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Literatenfunk

Dieses Buch sollte jeder lesen
Jochen Schmidt
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piqer: Jochen Schmidt
Montag, 20.02.2017

Dieses Buch sollte jeder lesen

Vor ein paar Jahren habe ich bei Jokers auf dem Wühltisch den Roman "Georgs Sorgen um die Vergangenheit oder im Reich des heiligen Hodensack-Bimbams von Prag" gefunden und mich an seinen Autor Jan Faktor erinnert. Der Roman spielt in Prag, eine Stadt, über die ich immer gerne etwas lese, es waren zwei Karten von Prag im Innencover abgebildet, das Buch kostete nur ein paar Euro, also nahm ich es mit, obwohl es mir mit über 600 Seiten eigentlich viel zu dick war. Dann habe ich, wie bei den meisten Büchern, erst einmal eine Weile nicht reingesehen. Jan Faktor habe ich einmal Ende der 80er bei einer Lesung verschiedener "Untergrund"-Autoren in einem Pankower Kulturhaus erlebt, er trug einen Text vor, der nur eine ziemlich lange Liste von verdrehten Wörtern war, nicht vergessen habe ich die Zeile: "die Tärische des Mili". Ich war in einem Alter, in dem ich bereit war, alles für Kunst zu halten, was sich den Anschein gab, welche zu sein. Aber bei Faktor kam offenbar auch noch Humor dazu, eine Eigenschaft, die ich in diesem Alter von großer Literatur noch nicht gefordert hätte, heute umso mehr. 1989 kam, kurz vor dem Ende der DDR, bei Aufbau ein Gedichtband von Faktor raus, den ich aber im Laden nur durchblätterte, weil ich kein Geld mehr für Bücher hatte und nicht dauernd klauen wollte. Seitdem hatte er keine eigenen Bücher mehr veröffentlicht. Und nun gleich den "Georg", einen gigantischen, unvergleichlich beglückenden Roman. Daß das Buch so gut ist, merkte ich, als ich zum Glück dann doch noch reingeguckt habe, um es nun innerhalb von drei Jahren schon zum zweiten Mal gelesen zu haben, es wird nicht das letzte Mal bleiben, weil ich wieder restlos begeistert war. Wie soll ich das jetzt begründen, ohne mit Affirmation und Nacherzählen zu nerven? Ich bin, was diesen Autor betrifft, leider ziemlich missionarisch gestimmt. Der Roman stand 2010 auf der Shortlist zum Deutschen Buchpreis, hat ihn aber - für mich ist das unbegreiflich-, nicht bekommen. Trotzdem kennt einfach niemand, dem ich davon erzähle, dieses Buch und dabei müßte es ein Klassiker der deutschen Literatur sein. Ich habe zwei sehr unterschiedliche Lektüren davon gehabt. Beim ersten Mal war ich von der Komik und der eigentümlichen, aber auf keinen Fall anstrengenden Sprache hingerissen. Die Sprache ist bei diesem Autor, der mit Mitte 20 aus Prag nach Ost-Berlin gezogen ist und auf Deutsch schreibt, nämlich immer selbst ein Thema, aber nicht auf eine avantgardistisch-leerlaufende Art, sondern weil er Bereiche des Deutschen erkundet, die nicht jeder nutzen würde, wie jemand, der sich an einer riesigen Werkzeugkammer freut und einfach alles einmal anfassen will. (So wie Georg gerne kurios aussehende Arbeitsgeräte kauft, "bei denen ich nicht einmal wußte, für welche Arbeiten sie eigentlich gedacht waren. Manchmal erst nach zehn oder fünfzehn Jahren kam ein dreibackiger Abzieher zum Einsatz ...") Ich kann mich nicht erinnern, je ein so dickes Buch gelesen zu haben, ohne überhaupt einmal daran zu denken, wie dick es ist und wann ich endlich durch sein werde. Es hätte noch viel dicker sein können, weil ich mich über praktisch jeden Faktor-Satz gefreut habe. Es gibt keinen Leerlauf, die Sprache ist so speziell, ein ganz kleines bißchen weg vom "normalen" Gebrauch, aber dadurch immer beglückend frisch, und Faktor erfindet dauernd sehr nützliche deutsche Begriffe, wie "Nichtmeer-Jungfrau" oder "Literaturnormopathen". Mich langweilen ja Bücher, in denen die Sprache keine Rolle spielt und womöglich der "Handlung" untergeordnet ist. 

