Kanäle
Log-in registrieren
piqd verwendet Cookies und andere Analysewerkzeuge um den Dienst bereitzustellen und um dein Website-Erlebnis zu verbessern.

handverlesenswert

Kluge Köpfe filtern für dich relevante Beiträge aus dem Netz.
Entdecke handverlesene Artikel, Videos und Audios zu deinen Themen.

Du befindest dich im Kanal:

Literatenfunk

Ein Bild von Picasso

Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Pablo_Picasso#/media/File:Pablo_picasso_1.jpg

Jochen Schmidt
Zum piqer-Profil
piqer: Jochen Schmidt
Mittwoch, 15.05.2019

Ein Bild von Picasso

Ich stehe im Museum vor einem bedeutenden Gemälde und jeder kann sehen, daß ich die Kunst auf mich wirken lasse, wie es sich gehört, nach diesem Erlebnis werde ich nicht mehr derselbe sein. (Das wiederholt sich natürlich wegen der vielen Gemälde dutzende Male bei einem einzigen Museumsbesuch, ich bin in so kurzer Zeit so oft nicht mehr derselbe, daß ich nicht garantieren kann, daß ich am Ende nicht vielleicht aus Versehen doch wieder derselbe bin.) Ich betrachte wohlwollend und gelehrig das Werkstück dieses Genies. Daß meine Kinder das hätten malen können, so etwas wird man von mir nicht hören, das sagen nur ganz Dumme, auch wenn es natürlich viele denken. Jetzt wüßte ich aber gerne mal, wer das Bild denn gemalt hat. Allerdings habe ich ein schlechtes Gewissen, wenn ich mich zu dem kleinen Schildchen, das daneben hängt, herabbeuge und die Information lese, denn das sieht dann so aus, als würde ich nicht das Kunstwerk selbst auf mich wirken lassen, sondern mich erst vergewissern müssen, daß es auch wirklich von einem bedeutenden Künstler stammt, um es zu würdigen. Das sollte aber keine Rolle spielen! Selbst, wenn das Bild von einem unbekannten Laienkünstler hier eingeschmuggelt worden wäre, sollte ich ihm eine Chance geben, es geht ja um Kunst und nicht um Namen, Van Gogh haben zu seinen Lebzeiten auch nur die wenigsten gut gefunden, den Fehler darf man kein zweites Mal machen.

Beim Weitergehen schlendere ich aber trotzdem ganz unauffällig dicht am Schildchen vorbei und werfe einen schnellen Blick, den niemand bemerken darf, und wenn, dann soll es so aussehen, als kontrollierte ich nur, ob die Ausstellungsmacher sich bei den Angaben zum Künstler, dessen Stil ich natürlich sofort erkannt habe, nicht geirrt haben, und auch die Jahreszahlen stimmen. Da steht "Picasso", mehr kann ich so schnell nicht erkennen, aber etwas in der Art hatte ich mir schon gedacht. Ein echter Picasso! Ich schlendere noch einmal zurück, als hätte ich meinen Schirm vergessen (nein, ich hatte nur vergessen, daß ich gar keinen Schirm habe) und werfe einen zweiten Blick auf das Bild, das immerhin von Picasso ist, so etwas sieht man ja nicht alle Tage. Andere nehmen eine weite Reise auf sich, um Picasso im Original zu sehen, also nicht "den" Picasso, sondern ein Bild von ihm, also auch kein Bild "von ihm", sondern eins, das er gemalt hat, und das man deshalb "einen Picasso" nennt. Gedruckt in einem großformatigen Buch, für das man zu Hause jahrelang keinen richtigen Platz findet (also einen, wo es nicht stört, aber wo man es auch nicht aus den Augen verliert) sind ja die Farben völlig verfälscht, das tut richtig in den Augen weh, wenn man es mal mit Picassos Augen betrachtet. Eigentlich müßte man den Druck neben das Bild im Museum halten und mißbilligend den Kopf schütteln.

Jetzt habe ich ein schlechtes Gewissen, weil ich das Bild vielleicht doch ein bißchen besser finde, seit ich weiß, daß es von Picasso ist, ich kann mich aber gar nicht dagegen wehren. So geht es mir häufig, weil ich so ein guter Mensch bin, leide ich so oft unter meinem Verhalten. Wenn ich in der Zeitung die Berichte über irgendeinen Krieg nicht mehr lese, weil meine Aufnahmefähigkeit schon von den vier Sportseiten erschöpft ist. Wenn ich an der Ampel bei Rot rübergehe, obwohl kleine Kinder zugucken, aber ich bin ja nicht da, um die Kinder anderer Leute zu erziehen. Trotzdem habe ich ein schlechtes Gewissen. Auch weil ich kein Blut spende. Dabei hatte ich mal die Hoffnung, zur Not von regelmäßigen Blut-, Plasma-, Haar- und Samenspenden leben zu können, wenn ich mir noch etwas als Medikamententester und Wahlhelfer dazuverdienen würde. Man könnte sich auch für eine medizinische Studie mit Schuppenflechten infizieren lassen, immer noch besser als Kellnern oder ein Bürojob. Ich habe auch ein schlechtes Gewissen, wenn ich bei Kontrollen in der S-Bahn eine Fahrkarte habe. Manchmal erwischen sie im ganzen Waggon keinen einzigen Schwarzfahrer, das muß doch frustrierend sein. Und neulich ist der Straßenfeger-Mann in der U-Bahn nicht mehr bis zu meinem Platz weitergegangen, sondern hat vorher schon abgedreht, weil er offenbar dachte, daß ich ihm heute sowieso nichts abkaufen würde. Das stimmte zwar, aber konnte er mir das etwa ansehen?

