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Literatenfunk

Ein Vademecum des ironischen Geistes
Felix Lorenz
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piqer: Felix Lorenz
Sonntag, 30.07.2017

Ein Vademecum des ironischen Geistes

Irgendwo in einem uralten, peripheren Text schildert Rainald Goetz, wie ihm die Frage gestellt wird, was denn eigentlich sein Lieblingsschriftsteller sei. Natürlich eine verwirrende Frage: “Den Lieblingsschriftsteller wußte ich erst nach richtigem Gegrübel, aber dann war er plötzlich klar, so einfach, wie wahr: Andy Warhol” (Kronos). Okay, klar, Pointe und so. Der beste Schriftsteller einer, der vor allem als Künstler bekannt ist – hihi. Aber nimmt man diese Wahl mal ganz kurz ernst, ist sie eigentlich eine ziemlich gute.

Ich lese Bücher vor allem deshalb, weil mich gute Sätze interessieren. Plot, Figuren, sogenannte wichtige Themen – alles schön, alles gut, die Welt ist bunt, die Welt ist vielgestaltig, und es ist auch nicht verkehrt, wenn irgendwann mal etwas in ihr passiert. Aber ohne gute Sätze ist das alles nichts. Präzise Sätze sind die Grundlage von allem. Am meisten gefällt es mir, wenn ich durch einen Text von Satz zu Satz gehe und bei jedem sagen kann: Ja, genau, stimmt, so und nicht anders muss es gesagt sein, und wenn nicht, sollte es am besten überhaupt nicht gesagt werden.

Andy Warhols Schriften bestehen aus sehr vielen guten Sätzen. In The Philosophy of Andy Warhol: From A to B and Back Again (deutsche Übersetzung: Die Philosophie des Andy Warhol von A bis B und zurück) ist fast jeder Satz ist auf seine Zitierfähigkeit hin ausgelegt. Das Buch ist eigentlich eine Autobiographie, aber es liest sich teilweise mehr wie ein Kompendium verschiedenster Äußerungen Warhols, sortiert nach einzelnen Themen, von der Liebe in den verschiedenen Lebensabschnitten über Schönheit und Tod bis zu Kunst und Erfolg. Jede Angelegenheit wird durch die große Warhol-Mühle gedreht, immer mit einem Dreh, der eine originelle Perspektive liefert. Alles in einem lockeren Konversationstonfall – lässig, mit einer gewissen Nonchalance, aber trotzdem zugespitzt und eingängig.

Hier sieht man einem dabei zu, wie einer, dessen ganzes Auftreten immer dann zu entwischen droht, wenn man gerade meint, es verstanden zu haben, Verhaltenslehren der Ironie vorexerziert. Dauernd stößt man auf doppelte Böden in Warhols Äußerungen, besonders dann, wenn er auf der Oberfläche einen viel zu einfachen Satz von sich gibt. Aber man kann sich nie ganz sicher sein, ob er gerade auf etwas von sehr tiefem Sinn anspielt oder eigentlich viel eher dabei ist, sich mit seinem ganzen Schmäh um jeden Sinn herumzutricksen.

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