Beim ersten Lesen war ich begeistert von der Atmosphäre in der Wohnung von Georgs erweiterter Familie, mit der er aufwächst. Er ist allein unter Frauen in einer verwinkelten Prager Wohnung, deren Architektur und Inneneinrichtung schon eines der Themen dieses Buchs ist. Der einzige andere Mann ist ein Onkel, der als "Weigerungsprofi" die meiste Zeit in einem Sessel in einem von ihm durch Schränke und Vorhänge abgetrennten Teil des Flurs sitzt und, um sich gegen die vielen Frauen zu wehren, ständig viel zu laut fernsieht. Er ist Chefredakteur der "Fachzeitschrift für Energetik, Energiewirtschaft und Energiepolitik", die außerhalb ihrer Familie vollkommen unbekannt ist. Dieser Onkel raucht Pfeife mit billigem Tabak, immerhin hat er sich irgendwann einen Abzug dafür gebaut, so daß er direkt in ein Luftrohr raucht, das den Qualm nach draußen leitet. Denn er ist ein großer Handwerker, der allerdings mit seinem unvollendeten Projekt einer neuen, selbst eingebauten Etagenheizung die Harmonie für immer zerstören wird. Jede Seite bringt neue solcher wundervollen familiär-anekdotischen Details, die Georg für seine Selbstanalyse untersucht.

Bei der zweiten Lektüre ist mir erst bewußt geworden, wie geschickt Faktor seinen Roman aufgebaut hat, und was das eigentliche Thema des Buchs ist. Es wirkt wie eine gigantische Therapie, denn es geht los mit Betrachtungen über Georgs Penis und endet mit einem Besuch von Mutter und Sohn in Christianstadt, dem KZ, in dem sie als junges Mädchen Granaten für die Wehrmacht mit Sprengstoff befüllt hat, um später nur durch eine Flucht vom Todesmarsch ihr Leben zu retten. Auf eine Art, wie ich es bisher noch nie gelesen habe, kreist dieses Buch um Holocaust, Familie, Sex (vor allem mit der ersten Freundin, einer seltsamen, nicht mehr so jungen Künstlerin, die ihr Haus auf dem Dorf mit zahllosen hinkenden und kranken Tieren teilt. "Von ihr lernte ich wenigstens, daß man auch mit dreckigen Füßen ins Bett gehen kann – man zieht sich einfach saubere Socken über.") Das Buch ist eine mit allen therapeutischen Wassern gewaschene Selbstanalyse und ein radikaler Befreiungsversuch des übermäßig geliebten Helden aus dem Familienverband. Die Mutter ist eine bildschöne Intellektuelle, die von allen Prager Künstlern und Schriftstellern begehrt wird und viele Affären hat. Alles vor dem Hintergrund eines Landes, das unter sozialistischer Mißwirtschaft leidet und nach dem Prager Frühling, als praktisch die gesamte intellektuelle Elite zu Straßenkehrern und ähnlichem wurde, in eine lange Zeit von Stagnation, Verfall und allgemeiner Depression gerät. Natürlich darf bei einer Selbstanalyse aber der Vater nicht fehlen, ein großsprecherischer Geheimdienstmann, in dessen Wohnung Georg die Wochenenden verbringen muß, und wo er unter Dreck und Klebeflächen leidet, was er seitenlang beeindruckend beschreiben kann (manchmal schaltet er das Licht, das er eingeschaltet hat, gleich wieder aus "weil der Finger an dem defekt-federlosen Kippschalter einfach haftenblieb.") Erst kurz vor dem Tod des nach '68, als auch er geschasst wird, noch stärker trinkenden Vaters, kommt es zu einer Annäherung. Faktor schreibt so lakonisch, so seltsam distanziert und aggressiv, daß man fast gar nicht merkt, wieviel Gefühl hinter allem steckt.