Ich hätte ein schlechtes Gewissen, wenn ich "Region Berlin/Brandenburg"-Post aus Versehen in den Briefkastenschlitz für "andere Postleitzahlen" werfen würde, aber das ist mir zum Glück noch nie passiert.

Ich habe ein schlechtes Gewissen, wenn ich mir die Immobilienanzeigen durchlese, die immer im Vorraum der Sparkasse aushängen. Es ist mir peinlich, daß jemand denken könnte, ich könnte mir eine Wohnung oder ein Haus leisten.

Ich habe ein schlechtes Gewissen, wenn ich auf der Straße Döner esse, als sei ich ein Junggeselle, der nicht kochen kann. Und man sieht ja nicht, daß ich nur noch Veggi-Döner esse.

Ich habe ein schlechtes Gewissen, wenn ich auf einen Brief eine dieser ausgedruckten Behelfs-Briefmarken vom Automaten klebe, die gar kein Motiv haben.

Beim Bezahlen lege ich immer möglichst schnell das Geld hin, damit der Verkäufer keine Zeit mit mir verliert und der nächste Kunde nicht aufgehalten wird. Es ist riskant, passend zahlen zu wollen, weil das Heraussuchen der Münzen länger dauern kann als der Verkäufer mit Wechseln gebraucht hätte. Mein Herz rast dann richtig, während ich die widerspenstigen Münzen hervorkrame und keine 1-Cent-Münze finde. Manchmal rechne ich auch die Summe aus und halte das Geld schon in der Hand bereit. Dann fürchte ich immer, daß das arrogant wirkt, als wollte ich andeuten, daß der Verkäufer mit Kasse schlechter rechnen kann als ich im Kopf. Bei 2,99 Euro habe ich zudem einen Trick, ich gebe nicht 3 Euro, sondern 4 Euro. Wenn ich 3 Euro gebe, muß ich ja auf den einen Cent Rückgeld warten, und das sieht so gierig aus, wenn man den einsteckt, andererseits sieht es arrogant aus, wenn man abwinkt und darauf verzichtet. Also gebe ich 4 Euro und bekomme 1,01 Euro zurück.

Ich habe ein schlechtes Gewissen, wenn ich etwas knipsen will, was ein anderer Tourist gerade anvisiert. Man will ja dem anderen nicht sein Motiv wegnehmen, selbst wenn es der Eiffel-Turm ist. Ich warte dann und schleiche mich später schnell noch einmal hin, um das Bild zu machen. Aber irgendwie kommt es mir trotzdem geklaut vor.

Ich habe ein schlechtes Gewissen, weil ich nicht mehr wie früher begeistert jedes Jahr die Vierschanzentournee gucke. Meine Mutter guckt das immer noch und fiebert mit, aber ich weiß nicht mal mehr, wie ein einziger Skispringer auf der Welt heißt. Wahrscheinlich Schlierenhofer oder Pukkolainen.

Ich habe ein schlechtes Gewissen, wenn ich mich beim Sport anstrenge. Man soll doch Spaß an der Bewegung haben und nicht die neoliberale Leistungsideologie in die Freizeit übertragen. Ich habe aber keinen Spaß an der Bewegung, mich interessiert fast ausschließlich die Leistung. Spaß habe ich daran, den ganzen Tag unter meiner schönen Bettdecke zu liegen, dazu brauche ich keinen Sport. Wie Ernst Jünger sagte: Wenn er sich ins Bett legt, wechselt er nur den Arbeitsplatz. (Darf ich ohne schlechtes Gewissen Ernst Jünger zitieren?)

Ein bißchen habe ich ein schlechtes Gewissen, weil ich außer Tulpen und Studentenblumen keine Blumensorten kenne, wann und wo haben die anderen Erwachsenen das gelernt? "Meine Dahlien blühen dieses Jahr ganz prächtig", so ein Satz wird mir nie glaubwürdig über die Lippen kommen.

Ich habe sogar immer mit dem schlechten Gewissen anderer mit gelitten. Als bei den "Waltons" John-Boy einmal bei einem Pferderennen den Weg abkürzte und gewann, seine Seelenqualen, die setzten auch mir zu.

Das schlechte Gewissen liegt bei uns in der Familie. Meine Mutter hat immer noch ein schlechtes Gewissen, weil sie vor vielen Jahren einmal bei einem Essen in einer Gaststätte gesagt hat, daß wir wiederkommen würden, aber dann sind wir gar nicht wiedergekommen. Und schon deshalb konnte sie nicht mehr hingehen.

8,5
18 Stimmen
relevant?

Möchtest du kommentieren? Dann werde jetzt Mitglied!

Kommentare 1
  1. Maximilian Rosch
    Maximilian Rosch · Erstellt vor 9 Tagen ·

    Der oder die Downvoterin hat jetzt bestimmt (oder hoffentlich) auch ein schlechtes Gewissen.