Kanäle
Jetzt personalisiertes
Audiomagazin abonnieren
Log-in registrieren
piqd verwendet Cookies und andere Analysewerkzeuge um den Dienst bereitzustellen und um dein Website-Erlebnis zu verbessern.

handverlesenswert

Kluge Köpfe filtern für dich relevante Beiträge aus dem Netz.
Entdecke handverlesene Artikel, Videos und Audios zu deinen Themen.

Du befindest dich im Kanal:

Literatenfunk

EIN PALAST NAMENS HANS

Quelle: privat

SABINE SCHOLL
Autorin
Zum piqer-Profil
piqer: SABINE SCHOLL
Montag, 13.01.2020

EIN PALAST NAMENS HANS

Alles was ich vorab über Kenah Cusanits Babel gehört hatte, klang vielversprechend.

Im Zentrum des Romans stehen die Ausgrabungen rund um Babylon, die der deutsche Bauforscher und Architekt Robert Koldewey geleitet und dafür gesorgt hatte, dass das berühmte Ischtartor letztlich in Berlin landete. Wir erfahren von den Schwierigkeiten, mit denen er zu kämpfen hatte, um dieses Vorhaben zu ermöglichen:

Der nahende Erste Weltkrieg bedroht den Fortgang des Projekts; die ständige Konkurrenz mit von Briten geleiteten archäologischen Stätten ist belastend; deutsche Behörden und Geldgeber müssen umworben werden; fachliche Diskussionen über Babylons Bedeutung ermöglichen erst die Legitimation dieser Ausgrabungen; Transportprobleme müssen gelöst, Konflikte mit Konkurrenten und Mitarbeitern durchgestanden werden; die Kommunikation mit Einheimischen erfordert langwierige interkulturelle Verhandlungen. Dazu kommen die Beeinträchtigungen der Europäer angesichts des ungewohnten Wüstenklimas. All dies wird von der meist reglosen, an einer Blinddarmentzündung leidenden Figur Koldeweys in einem inneren Monolog vorgetragen, dessen Material die Autorin und studierte Altorientalistin aus zahllosen Dokumenten zusammengestellt hat. Babel ist ein Buch, das vor allem aus Büchern gemacht ist und teilweise trocken wie die Wüste. Nahezu die ganze Zeit über bleiben wir im Kopf des Protagonisten, den Cusanit aus Schriften und Briefen konstruiert. Deshalb ist auch die indirekte Rede die häufigste Verlaufsform. Sätze beginnen oft folgendermaßen:

„Delitzsch schreibt, dass Wiegand schreibt, er wünsche, dass ich wisse...“

Wenig bewegt sich, das Geschehen bleibt statisch und unkörperlich. So entsteht eher der Eindruck eines vielschichtigen Gemäldes als der einer Erzählung. Das ganze Buch über hoffte ich auch auf das Erscheinen der britischen Orientexpertin Gertrude Bell, die manchmal kurz erwähnt wird. Leider kommt es zu keiner Begegnung, was schade ist, denn Frauen gibt es in dieser Wüste so gut wie keine. Eine Konfrontation von Bells Sicht der Region mit der Koldeweys wäre spannend gewesen.

Doch gibt es durchaus witzige Passagen. z.B. als der Archäologe die Briten über den Stand der Ausgrabungen im Unklaren lassen will und deshalb in seiner Korrespondenz wichtige Begriffe durch harmlos alltägliche ersetzt:

„Mussten Orte und Funde näher bestimmt werden, bekamen sie Eigennamen: Der Palast Nebukadnezars, aus dem die wertvollsten Funde erwartet wurden, hieß „Hans“.“

Schön ist auch die Passage über Dschirds, mit Zugtieren betriebene Ziehbrunnen, deren Wärter singen, während diese Wasser aus der Tiefe pumpen. Diese Melodie und der Rhythmus des Brunnens existieren seit 5000 Jahren. Stets war die Grundlage der sich entwickelnden und wieder verschwindenden Kulturen das Wasser gewesen, um überhaupt Land bebauen zu können und aus der Kultivierung Kultur zu schaffen.

Cusanit zieht in Babel sogar Parallelen zwischen damals und heute, kommentiert die Orient-Begeisterung Berlins und des wissbegierigen Kaisers mit Witz, enthält sich aber jeglicher Kritik am kolonialen Raub von Kulturgütern, was angesichts der aktuellen Diskussion um die Restitution an deren Ursprungsländer auf der Hand gelegen hätte.

Dafür werden 202 an der Ausgrabung Babylons beteiligte, einheimische Arbeiter namentlich aufgeführt, um die Wahrnehmung zu brechen, es sei nur ein einzelner Mann gewesen, der diese kulturelle Leistung erbracht habe. Immerhin trugen die Arbeiter mit ihren Körpern dazu bei, das Vergangene an die Oberfläche zu fördern. Was wir noch heute in Berlin bewundern können, wurde durch ihre Muskelkraft erst sichtbar.

Möglicherweise ist Babel eine Non-Fiktion, auch wenn es keine einheitliche Ordnung des Wissens darin gibt. Elemente romanhaften Erzählens jedenfalls sind wenige vorhanden. Und das ist vielleicht der größte Coup. Dass Cusanit ihre Leserinnen die staubtrockene, unsinnliche und mühselige Arbeit Koldeweys in der Lektüre nachvollziehen lässt.

7,5
2 Stimmen
relevant?

Möchtest du kommentieren? Dann werde jetzt Mitglied!

Bleib immer informiert! Hier gibt's den Kanal Literatenfunk als Newsletter.

Abonnieren

Deine Hörempfehlungen
direkt aufs Handy!

Einfach die Hörempfehlungen unserer Kuratoren als Feed in deinem Podcatcher abonnieren. Fertig ist das Ohrenglück!

Öffne deinen Podcast Feed in AntennaPod:

Wenn alles geklappt hat,
kannst du das Fenster schließen.

Öffne deinen Podcast Feed in Apple Podcasts:

Wenn alles geklappt hat,
kannst du das Fenster schließen.

Öffne deinen Podcast Feed in Downcast:

Wenn alles geklappt hat,
kannst du das Fenster schließen.

Öffne deinen Podcast Feed in Instacast:

Wenn alles geklappt hat,
kannst du das Fenster schließen.

Öffne deinen Podcast Feed in Apple Podcasts:

Wenn alles geklappt hat,
kannst du das Fenster schließen.

Öffne deinen Podcast Feed in iTunes:

Wenn alles geklappt hat,
kannst du das Fenster schließen.

Öffne deinen Podcast Feed in Podgrasp:

Wenn alles geklappt hat,
kannst du das Fenster schließen.

Bitte kopiere die URL und füge sie in deine
Podcast- oder RSS-APP ein.

Wenn du fertig bist,
kannst du das Fenster schließen.

Link wurde in die Zwischenablage kopiert.

Öffne deinen Podcast Feed in gpodder.net:

Wenn alles geklappt hat,
kannst du das Fenster schließen.

Öffne deinen Podcast Feed in Pocket Casts:

Wenn alles geklappt hat,
kannst du das Fenster schließen.