Erst bei meiner zweiten Lektüre fiel mir also auf, daß ein zentrales Thema des Buchs der Holocaust ist, denn die vielen Frauen in Georgs Haushalt sind alle Überlebende von Lagern ("aus den Lagern kamen nach dem Krieg eher die Damen zurück.") Diese Damen haben sich nach dem Krieg "zu einem festen Schutzklumpen zusammengeschweißt", wie es im Sozialismus viele Familien taten. Ihr Überlebensmodus ist der Humor und das Verdrängen. Man muß diese Frauen lieben für ihre eigentümliche Logik, mit der sie sich die Welt erträglich machen. Am rührendsten vielleicht Tante Peprl, die im Souterrain wohnen muß und dort manchmal das Licht ausläßt, weil man das beim Nachdenken nicht brauche: "Ich trainiere hier unten schon für den Friedhof." Georgs Damen sind Überlebende einer bürgerlichen Kultur, aber manche war nach dem Krieg auch zunächst begeisterte Kommunistin. Das nächste große Thema des Buchs ist der Prager Frühling, nach dem die Intellektuellen in Fabriken oder als Straßenkehrer arbeiteten, ein blinder Philosoph geht am Altstadtring spazieren, Freunde und Jünger schließen sich ihm an, und man philosophiert gemeinsam. Dieser Klaudius bedauert nur, wenn keiner Protokoll führt, sie sollten das Gespräch lieber bei ihm zuhause fortsetzen, sagt er, da werde wenigstens ordentlich abgehört und mitgeschrieben. In einer langen Kostprobe dieser Gespräche philosophieren sie über die Schwejk-Figur, die sie als vermeintliche Verkörperung des tschechischen Nationalcharakters eher abstößt, weswegen es verwundert, daß Faktor von manchen Rezensenten reflexartig als literarischer "Schwejk" bezeichnet wurde, was eine unzutreffende Verharmlosung dieses Sprachzertrümmerers und Anti-Spießers ist.

Ich bin ja viel später geboren, dadurch bleibt Prag in den 80ern für mich eine besondere Erinnerung. Es gab andere Schallplatten, italienisches Kugeleis, es gab in den Kneipen richtiges Essen, nicht wie bei uns höchstens eine Bockwurst. Das Schwarzbier war mir neu und wurde vom Kellner ständig nachgereicht. (Und wie habe ich mich gefreut, daß Faktor beschreibt, wie in Georgs Gegend immer wieder Touristen den Hradschin suchen, die an der gleichnamigen U-Bahnstation, von der aus man den Hradschin aber nicht sehen kann, ausgestiegen sind, denn das habe ich auch einmal einen ganzen Nachmittag lang gemacht. Und niemand schien das Wort "Hradschin" zu kennen.) Für Georg war diese Zeit der sogenannten "Normalisierung" ein Horror. "Bei der Aufrechterhaltung des allgemeinen Notstandes war fast alles erlaubt. Und weil es so viel war, was unbedingt getan werden mußte, blieb das, was nicht den Status einer Katastrophe besaß, unerledigt." Er verachtet sogar die freundliche U-Bahn-Ansage, die uns in den 80ern wegen ihrer für uns vollkommen ungewohnten Höflichkeit so beeindruckt hatte. Er ist ein Ästhet und repariert ständig in Gedanken die verfallende und von Neubauten, die oft Bauruine bleiben, zerstörte Stadt. Als in den 70ern schwedische Bauarbeiter in Prag Prestigeobjekte errichten, pilgern die Prager zu den neuen Baustellen, um das verblüffende, wie von einem geheimen "Harmonogramm" choreographierte Schauspiel zu bewundern. Wie alles sinnvoll ineinandergreift, wie der Bau wächst und nichts rumliegt. "Die Overalls der Arbeiter waren oft sauberer als die Alltagskleidung einiger einheimischer Männer, die von ihren Ehefrauen als Sorgeobjekte – Pflegefälle auf Knabenniveau – aufgegeben worden waren." Georg hält sich in seiner Verzweiflung über den Verfall an noch nicht verschandelten Details fest. (Wahrscheinlich wird Georg auch das Kotva-Kaufhaus scheußlich finden, das mir so gefällt, und das heute angeblich schon vom Abriß bedroht ist.) Georgs politischer Geschmack formt sich "als Teil einer allumfassenden, vor allem aber auch ästhetikgestützten Rebellion." Was für mich damals die romantische Fremde war, ein Land, das mir etwas weniger steif als unseres vorkam, ist für ihn ein Grund krank zu werden. Er hat den Wunsch, Müllmann zu werden (deren aggressive, zirkusreife Kunst des beidhändig-synchronen Aschetonnen-Kreiselns er wunderbar beschreibt): "Ich konnte es mir leisten, die frisch angebrochene und mit Knochenfäule befallene Zeit mit Abenteuern zu verbringen, und wünschte mir nichts anders, als irgendwo ganz unten zu landen. Meine einzige konkrete Aufgabe bestand darin, mir passende Härteprüfungen auszusuchen, die zu meiner gründlichen und nicht allzu quälenden Reifiung beitragen würden. Anschließend wollte ich an der Seite einer reizenden Frau nur noch glücklich werden, mehr nicht." Später wird er Lastenträger im Gebirge in der Slowakei, auch eine Nische, und trainiert mit einem alpinistischen Nationalmannschaftskandidaten Klettern. Zurückgerufen wird er nach zwei Jahren natürlich von der Mutter, die einen Schlaganfall hat.

