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Literatenfunk

Dunkeldeutschland – Teil 2
Thomas Feix
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piqer: Thomas Feix
Dienstag, 22.05.2018

Dunkeldeutschland – Teil 2

Dunkeldeutschland

Ein altes Ehepaar, eine Siedlung und ein ehemaliges Gutshaus tief in der südmecklenburgischen Provinz. Warum Kurt und Maria Hoffmann die Deutsche Demokratische Republik nicht vergessen können und nicht vergessen wollen.

Hier geht es zum ersten Teil.

Maria hantiert am Herd, sie wird sich jetzt ans Abendbrot machen, so hat sie wenigstens etwas zu tun. Die Kartoffeln, die Möhren, das Schälen und das Kochen, das alles braucht seine Zeit.

»So sieht es bei uns aus«, sagt sie. »Kaum einer, der Arbeit in der Nähe hätte, wenn er überhaupt eine hat. Wir haben uns die DDR aufgebaut, aus dem Nichts, und dann der Russe mit seinen Reparationen. Dennoch, wir haben es uns schöngemacht. Der Westen hat uns alles zerschlagen. Wie nach dem Dritten Weltkrieg, stimmt genau.« Sie wendet den Kopf und blickt zärtlich auf Kurts Rücken.

»Ach, wenn es nur das wäre.« Kurt hat den Bauch unter dem Tisch hervorgezogen und schielt nach dem Kasslerbraten, den Maria gerade auf den Kühlschrank legt. »Die Mörder, die Diebe, die Kinderficker. Das alles läuft frei rum. Früher gab es so etwas nicht. Früher hieß es, was den Menschen nicht nützt, soll ihnen auch nicht schaden.« Kurt macht eine Bewegung mit dem Kinn, faltet die Hände. »Und ab ging es.«

Maria lässt Kurt meistens reden. An ihr hat er seine Grenze. Sie sind so viele Jahre miteinander verheiratet, und seit Langem sind sie allein, aufeinander bezogen, durch niemanden gestört. Sie will, dass er redet, viel mehr als das Reden ist ihm nicht geblieben. Jetzt fuchtelt sie mit den Armen hinter seinem Rücken. Lass ihn reden, soll das heißen. Gerede, weiter nichts. Aber Kurt merkt, wenn er dabei ist, zu weit zu gehen und Maria zu verärgern. Jetzt ist es soweit. Jetzt, da er hinzufügt: »Schade, dass wir keine Steinbrüche mehr haben.«

Maria fängt zu zischeln an, den Kopf vorgestreckt, bereit dazu zuzuschnappen. »Genug jetzt«, ist zu hören. »Muss denn das sein.« Kurt zuckt zusammen, aber er tut so, als hätte er nicht verstanden, er legt die Hand ans Ohr.

»Die Betriebsfeste«, sagt er unvermittelt und blinzelt, »weißt du noch«, und hat Maria augenblicklich wieder auf seiner Seite.

»Oooch, waren die nicht schön«, sagt sie und stupst Kurt mit dem Ellenbogen in die Seite. Sie ist mit ihm versöhnt, sie liebt ihn wieder. Sie lässt das Schälmesser sinken und die angefangene Kartoffel, die Zunge fährt über die Lippen, als könnte sie den Geschmack jener Zeit zurückholen. Gut schmecken würde es, ja.

Dann fallen Maria die Jahre ein, die zwischen damals und heute liegen, und dann der neue Staat, der Staat BRD, den sie beide nicht gewollt haben, Kurt und Maria, »wir wollten den Westen nicht, nein, wir nicht«, und sie schält mit schnellen ruckartigen Bewegungen an der Kartoffel weiter. Der Braten ist schon in der Backröhre, ein Vier-Pfund-Stück, saftig, dunkelrot.

Kurt hat Akkordeon gespielt, wenn der VEB Kraftverkehr Neustrelitz Betriebsfest hatte. Sie haben getanzt, gelacht, getrunken, Kurt und Maria, mit den anderen zusammen. Maria war beinahe die einzige Frau im Betrieb, die einzige Fahrerin ohnehin, es gab nur noch die Lisa aus der Buchhaltung und die Herta aus dem Materiallager. Friede, Eintracht, Gleichklang herrschten an solchen Abenden, und dafür lebten sie. Für dieses eine Mal im Jahr, vierzig Jahre lang. Was sind dagegen die Stasi gewesen, die Mauer, die ständige Kontrolle. Der ideologische Wahn, von der Einheitspartei verordnet und durchgesetzt. Kleinigkeiten? War nicht überhaupt alles schön?

»Und jetzt, he?« Kurts Stimme verliert ihr gemütliches Timbre, sie wird spitz. »Die Kontrolle? Deine Geldkarte, dein Handy, sie wissen zu jeder Sekunde genau, wo du bist, was du tust. Diese Macht hat die Stasi nie gehabt.« Kurt lehnt sich zurück, er dreht den Kopf, er will Marias Blick auffangen, er will Bestätigung. »Heute der perfekte Überwachungsstaat«, sagt er noch einmal in ihre Richtung, laut. Maria ist mit den Kartoffeln fertig, unsicher ihr Blick, sie sucht nach etwas, womit sie Kurt Recht geben kann.

