieder.

Noch interessanter aber fand ich die Wendung „endlose Vergangenheit“. Endlos heißt auch: un­über­schau­bar, nicht aus­zuloten. der End­losig­keit ist kein tech­nisches Kraut gewachsen. Nur der Begriff Fort­schritt versucht diesem Mate­rial einen Sinn einzublasen, tut dieses aber auf Basis einer Selektion: was nicht in sein Schema passt, ist dem Untergang anheim­gegeben. Aber wenn uns die endlose Ver­gangen­heit nicht ein­schüchtert, setzt sie uns frei. (kann sie uns frei setzen.) Ge­schichte.

Peter Maximowitsch stellt in seinem Schestowbuch die Thesa auf, dass sich in der Schestowschen Lesart Shakespesre in Hamlet darstellt, oder Dostojewski in Rakolnikow.

„Schestow vollzieht wie bei Nietzsche und Tolstoi auch bei Dostojewski eine Projektion der literarischen Motive zurück auf den Autor.“

Das Buch „Siege und Niederlagen“ wird durch ein Reihe Philosophischer Frag­mente beschlos­sen. Einige da­von füh­ren Gedan­ken an, beginnen mit deren Ent­wicklung, andere verhalten sich eher apho­ris­tisch. Ein Lese­ver­gnü­gen bergen sie alle. Das Frag­menta­rische scheint mir ein genuiner Aus­druck von Schestows Den­kens zu sein, dabei lässt er die Roman­tik aller­dings hinter sich. Das Rätsel ist hier kein Zauber und auch kein Unver­mögen des Erken­nens, sondern struk­turel­les Moment und Resultat der Welt­zu­wendung. Unter den Fragmenten findet sich Folgendes:

 „Die moderne wissen­schaftl­iche Philo­sophie hat sich von den Mythen los­gesagt, um so häu­figer muss sie Zuflucht zu Meta­phern nehmen, doch was ist eine Meta­pher anderes, als ein kostümierter Mythos? Kostü­miert mit All­tags­klei­dung.“

  Diese Sätze sind erstaunlich, stellen sie Schestow doch als post­struktu­ralis­ti­schen Zeit­genos­sen dar. Aller­dings ist mit der­gleichem Label dem Autor nicht beizu­kommen. Maximowitsch geht auch dem nach.

Unter dem Titel "Speku­lation" schreibt Schestow:

 " … Darum beginnen alle spekulativen Systeme bei der Freiheit und enden bei der Not­wendig­keit, wobei sie, da ja die Not­wendigkeit allgemein gesprochen keinen guten Ruf genießt, gewöhn­lich zu beweisen bemüht sind, dass jene letzte höchste Not­wen­dig­keit, zu der man ver­mittelst der Speku­lation gelangt, sich in nichts von der Frei­heit unterscheide, mit anderen Worten, dass vernünftige Freiheit und Not­wendig­keit ein und das selbe sei." 

Gegen diese Position setzt Schestow letztlich sein Konzept gespeist unter anderem aus einer Auseinandersetzungen mit Kirkegaard, Nietzsche und Pascal, die nachzuvollziehen die Lektüre des Buches von Maximowitsch auch einen Anlass bietet.

 

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