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Literatenfunk

Durchs wilde Sowjetistan
Jochen Schmidt
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piqer: Jochen Schmidt
Dienstag, 28.11.2017

Durchs wilde Sowjetistan

Neulich habe ich eine Gruppenreise mitgemacht und festgestellt, daß die meisten (älteren) Reisenden vor allem nach Gelegenheiten suchten, von den anderen Reisen zu erzählen, die sie bereits unternommen hatten, daß aber kaum jemand Interesse dafür aufbrachte, was die anderen erlebt hatten, alle wollten nur selbst berichten und konterten die krassesten Erlebnisse mit noch krasseren Erlebnissen. Es ist ungeheuer schwer, interessant von Reisen zu erzählen ohne oberflächlich zu bleiben und ohne andererseits mit enzyklopädischem Wissen zu langweilen. Man muß die politische Situation im Land reflektieren, aber man muß auch einschätzen können, wie stark der Alltag davon überhaupt berührt wird, den man auf die Schnelle und als Fremder ja kaum kennenlernt. Wenn man nach Hongkong fährt, werden einen die Bambus-Baugerüste an den Wolkenkratzern faszinieren, aber die sind auch das, was jedem als erstes auffällt, so daß man sie im Reisebericht eigentlich gar nicht erwähnen muß. Es kommt eben auch auf den Adressaten an, ob man sich an jemanden wendet, der gar nichts weiß, oder an Eingeweihte, die sich sonst bei Amazon beschweren, daß man ihnen nichts Neues mitteilen konnte. Ich habe zuletzt zwei Bücher gelesen, die Reisen nach Zentralasien ganz unterschiedlich beschreiben. "Nächster Halt: Steppe" ist ein Buch über die Reise zweier junger Frauen von Astana nach Peking, "Sowjetistan" ist das Buch einer norwegischen Journalistin, die durch alle fünf "Stans", also die ehemaligen Sowjetrepubliken südlich von Rußland, gefahren ist. Das Buch von Stephanie Karrass und Chris Tomas war für mich eine positive Überraschung, da ich nach dem Coverspruch ("Zwei Abenteurerinnen auf der Reise ihres Lebens"), klassischen Bildunterschriften, wie "Kaum ist die Sonne untergegangen, erwachen die Gassen von Dunhuang zum Leben" und eigentlich auch schon nach dem doppelpunkthaltigen Titel ziemliche Vorbehalte hatte. Dabei weiß ich ja, wie wenig Autoren für die Buchgestaltung und die Einfälle der Werbeabteilung können, zumal im Sachbuchbereich. Typographisch voneinander abgehoben berichten Stephanie und Chris abwechselnd von ihrer zweimonatigen Reise, die sie meist mit Bussen unternommen haben (nach China gab es sogar Liegeplätze). Man erlebt die existenzielle Seite des Reisens mit, die Veränderung des Zeitgefühls, die Überforderung durch Eindrücke, wenn schon am ersten Tag so viel passiert, und das jeden Tag so weitergeht, so daß der Anfang in der Rückschau eine Ewigkeit entfernt liegt und trotzdem gehört alles, was man gesehen hat, zusammen, weil man es auf derselben Reise gesehen hat. In der Fremde ist man aufmerksamer als zuhause und trifft ständig Entscheidungen, es gibt keine Routine, schon weil man nie lange am selben Ort bleibt. Davon zu lesen, ist nicht so schön, wie es zu erleben, aber so, wie die Autorinnen es beschreiben, weckt es die Lust, so etwas auch wieder zu machen. Die Sprache ist ganz unprätentiös und sympathisch direkt. Mir gefielen sogar die Stilblüten, die man auch eher dem Lektorat ankreiden müßte ("Zentralasien und der Westen Chinas sind für die meisten ein blinder Fleck auf der Landkarte.") Bei Christian Kracht würden sich Literaturwissenschaftler ins Zeug legen, um solche Mängel zu einer Poetik zu verklären. Die beiden Autorinnen sind sehr offen und beschreiben zahlreiche Begegnungen mit Menschen, schon weil sie unterwegs über Couchsurfing Bekanntschaften suchen, wodurch sich auch manchmal die Reiseroute verändert. Manchmal haben sie sich gegenseitig satt, weil, wie in Beziehungen, kleine Eigenheiten (die eine frühstückt leidenschaftlich gerne, die andere nicht) bei so viel erzwungener Nähe irgendwann unerträglich werden. Es kann Chris schon auf die Nerven gehen, daß sie in China immer hinterherläuft, weil Stephanie, die studierte Sinologin, fließend Chinesisch spricht und alles regelt. Daß solche Konflikte auch zur Sprache kommen, macht das Buch für mich interessant. Nebenbei wird aber auch viel Absurdes beschrieben. In Kasachstan stehen sie einmal an einer Gedenkstätte:

