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Literatenfunk

Die schöne Melusine
Anne Hahn
Autorin und Subkulturforscherin
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piqer: Anne Hahn
Donnerstag, 21.07.2016

Die schöne Melusine

In meinem Buchladen ist mir ein schmales Bändchen in die Hände gefallen. Hellblaues Leinen, Goldprägung. „Die schoene Melusine mit den Bildern von Ludwig Richter.“ Es muss um 1910 herum erschienen sein, beim Verlag Neues Leben von Wilhelm Borngräber in Berlin.

Auf 79 Seiten wird die Geschichte von Melusine und Raimund erzählt, die sich im Wald begegnen und ineinander verlieben. Schnell wird dem Leser klar, dass das Waldmädchen und ihre Schwestern unheimliche Kreaturen in verzauberter Erscheinung sind, doch Raimund ist der Schönen verfallen. Der Ritter muss schwören, Melusine ein Leben lang bedingungslos treu zu bleiben und niemals nach ihrer Herkunft oder ihrem Verbleib zu forschen, denn sie will fortan jeden Freitag nach dem Abendläuten bis Sonnabend zum Läuten verschwunden bleiben.

Gesagt, getan. Die schöne Melusine bringt etliche Söhne zur Welt, von denen die ersten noch hässliche Körper- oder Charaktermerkmale aufweisen, bis der letzte rein wie ihre Liebe zur Welt kommt.

Das Geheimnis Melusines durchzieht das Bändchen, bis der sich betrogen fühlende Ehemann eines Freitags Nacht durchs Schlüsselloch in ihr Geheimhaus späht, in welchem sich Melusine und ihre Schwestern tummeln. Alle hüftabwärts: Nixen, würden wir heute sagen, von Ludwig Richter hübsch in Holz gestochen. Ziemlich verblüfft bin ich über den Ekel, der Raimund angesichts ihrer Fischschwänze befällt, hier als „greuliche Würmer“ bezeichnet. Melusine, zuvor als schönste Frau auf Erden beschrieben, ist demnach ein Zwitterwesen. Ihr Böse-Sein zeigt sich durch die Verwandlung und ihr Treiben mit Gleichartigen hinter verschlossenen Türen. Der Ehemann ist nicht fähig und willens, das zu ertragen. Er verrät sie, enthüllt ihr Geheimnis vor der Hofgesellschaft – worauf das Schreckliche geschieht:

„... Melusine schüttelte traurig den Kopf, erstarrte plötzlich in einer Gebärde der Abwehr: und vor den Augen aller Anwesenden verwandelte sich ihr Körper in die Gestalt eines scheußlichen Gewürms, während der Oberkörper noch in seiner fraulichen Schönheit blieb.“

Sie stürzt sich aus dem Fenster der Burg und fliegt klagend davon. Nach der Moral des Märchens ist Melusine die Bestrafte für ihr Anderssein, die fortan fern ihrer Kinder als Silberwolke am Mond vorbei irrt.

Das Ende hält jedoch eine Überraschung bereit,  eines Abends erhebt sich ein leises Rauschen und Melusine steht vor Raimund, ganz in das Silber des Mondes gekleidet. Sie umarmen sich ein letztes Mal und diese Begegnung kann nicht gut ausgehen für Raimund. Ein kleiner Trost für mich.

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