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Literatenfunk

Diktat und Diktatur
Jan Kuhlbrodt
Autor und Philosoph

*1966 in Karl-Marx-Stadt
Studium in Leipzig und Frankfurt am Main
Redakteur bei EDIT und Ostraghege
freier Autor
letzte Veröffentlichungen: Kaiseralbum (Verlagshaus Berlin), Das Modell (Edition Nautilus)

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piqer: Jan Kuhlbrodt
Samstag, 24.02.2018

Diktat und Diktatur

oder die "Endanziehungskraft" Nummer 103

Jedes Medium produziert, oder verlangt, seine eigene literarische Form. Und wenn der Buchdruck mit beweglichen Lettern dem Roman und der Offsetdruck dem Massenroman Vorschub leistete, drängt das Internet, und darin besonders die sozialen Medien wiederum zur kleinen Form, also dem Aphorismus oder dem Sinnspruch.

Nicht dass das Internet diese Formen selbst hervorgebracht hätte, abgesehen von den Spezialformen auf Twitter zum Beispiel, weil das Medium die Zeichenzahl des Textes von vornherein begrenzt, aber das Netz verhilft älteren kleinen Formen zu neuer Blüte.

Natürlich muss man in der quasi unüberschaubaren Textproduktion erst einmal Orientierung finden, gewissermaßen Spezialnetze knüpfen, die das unbrauchbare hindurch lassen, in denen sich aber das Brauchbare fängt. So betreiben der Frohmann Verlag oder auch mikrotext eine Art Spezialfischerei in den Netzwerken.

Was ihnen, wenn man so will, ins Netz geht, wird auf wiederum verschiedene Weise sowohl elektronisch, als auch im Print präsentiert. Ein Ausweis hierfür ist die Reihe Kleine Formen, die im Frohmann Verlag sowohl als e-Book, als auch im Print erscheint.

Zur letzten Buchmesse, also der in Frankfurt im Herbst 2017 bestritt ich unter anderem eine gemeinsame Lesung mit dem Frohmannautor Oliver Grimm. Und ich muss sagen, diese Lesung hat unglaublich Spaß gemacht, und für Autor und Buch in höchstem Masse eingenommen.

Das Buch heißt: "Hefte raus, Diktatur!"

http://orbanism.com/produkt/gebundenes-buch-hefte-raus-diktatur-oliver-grimm-berlin-frohmann-2017/

Schon dieser Titel, holte mich an einem Punkt ab, an dem ich mich gewissermaßen seit meiner Grundschulzeit wund scheuerte. Rechtschreibung ist eine Konvention, an die uns zu halten wir von klein auf dressiert werden. Einerseits kommt das natürlich einer ein-eindeutigen Verständigung entgegen, andererseits aber zeugt es auch vom autoritären Charakter einer streng normierten Sprache

Wie Hašeks Schwejk rütteln auch Grimms Kurztexte lustvoll an den Konventionen, und wenn der brave Soldat die Sprachkonventionen ad absurdum führt, indem er ihrem buchstäblichen Inhalt folgt, und jeden Spucknapf benutzt, weil er die Aufschrift trägt: "Bitte Spucknapf benutzen!", baut Grimm in seine Texte kleine semantischen Verschiebungen ein, die den erwartbaren Inhalt ins Absurd-Verständliche sortieren, dass es eine große Freude ist:

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Lebenslanges Lärmen

Hülle auf Erden

7,8
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