"Auf dem Boden liegt ein roter Metallstern mit einem Loch.'Was ist das?' Chris sieht Alexej fragend an.'Das ist die ewige Flamme.''Aber die brennt nicht.''Nein, die wird nur am 9.Mai, zum Tag des Sieges, angezündet.'"

Die Vorstellung der beiden vom Reisen ist mir sehr nah, sie beharren auf Selbständigkeit, die überwältigende Gastfreundschaft in Kasachstan kann ihnen auch auf die Nerven gehen, wenn sie nicht mehr ihr eigener Herr sind und keine Zeit zum Rückzug und zur Besinnung bleibt, weil man ständig eingeladen und nie alleingelassen wird. Sie finden Gefallen an Dingen, die Einheimischen nicht einleuchten. Einmal wollen sie sich eine kleine Stadt ansehen, obwohl es dort laut ihren örtlichen Couchsurfing-Bekannten, die lieber baden gehen wollen, "nichts Besonderes" zu sehen gibt.

"'Doch, für uns schon.''Ich habe jetzt mit Freunden schon ausgemacht, daß wir an den Strand fahren', antwortet Alexej.'Dann fahrt doch einfach, und wir treffen uns später!', schlage ich vor.'Aber was macht ihr solange?''Wir laufen einfach rum.'Alexej blickt uns an, als wären wir von allen guten Geistern verlassen. 'Ich habe ein Auto, ich kann euch doch fahren. Ihr findet euch doch gar nicht zurecht.'"

Sie erleben Freundlichkeit, die sie aus ihrer reichen Heimat nicht kennen. Daß einem Taxifahrer helfen herauszubekommen, welchen Bus man nehmen muß, statt das wie bei uns zu verweigern. Daß sie immer gewarnt werden, sich nicht ausrauben zu lassen, aber nichts so weit von der Realität entfernt sein könnte. Schlechte Laune verbreitet nur einmal ein amerikanischer Expat, der in Kasachstan Sprachlehrer ist, und es nach eigener Aussage nicht mehr lange aushält, weil das Essen so scheußlich ist, die Polizisten nerven und abends nichts los ist. Es ist natürlich etwas anderes, ob man täglich mit Umständen leben muß, die man als Tourist noch mit Humor sehen kann, wie z.B. die Toiletten, für die die Autorinnen ein Bewertungssystem erfinden von "Null-Sterne-Toilette: zehn Löcher nebeneinander im Boden bis Fünf-Sterne-Toilette: abschließbar, Klopapier, vielleicht ein Waschbecken."

Sehr eindrücklich beschrieben wird der riesige atmosphärische Unterschied zwischen China und Kasachstan: "Nach der Weite, der völligen Freiheit, kommt mir hier alles sehr geregelt vor. Wir sind erst zwei Tage in diesem Land und schon vermisse ich Kasachstans Schlaglöcher in den Straßen, das Unvollkommene, die Offenheit für jede Entwicklung. China, so scheint mir, hat einen Plan, dem alle zu folgen haben." So ist auch der Tourismus in China (es gibt dort jetzt anscheinend viele Binnentouristen) eine anstrengende Veranstaltung. Sie geraten bei organisierten Tagesausflügen in chinesische Reisegruppen, die es vor allem aufs Essen angelegt haben, sie hören an Sehenswürdigkeiten chinesische Musik aus Plastikbaumstümpfen, lesen Aufschriften wie "Comparatively Well off Village Feed Store" und erfahren, daß in China der Tourismus immer ein Gruppenerlebnis ist, das Bedürfnis nach Einsamkeit und einer echten Begegnung mit der Natur oder der Aura eines Ortes scheinen dort völlig unbekannt zu sein.

