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Literatenfunk

EIN REST VON SOMMER: CIRCE

Quelle: privat

SABINE SCHOLL
piqer: SABINE SCHOLL
Montag, 17.09.2018

EIN REST VON SOMMER: CIRCE

Neulich, beim zufälligen Besuch einer Durchschnittsbuchhandlung durchfuhr mich ein Schock: Tische und Regale voller Wälzer über Identität, Nation und Islam, als wären das die größten Fragen der deutschen Leserschaft. Lebe ich in einer Blase? Falls ja, dann ereignet sich in ihr viel mehr als diese von rechts aufoktroyierten Problemstellungen. Deshalb widme ich mich lieber Themen, die angeblich bereits gelöst sind, z. B. der Gleichberechtigung.

Weil ich Freude daran habe, festgelegte Erzählungen durcheinanderzubringen, nahm ich mir diesen Sommer Madeline Millers Roman „Circe“ vor.

Circe, gemeinhin als Verführerin, Femme fatale, Männergift in Literatur und Filmen dargestellt, wächst in Millers Version als Außenseiterin inmitten einer von sich selbst begeisterten und machtbesessenen Titanenfamilie auf. Als Zeichen ihrer gespaltenen Natur verfügt Circe auch nicht über eine laute Götterstimme, sondern eine gebrochene, kaum hörbare. Ihr Interesse für Kräuter wird als Spinnerei und minderwertige Fähigkeit abgetan. Und dann hält sich die junge Frau nicht an die Regeln des Hofes, bildet sich den falschen Mann ein, bleibt stur, gerät in Intrigen, Charybdis wird ihre Rivalin. Schließlich kann sie nicht widerstehen und verwandelt die Nebenbuhlerin in ein Monster.

So setzt Miller hierarchische Beziehungen zwischen Göttern, Halbgöttern und Menschen als Koordinaten der Entwicklung ihrer Circe. Verbürgte Helden, wie Jason oder Odysseus, die Circe, nachdem sie wegen ihrer Untat auf eine unwirtliche Insel verbannt wurde, aufsuchen, sind nicht perfekt, sondern schwankend in Stimmungen und Absichten. Gerade Odysseus stellt sich mit der Zeit als selbstbezogener Unsympath heraus, dem seine Familie relativ egal ist, wie wir später von Telemach und Penelope erfahren. Dass in Homers Epos nicht viel darüber berichtet wird, was auf Circes Insel geschieht, nachdem Odysseus abgereist ist, verschafft der Autorin einen großen Spielraum für Interpretationen.

Am deutlichsten unterscheidet Circe ihre Unsterblichkeit von den Menschen, mit denen sie nun hauptsächlich verkehrt. Sie sieht vertraute Personen altern, Generationen an sich vorbeiziehen, verwandelt mit viel körperlicher Arbeit ihre raue Umgebung in einen angenehmen Ort, kommuniziert über Jahrzehnte nur mit Tieren und Pflanzen, hat Visionen, vervollkommnet ihr Kräuterwissen, sorgt für den von Odysseus empfangenen Sohn, bis es nach dessen Weggang neuerlich einen Geliebten an ihr Ufer treibt. Die berühmteste Circe-Episode der Verwandlung von Odysseus Gefährten in Schweine stellt Miller übrigens als Akt der Notwehr vor sexuell ausgehungerten Matrosen dar. Ohnehin wäre es längst an der Zeit, Schweine in ein besseres Licht zu stellen, schließlich handelt es sich dabei um intelligente, sozial aufgeschlossene Wesen. Auch die Rivalität zur ewigen Ehefrau Penelope erfährt in Millers Roman eine überraschende Wendung. Mehr sei hier nicht verraten.

Der Roman ist jedenfalls kein Versuch, Circe zu heroisieren oder sie als Symbol für dies oder jenes auszunutzen. Die Figur wird dem Leser in ihrer Komplexität nähergebracht, oder besser: Sie erhält erst durch diesen Roman eine Vielschichtigkeit, die sie aus dem starren Schema einer Projektionsfläche für männliches Begehren befreit.

Madeline Miller: Circe. Bloomsbury London 2018

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