Der Fuchtpunkt des Buchs ist ein Besuch von Georg und seiner Mutter in ihrem alten Lager. An der Grenze rennt sie, als sie aufwacht, vor den ostdeutschen Grenzern weg, weil diese in ihren Reithosenuniformen wie Nazideutsche ausssehen. Zu den KZ-Anlagen in den Wäldern führt sie ein Trupp hilfsbereiter, polnischer Provinzalkoholiker. Eine bitter-skurrile Szene. Aber zunächst verfährt Georg sich, und so fahren sie über Ostdeutschland und müssen, da sie großen Hunger haben, in Görlitz versuchen, in einer Großgaststätte etwas zu essen zu bekommen. Ich habe noch nie ein treffenderes, bittereres und komischeres Porträt der DDR gelesen als diese gastronomische Höllen-Szene: ein Saal voller schweigender Menschen, die grimmig auf ihre gigantischen, fleischbeladenen Teller warten, die ihnen, wenn sie Glück haben, von zwei herrischen Kellnern gebracht werden, nachdem sie zunächst alle eine mit einem trockenen, dreieckigen Stück Toastbrot garnierte Suppe verputzt haben: "Massive Abspeise-Verzögerungen hatte jede Familie offenbar fest eingeplant." Diese seltsame kulinarische Orgie, an der man nur teilhaben darf, wenn man sich unterwürfig genug verhält (weil sonst eine "Scheinerschießung mit einer Erbsenkanone" droht?), wäre alleine schon den Buchpreis wert gewesen. "Die Frauen hatten unglaublich pralle Ärsche und zusätzlich seitlich hervorspringende Hüften und Schenkel. Diese Körperpartien waren so mächtig und überproportional, daß sie den Charme von unter den Röcken linksseitig und rechtsseitig aungebrachten Kinderbadwannen verbreiteten."

Das Buch ist Ergebnis einer wohl 30jährigen Beschäftigung mit dem Themenkomplex, und man will kaum glauben, daß Faktor vorher keine anderen Romane geschrieben hat, sondern aus dem Stand so großartig zu komponieren und so mitreißend und schlackefrei zu erzählen versteht. Und man merkt trotzdem immer, daß er als Lyriker begonnen hat, es ist kein "amerikanisches" Erzählen, sondern ein Erzählen, das ständig aus der Sprache schöpft. Außerdem ist Georg ein faszinierender Charakter, er zuckt zusammen, wenn er an Dinge denkt, die er in der Vergangenheit gesagt hat, aber er glaubt pathologisch an seine leuchtende Zukunft. Jammern ist für ihn verboten, das ist familiär bedingt. Und Glück ist auch, was das Buch verbreitet, man läuft während der Zeit der Lektüre mit einem dauernden Lächeln rum, weil man sich ständig freut über die wundervollen Details, die aggressiven Angriffe auf das Spießertum, die sexuelle Schamlosigkeit, die Worterfindungen, die effizient-absurden Dialogfetzen.

9,3
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Kommentare 1
  1. Leopold Ploner
    Leopold Ploner · vor 6 Monaten

    Wunderbar, das macht unglaublich Lust auf das Buch. Ich frage mich nur, ob ein Vergleich mit dem Schwejk für ein Buch eine Verharmlosung sein kann. Harmlos habe ich den Schwejk nicht in Erinnerung.