"'Hier wurden die Tausend-Buddha-Höhlen von Bäzäklik nachgebaut. Aber ein bißchen aufregender und exotischer', erklärt Umut. 'Chinesische Touristen hatten sich immer wieder beschwert, daß die eigentlichen Höhlen zu langweilig seien.'"

Besonders gefielen mir bei Chris Tomas die Beschreibungen besonderer Momente, wenn sich völlig unerwartet ein Gefühl einstellt, für das man eigentlich verreist, weil man sich stark, mutig und glücklich fühlt und froh ist, nicht zuhause zu sein. Das kann nachts auf einem verlassenen Rasthof in China sein oder bei den ersten Schritten in der Steppe, als der Fahrer eine Pause macht und es plötzlich nach Wermut, wilden Zwiebeln und Oregano riecht. Oder in der Wüste Gobi, von der Chris immer geträumt hat. Ein intensives Glücksgefühl, unkalkulierbar und flüchtig, das Gegenteil von organisiertem Tourismus.

Erika Fatlands "Sowjetistan" ist in vielen Sprachen erschienen und hat begeisterte Kritiken bekommen. Das Buch hat eine viel bessere Aufmachung als "Letzter Halt: Steppe", man kann die Relief-Schrift auf dem bunten Cover befühlen, graue Seiten zwischen den Abschnitten erleichtern die Suche, wenn man von Land zu Land springen will. Es ist sinnvoll, diese Länder in der Gesamtschau zu betrachten, da sie in der Geschichte mehr als einmal einen Kulturraum bildeten. (In Zentralasien blühte immer wieder das intellektuelle Leben, schon weil Papier leicht verfügbar war. Aber immer wieder wurde auch alles von verschiedenen Eroberern zerstört.) Sie haben alle zum sowjetischen Imperium gehört, was infrastrukturelle Vorteile brachte und was man ihnen auch heute noch deutlich ansieht, obwohl es andererseits natürlich auch Länder im Umbruch sind. Die Signatur sowjetischer Städte ist in den neueren Teilen von Städten wie Taschkent, Buchara, Duschanbe, Bischkek präsent (auch wenn vieles an großartiger moderner Architektur zerstört oder bis zur Unkenntlichkeit verkitscht umgebaut wurde), aber auch in der merkwürdigen Zwitterstadt Astana, wo sowjetische "Altstadt" und postmoderne Neustadt mit dem Regierungsviertel nebeneinander existieren. Man findet in solchen Städten immer einen Kinderpark, einen Zirkus, breite Boulevards, schöne Kinopaläste, überdimensionierte zentrale Plätze mit neuen Denkmälern auf dem Sockel des ehemaligen Lenindenkmals, sowjetische Gullydeckel, Schulkinder mit Uniform und riesigen Rüschen-Puscheln im Haar, jede Menge Stahlrohrspielplätze in den Hofbereichen der Chruschtschowkas, wo sowieso das eigentliche Leben stattfindet. Die Länder haben auch nach der Unabhängigkeit vergleichbare Entwicklungen zu präsidentiellen Scheindemokratien durchgemacht (in Kasachstan hat einmal ein Gegenkandidat des Präsidenten erklärt, er habe ebenfalls für den Präsidenten gestimmt, als Ausdruck seines "Respekts für den Sieger"). Die Länder konnten mehr (Kasachstan) oder eben weniger (Turkmenistan) Glück mit ihrem Präsidenten haben, der meist noch aus der sowjetischen Nomenklatur stammte. Man baut in jedem Fall eigenartige historische Identitäten auf. In Usbekistan gilt jetzt Tamerlan als Vater der Nation. Der kirgisische Präsident Rahmon erinnert sich an die zoroastrische Tradition und behauptet, das Avesta, die heilige Schrift der Zoroastrier, sei ein besseres Buch als die Odyssee, da es älter sei und mehr Worte enthalte. (Ein Phänomen, das man in kleinen Nationen oft findet. Man könnte ein Lexikon der Dinge erstellen, die irgendwo angeblich erfunden wurden. Im staatlichen Historischen Museum in Taschkent sah ich eine Vitrine für den Erfinder des Fernsehens. Ein Usbeke erklärt Fatland, daß Alexander der Große Usbeke war, wie die Griechen überhaupt von den Usbeken abstammten. Und in Ossetien hat sie erfahren, daß Osseten London gegründet haben.) Fatland schaltet ausführliche historische Exkurse zur Geschichte der Region ein, zum "Great Game" zwischen Großbritannien und dem zaristischen Rußland um die Vorherrschaft in der Region, zur Seidenstraße, sie geht dahin, wo es "weh tut" und recherchiert am ausgetrockneten Aralsee, in Gulag-Gedenkstätten und zum Thema des Frauenraubs in Kirgisistan. Am interessantesten war für mich der Teil über Turkmenistan, schon weil man dort als Individualtourist kaum einreisen kann, schon gar nicht als Journalist. Das Land ist reich an Bodenschätzen, aber Bildung und Gesundheitswesen werden vom Staat bewußt zurückentwickelt. Über die skurrilen Seiten des dort herrschenden wahnwitzigen Personenkults erfährt man einiges. (Warum hängt überall das Bild des neuen Präsidenten, eines Zahnarzts? "Unser-guter-Präsident sieht so gewöhnlich aus, daß eigentlich jeder auf dem Foto abgebildet sein könnte. Sein Gesicht repräsentiert die Turkmenen generell".) Die Menschen auf dem Land leben dort so abgeschnitten von der Welt, daß sie der Meinung sind, eine großzügige Regierung zu haben, weil Salz, Strom und Gas für alle umsonst sind (während in der Hauptstadt Aschgabat für Öl- und Gasmillionen u.a. durch französische Baukonzerne fast die gesamten italienischen Marmorbestände in unzähligen absurd-postmodernen Großbauten verbaut werden.) Fatlands Fahrer (man kann sich dort nicht ohne Guide bewegen), erklärt ihr, daß ein Viertel seiner Touristen Spione sind.

