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Literatenfunk

Die neuen Verlagskataloge
Jochen Schmidt
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piqer: Jochen Schmidt
Mittwoch, 22.03.2017

Die neuen Verlagskataloge

Gérard Genette analysiert in „Paratexte – Das Buch vom Beiwerk des Buches" die Wolke von Texten, die den Text eines Autors umgibt und bei der Interpretation nicht übersehen werden darf: Waschzettel, Klappentext, Vorwort, Nachwort, Kapitelmotti, Danksagungen, Widmungen, Anmerkungen, Bauchbinde, Interviews. Alles beeinflusst die Lektüre. Schon die Gattungsangabe ist eine Botschaft (Roman? Tatsächlich?), aber auch die selbst verfasste Grabinschrift des Autors, der Name, den er seiner Villa gibt, und nicht zuletzt sein eigener Name. (Wofür entscheidet er sich? Anonymität? Pseudonymität? Selbst das, was Genette „Onymität" nennt, ist ein Statement, die Wahl des bürgerlichen Namens als Signal dafür, dass man für sein Werk persönlich „einsteht".) Wichtig ist natürlich die Werbung, die manchmal „magischen Typs" ist („so tun als ob, um zu erreichen, dass"), wenn der Verlag dem Ruhm zuvorkommt, indem er dessen Auswirkungen vortäuscht, also z.B. den Namen des Autors ganz groß auf einer Bauchbinde wiederholt. Da ich meistens antiquarisch kaufe oder mich aus Kisten mit Büchern zum Verschenken bediene, die auf dem Gehweg stehen, kommen mir oft DDR-Bücher unter, die aus Bibliotheken oder Schulbeständen aussortiert wurden. Zur Zeit lese ich ein Buch von Brigitte Reimann, das laut Stempel vom „Rat des Stadtbezirk Prenzlauer Berg" einmal der „26.Oberschule, 1058 Greifenhagener Straße 58" gehört hat. Der Stempel ist durchgestrichen und drunter steht: „Ausgesondert". Ich habe auch ausgesonderte Hölderlin-Gedichte aus der Werksbibliothek der VEB Leuna-Werke „Walter Ulbricht". Der durchgestrichene Stempel, der den gesellschaftlichen Bedeutungsverlust eines Buchs bezeugt. Auch das ist ein Paratext! Eine Paratext-Fundgrube sind immer die neuen Verlagskataloge. Seit wann gibt es so etwas überhaupt? Wurde für den „Ulysses" in einem Katalog geworben? Der Katalog ist eine semiotische Hölle, weil hier niemand gewinnen kann, alles ist Zeichen: wie guckt einen der Autor auf dem Autorenfoto an? Entschlossen oder verträumt? Ausgemergelt oder genussorientiert? Sieht man nur den Kopf oder auch den Körper? Hat er noch Haare oder trägt er schon Hut? Wie fit wirkt er? Läufer oder Boxer? Oder macht er so angeberhaft auf unsportlich, um zu zeigen, dass er nur fürs Schreiben lebt? Am schlimmsten ist es, wenn man selbst im Katalog vorkommt. Schon beginnt die unbewusste Suche nach Gründen, sich herabgesetzt zu fühlen. Autoren leiden ihr Leben lang unter mangelnder Anerkennung, Bevorzugung von Kollegen, Missachtung durch die Gremien, allgemeine Geringschätzung ihrer titanischen Leistung, der Ahnungslosigkeit des Publikums, der Blindheit des Glücks. Und die subtilen Botschaften des Verlagskatalogs liefern reichlich Material für Selbstzweifel. An welcher Stelle steht man? Warum wieder nicht ganz vorne? Wer soll einen denn da hinten finden? Wie groß ist das Foto? Warum wurden die anderen alle von Isolde Ohlbaum fotografiert und man selbst nur von der Freundin? Warum hat man keine Buchpremiere in der Akademie der Künste, sondern im Kulturschlachthof e.V.? Warum sind die Bücher der anderen schon beim Erscheinen in 20 Sprachen übersetzt? Das sind ja mehr, als es überhaupt noch gibt! Warum lesen sich die Termine der Lesereisen der anderen wie die Tourliste der Rolling Stones? Theater, Stadthallen, Festsäle ... Und alle Lesungen an aufeinanderfolgenden Tagen! Die Lücken keine Lücken, sondern Ruhetage. (Da wickeln sie wahrscheinlich im extra angemieteten Hotelzimmer ihre Pressetermine ab.) Während man selbst sich bei seinen wenigen Terminen immer nach dem Veranstalter richten muss und ständig quer durchs Land reist („Dienstags ist bei uns traditionell schlecht für Lesungen, das macht unser Publikum nicht mit ...") Welche Kritiker werden im Katalog zitiert? Aus der FAZ oder aus der Märkischen Oderzeitung? („… zweifellos einer der besten Autoren seiner Generation", „… schreibt eine traumwandlerische Prosa, deren Sog man sich schwer entziehen kann", „… stellt sich ganz allein der Aufgabe, die Literatur auch im 21. Jahrhundert am Leben zu erhalten." ) Und was die anderen für eine Vita haben! „Geboren in Buenos Aires und Achangelsk. Studierte Archäologie, Raumfahrttechnik und Falsettgesang. Promovierte über den Begriff des Opaken bei Derrida". Von den Preisen, die man, da sie sie bekommen haben, ja auch bekommen könnte, hat man noch nie gehört. Aufenthaltsstipendien in New York, Venedig, Helsinki, Rom, Kyoto? (Warum noch nicht in Los Angeles? Villa Aurora?) Haben die denn keine Familie? Und wer sind schon wieder diese ganzen Debütanten? Wann kommt der Verlag endlich zur Vernunft? Ständig neue Geschmacksrichtungen, das verwirrt doch den Verbraucher! Sollte man seine Kräfte nicht bündeln? Andererseits: „Überwintern im Bauch einer Robbe", das klingt natürlich auch schon wieder so interessant. Müsste man mal lesen! Und dann blättert man noch einmal zurück, um sich zu vergewissern, dass es keine Einbildung war. Steht man da wirklich selbst drin?

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15 Stimmen
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