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Literatenfunk

Ein Buch vom Gehen im Jetzt.

Ein Buch vom Gehen im Jetzt.

Jan Kuhlbrodt
Autor und Philosoph

*1966 in Karl-Marx-Stadt
Studium in Leipzig und Frankfurt am Main
Redakteur bei EDIT und Ostraghege
freier Autor
letzte Veröffentlichungen: Kaiseralbum (Verlagshaus Berlin), Das Modell (Edition Nautilus), Die Rückkehr der Tiere (Verlagshaus Berlin)

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Jan KuhlbrodtSamstag, 05.06.2021

Rost

In seinem Passagenwerk beobachtet Walter Benjamin den Flaneur, also jenen dekadenten Typus von Spaziergänger, der demonstrativ zur Schau stellt, dass er alle Zeit der Welt hat, wenn er sich zuweilen begleitet von einer Schildkröte gemächlich durch Paris bewegte. Benjamin sah darin eine Reaktion auf die grassierende Industrialisierung mit durchaus subversivem Charakter.

Die Gewohnheiten des Flaneurs nahmen in der Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts die Situationisten um Guy Debord auf. Sie versuchten in Ihrer Bewegung künstlerische Handlungen als politische und damit verbunden auch als erkenntnistheoretisch begründete zu vollziehen und darzustellen. Zuweilen simulierten sie aber auch Politik, wenn sie zum Beispiel dem kommunistischen Vorbild entsprechend zu Ausschlüssen aus ihren Organisationen aufriefen, weil sich Mitglieder in ihren Augen eines Fehlverhaltens schuldig gemacht hatten. 

Dem Beobachter und Nachgeborenen erscheint diese inszenierte Politik des Spektakels zuweilen doch etwas bedrohlich. Aber das ist die Seite des Situationismus, die sich überlebt hat. Nicht überlebt hat sich die von ihnen entworfene Art des Flanierens, die Benjamins dekadenten Flaneur gewissermaßen in die Gegenwart projiziert.

Der „Guide psychogéographique de Paris“ von Guy Debord zum Beispiel zeigt  Paris, wie der Autor es psychogeographisch erlebte. Die Stadtteile waren zerschnitten und Teile fehlten, so als würde man bei Fahrten in der Metro irgendwo einsteigen und irgendwo anders wieder aussteigen, zufällig, und so die Stadt erleben und zu entschlüsseln, oder man wandert durch einen mit Schnellstraßen zerschnittenen städtischen Raum. Charakteristisch auch der Vorschlag, sich absichtlich in fremden Städten zu verlaufen, um sich neuen Entdeckungen, Erfahrungen und Zusammentreffen auszusetzen, oder dort Stadtpläne anderer Städte zur (Des-)Orientierung zu nutzen.

Nach ihrer Auffassung war der städtische bebaute Raum der sichtbare Ausdruck jenes (über-)rationalen Denkens, das sie kritisierten. Jedes Gebäude wie etwa Plattenbausiedlungen oder Einkaufszentren transportierte demzufolge Ansichten über Menschen (Menschenbild) und unterschwellige Vorgaben an dort verkehrende Menschen, sich auf bestimmte Weise zu verhalten.

So, also in situationistischen Schuhen durchwanderte Florian Neuner die ehemaligen industriellen Zentren des Rust Belt der USA. In diesem Amerika verstärkt sich der flaneurhafte Effekt, der oben angesprochen wurde, noch. Denn der beschreibende Fußgänger bewegt sich auf eine in der radikal auf dem Autoverkehr angemessenen Architektur geradezu widernatürliche Art und Weise.

Gerade das erlaubt ihm Beobachtungen und Begegnungen, in denen sich historische Relikte mit einer Gegenwärtigkeit verschränkt darstellen. Das was sonst vorüberblitzt, zeigt sich in Zeitlupe und gibt sich der Betrachtung preis. Wir lernen Amerika kennen, wie es sich wahrscheinlich selbst nicht kennt.

Mir sind die Deindustrialisierungsprozesse in Ostdeutschland der Neunzigerjahre noch sehr präsent, zumal ich in Karl-Marx-Stadt aufgewachsen bin, einer Stadt, die von Textil- und Schwerindustrie geprägt war, die sich damals Stück für Stück verlor, und von der nur die Gebäude blieben, die wie entweihte Sakralbauten wirkten. Angesichts dessen, was Neuner beschreibt, erscheint mir diese Transformation wie eine kleine Umstellung und die sozialen Verwerfungen schon fast leicht handhabbar. Interessant allerdings wäre es, diese Vorstellung mit fremden Augen zu überprüfen, also durch Westsachsen zu wandern, wie Neuner durch die Gegend um Detroit.

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