"'Woher weißt du das?''Das ist nicht schwer. Es gibt viele Hinweise.''Welche denn?'Er ging darauf ein. 'Spione sehen dir nie in die Augen und tragen ständig Sonnenbrille, auch drinnen. Ihre Schuhe sind immer frisch geputzt. Sie fotografieren Menschen, keine Ruinen. Und sie tun so, als verstünden sie kein Russisch.'"

Für mich wurde in diesem Buch trotzdem zu viel Hintergrundwissen referiert, das man auch aus anderer Quelle beziehen kann und eventuell ja auch schon hat. Von einem Reisebuch erhoffe ich mir mehr alltägliche Details, mehr über die Umstände der Reise selbst. Die Lektüre war für mich über lange Strecken etwas zäh. Außerdem muß man sagen, daß man nach diesem Buch kaum Lust hätte, eines dieser Länder zu besuchen, weil Fatland durch ihren (berechtigten) Fokus auf die politischen Verhältnisse und die Menschenrechtssituation natürlich sehr viel Negatives zu berichten hat. Abgesehen von der Homophobie, der sie überall begegnet. Das ist die journalistische Wahrheit, aber es ist mir zu erwartbar und wird den Menschen dort nicht gerecht. Es war für mich überraschend, welcher Herzlichkeit und Offenheit ich in Usbekistan begegnet bin, dasselbe gilt für Kasachstan. Man kommt der Wahrheit vielleicht näher, wenn man beide Bücher liest.

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Kommentare 2
  1. Andreas Schabert
    Andreas Schabert · vor 20 Tagen

    Sowjetistan fand ich auch etwas trocken und zäh zu lesen. Schade, ich hatte mich auf ein spannendes Reisebuch gefreut. Übrigens heißt die Autorin Fatland.
    Nächster Halt Steppe hört sich in deiner Besprechung sehr interessant an. Danke für den Tipp.

    1. Jochen Schmidt
      Jochen Schmidt · vor 19 Tagen

      Danke für Zuspruch und Hinweis, ist korrigiert!