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Literatenfunk

Die Unfähigkeit, den Plural zu denken

Quelle: Cover, von Wiedemann: Vom Versuch, nicht weiß zu schreiben, und: Waldrop: Ins Abstrakte treiben.

Monika Rinck
Autorin
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piqer: Monika Rinck
Dienstag, 23.02.2016

Die Unfähigkeit, den Plural zu denken

Angst ist eine einfache Methode, Nähe in der Ferne zu fühlen, unabhängig vom Anlass. Die Bedrohung, sei sie imaginär oder real, kommt mir nah, insbesondere weil bezüglich der Angst auch imaginäre Bedrohungen real sind. Die Unterscheidung fällt. Ein Wechsel der Perspektive ist da kaum denkbar – aber, verkappt als Aggression, sehr gut machbar. In ihrem Buch „Vom Versuch, nicht weiß zu schreiben“ analysiert die Journalistin Charlotte Wiedemann die Tendenzen zur Verschlimmerung, die von der Logik der Medien befördert werden. Dass die öffentliche Meinung Erfolge, sei es in der Integration oder in der Frauenbildung in arabischen Ländern, nur wenig zu Kenntnis nimmt, führt zu einer hierzulande gut funktionierenden Narration. Wiedemann zitiert die Politologin Naika Foroutan, die beschreibt wie Journalismus häufig dazu beitrage, dass das Verständnis der Gegenwart „rückständig, realitätsfern, griesgrämig und von Ur-Ängsten dominiert“ bleibe, wohingegen die Journalisten sich selbst „progressiv, modern, aufgeschlossen und mobil“ sehen (Seite 24). „Am Beispiel Iran zeigt sich besonders deutlich, wie handwerkliche Fehler stets im Trend einer feststehenden großen Erzählung liegen: Es sind Dramatisierungen im Sinne eines ‚noch schlimmer‘; nie wird irrtümlich entwarnt.“ (Seite 76)

Dies macht sich, meine ich, selbst beim täglichen Hören der Wettervorhersage bemerkbar, daran, wie sich in den letzten Jahren Unwetterwarnungen häuften, weil Wetterdienste Dramatik besser verkaufen können, und man lieber Fehlalarme in Kauf nimmt, statt ein einziges vermeintlich drohendes Unwetter nicht gemeldet zu haben und damit womöglich abgemeldet zu sein. Anderes Beispiel: Auch in handwerklichen Anleitungen zum Verfassen eines Drehbuchs, wird gerne darauf hingewiesen, dass Zuschauer sehr viel bereiter seien, eine unwahrscheinliche Wendung zum Schlimmeren als realistisch zu tolerieren, wohingegen sie sich über die plötzlich herbeieilende Hilfe oder das neben dem Gefesselten liegengelassene Brotmesser (Stichwort: Idiotplot) mokieren. Informationen, die nicht in das Bild der gefühlten, sich ohne Unterlass verschlimmernden Realität, passen, werden der Lächerlichkeit preisgegeben und der Paranoia ein größerer Scharfsinn unterstellt als dem Wohlwollen.

„Wenn Null die Stelle dessen-der-zählt kennzeichnet, dann die Perspektive den Ort dessen-der-sieht. Der seinen Schatten wirft.“ So Rosmarie Waldrop in ihrem gerade erschienen Band „Ins Abstrakte treiben“. Das ist der blinde Fleck. Die eigenen Grundannahmen nicht mit der gleichen Aufmerksamkeit in den Blick nehmen zu können wie die fremden, ist eine Bedingung menschlicher Wahrnehmung. Schwierig werde dies allerdings, so Wiedemann, wenn es zur Verabsolutierung des Unsrigen, zum Nostrismus, zur freiwilligen Normierung des Weltbildes und zu dessen gedankenlosem Export komme.

Auch das turnusmäßige Auswechseln der Korrespondenten, kurz vor ihrer Akklimatisierung, spielt in dieser Hinsicht eine problematische Rolle. „Die Neugier und ‚der frische Blick für Geschichten‘ sind verloren gegangen. Der Korrespondent ist aufgrund seines gestiegenen Wissens quasi journalistisch wertlos geworden.“ Aber müsste das nicht ebenso für Hauptstadtjournalisten gelten?, fragt Wiedermann. „Wenn zu viel Wissen einen Auslandskorrespondenten entwertet, dann erzählt das vielmehr von einer tragischen Selbstbeschränkung. Es erzählt, wie sich unsere Gesellschaft Erkenntnis organisiert – und auf organisierte Weise vorenthält.“ Und folgert weiter: „Wir erhalten unsere eurozentristische Perspektive, indem wir ständig für personellen Nachschub sorgen.“ (Seite 26). So dass der Auslandskorrespondent zu einem Darsteller für Ferne entwertet wird, und die wichtige Fähigkeit, den Plural zu denken, verkümmert, oder zumindest nicht begünstigt wird.

PS: „Wenn Null die Stelle dessen-der-zählt kennzeichnet, dann die Perspektive den Ort dessen-der-sieht. Der seinen Schatten wirft.“ Viele wichtige Aspekte des Buches „Vom Versuch, nicht weiß zu schreiben“ habe ich hier gar nicht in den Blick genommen. Dazu gehören Auslandsreportagen aus Thailand, Papua, Indonesien, Mali, Kamerun, das Kapitel über die Unverzichtbarkeit der Übersetzer und Vermittler und andere. Mit der Angabe der Seitenzahlen möchte ich darauf hinweisen, dass die Zitate unterschiedlichen Kontexten und sehr verschiedenen Kapiteln entnommen sind. Am besten: Lesen Sie selbst.

Charlotte Wiedemann: Vom Versuch, nicht weiß zu schreiben. Oder: Wie Journalismus unser Weltbild prägt. Köln 2012

Rosmarie Waldrop: Ins Abstrakte treiben. Aus dem Amerikanischen von Elfriede Czurda und Geoff Howes. Wien 2015.

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