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Literatenfunk

Endlos erweiterter Infinitiv – Ingolds „Überzusetzen“

Endlos erweiterter Infinitiv – Ingolds „Überzusetzen“

Jan Kuhlbrodt
Autor und Philosoph

*1966 in Karl-Marx-Stadt
Studium in Leipzig und Frankfurt am Main
Redakteur bei EDIT und Ostraghege
freier Autor
letzte Veröffentlichungen: Kaiseralbum (Verlagshaus Berlin), Das Modell (Edition Nautilus), Die Rückkehr der Tiere (Verlagshaus Berlin)

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Jan KuhlbrodtMittwoch, 10.11.2021

Wer weiß, wie viele Jahre es jetzt schon sind, dass ich dem Autor, Übersetzer, Theoretiker; Romancier und Romanisten, dem Slawisten und zuweilen auch Polemiker Felix Philipp Ingold von Buch zu Buch folge. 

Darüber hinaus ist er in seinen Prosawerken auch ein Meister der Aufzählung als literarische Form, sodass sich der Versuch, den ich hier eingangs angestellt habe, bescheiden ausnimmt, weil er mit jedem Begriff, den er anführt, mindestens zwei andere verschweigt. Ingolds Ausstoß ist beachtlich. In letzter Zeit las ich, neben Zwetajewa-Übersetzungen, die von ihm herausgegebenen und übersetzten ausgewählten Schriften des russischen religiösen und mit seiner Religion kämpfenden Denkers Wassilij Rosanow, der, so scheint es mir, um die vorvergangene Jahrhundertwende herum bis zur Russischen Revolution alles gab, um den russischen Diskurs aufzumischen. Allerdings verschwanden sein Name und seine Schriften unter der Sowjetherrschaft in den Archiven und wurden erst nach Zusammenbruch und Zerfall der Sowjetunion wieder zugänglich und rezipiert. Insofern muss man den oben aufgezählten Funktionen Ingolds noch die des literarischen Entdeckers zuschreiben.

Es fällt mir gerade schwer, etwas über Ingold zu schreiben, ohne mich zu verzetteln, denn eigentlich wollte ich nicht auf Rosanow hinaus, sondern auf ein Buch, das in einer einheitlichen Ingold-Reihenausstattung im österreichischen Ritter Verlag erschienen ist und „Überzusetzen“ heißt. Und natürlich spielt der Titel schon mit verschiedenen grammatischen Formen, ruft den erweiterten Infinitiv auf, aber auch das Verb zusetzen, was in der erweiterten Form zuzusetzen lautete. Ingold spielt im Titel also mit grammatischem und etymologischem Material. Man könnte meinen, Ingold verfährt so, wie er es in einem Essay bei Jacques Derrida vorfindet und analysiert:

„Unzusammengehöriges, Unpassendes zusammenzuführen und damit überraschende Bedeutungsperspektiven zu eröffnen gehört zu Derridas philosophischen, vielleicht aber auch bloß rhetorischen Prioritäten.“

Aber Ingold ist kein Derridist, also kein Epigone, wie sie in den vergangenen Jahrzehnten hier und da aus dem Diskursmyzel wuchsen. Ganz im Gegenteil. Seine Arbeit ist, wenn sie sich dem lustvollen Sprachspiel auch nicht verweigert, doch und vor allem präzise zu nennen.

„Versuche zur Wortkunst und Nachdichtung“ heißt das Buch im Untertitel, und es versammelt in sechs Abteilungen Essays zur Übersetzung. Einerseits Essays, die das eigene Übersetzen formulieren, also die Arbeit des Übertragens und Nachdichtens aus anderen Sprachen in eine Zielsprache, aber auch nachdichtende und nachformulierende Praktiken innerhalb einer Sprache, und das Nachübersetzen im Sinne von Neuübersetzungen.

Bei letzterem fand ich einige meiner Vorbehalte gegen Neuübersetzungen Bulgakowscher Texte formuliert, die mir so, oder so ähnlich bei den Lektüren auch durch den Kopf gingen. Der Titel „Das hündische Herz“ zum Beispiel, statt „Hundeherz“ wie in älteren Übersetzungen:

„Dabei maskiert der Übersetzer vorab seine Distanzierung von den früheren durchaus textgerechten Verdeutschungen, doch einen nachhaltigen literarischen Gewinn kann er dabei nicht verbuchen.“

Auch ich hatte bei der Lektüre dieser Neuübersetzungen den Eindruck, die Eitelkeit des Übersetzers schöbe sich vor den Text. Ingold gibt den Namen des Neuübersetzers nicht an, und auch ich werde ihn hier nicht formulieren, sondern immer, wenn ich Bulgakow lesen will, auf meine Ausgabe mit den Reschke-Übersetzungen zurückgreifen.

Neben solch theoretischen und übersetzungskritischen Erwägungen bietet der Band natürlich noch jede Menge ingoldscher Übersetzungen, die zu lesen mir immer ein Fest ist.

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