»Heutzutage«, sagt sie dann, und ihr Blick trifft schließlich das Gewürzregal, den Pfeffer wird sie gleich brauchen. »Heutzutage ist es fast wie in der DDR. Einige schaffen den Reichtum, den Rest ernährt der Staat. Bloß hatte man in der DDR das Gefühl, gebraucht zu werden. Heute arbeitslos, wertlos. Damals hatte jeder eine Arbeit. Jeder musste arbeiten.« Kurt und Maria, Arbeiterklasse, Aufbaugeneration Ost. Hart. Aber gerecht.

Kurt war erst Schmied und dann in der Partei, SED-Parteiinstrukteur, untere Ebene, und wäre nach der Vereinigung fast Bürgermeister der Gemeinde Dabelow geworden, zu der Carolinenhof gehört. Fast, wenn Kurt gewollt, wenn er kandidiert hätte, die Leute hatten ihn vorgeschlagen. Er hatte sich für eine neue Straße von Carolinenhof nach Altthymen eingesetzt, fünf Kilometer lang, asphaltiert, er hat sie erkämpft, Meter für Meter, gewissermaßen. Gegen den Willen des Landrates in Fürstenberg. Der war aus dem Westen nach Mecklenburg-Vorpommern gekommen. Der neue Feind war der alte Feind.

Kurts Kampf für die Straße hatte die Leute beeindruckt, sie wollten Kurt, aber Kurt wollte nicht, nicht im Staat BRD. »Früher die ›Rothäute‹, die hundertfünfzigprozentigen SED-Chefs, und heute die neuen Bonzen. Nein, du, nicht mehr mit mir.«

Maria fuhr Bus in Neustrelitz, ABV, Arbeiterberufsverkehr, fast dreißig Jahre lang. Sie schaffte die Leute aus der Umgegend morgens zur Arbeit und abends wieder zurück. Die Arbeit gefiel ihr. Sie beherrschte eine Maschine, die Straße, den Verkehr. Von Kind an hat sie Busfahrerin werden wollen.

Draußen zieht sich die Sonne zurück, ein farbentrunkenes, genussvolles Verlöschen am Horizont. Am Feldrain hinterm Garten taucht ein blauer Kittel auf, Werner. Er sucht seine Katze, die schwarze, wilde, die mit dem weißen Fleck unter dem Kinn. Drinnen drei Teller auf dem Tisch, Besteck, zwei Flaschen Bier, Kurt hat sie hingestellt und gleich geöffnet, »na, denn Prost, Mann«. Maria wird Tee nehmen, Pfefferminz.

Stasi, Mauer und alles das, was damit zusammenhing, sind kein Gesprächsthema in der Familie Kurt und Maria Hoffmann gewesen, kein kritisches. Kurt und Maria wussten, wo die Front verlief und warum sie da war, sie stellten keine Fragen. Gute DDR-Bürger waren sie, und im Grunde genommen sind sie es noch immer. Vielleicht sogar mehr als sie es damals gewesen sind.

»Warum nicht.« Maria beobachtet die Möhren in der brodelnden Butter, es beginnt nach Sicherheit, Geborgenheit, Behaglichkeit zu duften. »Schön, alles war nicht in Ordnung, und am Ende ging es den Bach runter, aber Gerechtigkeit war da.« Sie sticht mit der Gabel in die Kartoffeln, sie sind gleich durch.

Kurt steht auf, das Kassler, er nähert sich dem Herd, öffnet die Backröhre, schnuppert. Auch gleich durch.

»Ja, Gerechtigkeit.« Kurt hat plötzlich eine lange zweizinkige Gabel und ein schweres Messer in der Hand, das Tranchierbesteck für den Braten, es fährt durch die Luft. »Jetzt müssen wir dankbar für die Almosen sein, die der Westen uns herüberschiebt.« Kurt setzt sich wieder auf den Stuhl, auf dem er immer sitzt, mit Blick aufs Fenster, die Tür im Rücken.

Maria trägt auf. Die Kartoffeln, die Möhren, die Soße in der kleinen Schüssel. Das Fleisch zuletzt. Vor Kurt stellt sie es hin. »Wunderschön«, sagt Kurt und guckt den Braten an.

Als der Volkseigene Betrieb Kraftverkehr Neustrelitz 1990 schließen musste, setzte sich Maria in ihren Wartburg und fuhr los. Zu Holiday-Reisen nach Westberlin, sie wollte eine Anstellung dort, sie wusste, dass sie Leute suchen, die Erfahrung im Führen von Bussen haben. Maria wusste auch, eine Gangschaltung ist immer ein »H« und ein Lenkrad immer rund. Im Osten wie im Westen, überall auf der Welt.

»Was? Aus Dunkeldeutschland kommen Sie?« sagten sie zu ihr. »Nein. Lernen Sie erst einmal arbeiten.«

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