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Literatenfunk

Die Literatur verkommt zum Geschäft
Jochen Schmidt
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piqer: Jochen Schmidt
Dienstag, 19.06.2018

Die Literatur verkommt zum Geschäft

Wer hätte als Kind nicht davon geträumt, einmal ein großer Schriftsteller zu werden? Wenn man sich nach der Schule auf der Wiese traf, um die spannendsten Szenen des letzten Schriftstellerkongresses nachzuspielen, gab man sich den Namen seines Lieblingsschriftstellers und übte dessen rhetorischen Tricks. Irgendwer hatte immer einen Stift dabei und dann ging es los. Zum Geburtstag wünschte man sich genau so eine Strickjacke, wie sie Günter Grass immer beim Schreiben trug, und abends nahm man heimlich eine bebilderte Literaturgeschichte mit ins Bett, um sich die Fotos der Autoren anzusehen und davon zu träumen, eines Tages auch so gut Deutsch zu können wie sie.

Die Literatur lebt vom kleinen Mann, der Woche für Woche bei Wind und Wetter am Sonnabendnachmittag in die Bibliothek geht, um sich die neuesten Bücher durchzulesen und sich so von seinen Sorgen und vom grauen Alltag abzulenken. Aber die Literatur verkommt zum Geschäft. Die Summen, die heute beim Schreiben verdient werden, kann ein normaler Leser nicht mehr nachvollziehen. Immer neue Literaturwettbewerbe werden erfunden und man gönnt den Autoren keine Ruhepausen zwischen den Texten. Es gibt heute kaum noch einen Tag, an dem nicht geschrieben würde, neuerdings sogar schon am Montag, wo soll das enden? Viele Leser wenden sich von der Literatur ab. Wenn ein Autor mehr als 80 Texte im Jahr schreiben muß, leidet einfach die Qualität. Und in der Sommerpause zwingen die Verlage ihre Autoren zu Lesereisen nach Asien, wo die Begeisterung für europäische Literatur gigantisch ist, aber Klima und Zeitumstellung eine gute Vorbereitung auf die Schreibsaison verhindern.

Durch die hohen Summen, die im Spiel sind, geben die großen Verlage ihren Nachwuchsautoren kaum noch eine Chance, lieber setzt man auf gestandene Autoren aus dem Ausland. Es sind in Deutschland schon Romane gelesen worden, in denen keine Zeile mehr von einem deutschen Autor stammt! Zudem sind die jungen Autoren dem Einfluß dubioser Literaturagenten ausgesetzt, die ihnen den Kopf verdrehen. Der Leser kann sich nicht mehr sicher sein, daß ein Autor, der einen Roman für seinen Lieblingsverlag begonnen hat, ihn auch dort beenden wird. Zur Not behauptet man eben, wegen einer Verletzung nicht mehr schreiben zu können, bis man aus seinem Vertrag freigekauft wird. Schon in jungen Jahren Millionäre, sind die jungen Autoren charakterlich noch nicht gefestigt. Und wer fragt nach denen, die auf der Strecke geblieben sind, weil sie nie einen Verlag gefunden haben? Deshalb ist es so wichtig, daß sich unsere Nachwuchsautoren nicht nur auf die Literatur konzentrieren, sondern auch die Schule nicht vernachlässigen.

Die deutsche Literatur hat sich zu lange auf den Erfolgen der Vergangenheit ausgeruht. Andere Nationen haben inzwischen die modernere Literaturphilosophie. Die deutschen Autoren trennen sich zu spät vom Text. Statt attraktiv zu schreiben und das Publikum zu begeistern, wird der Text in die Breite gezogen. Zudem gibt es kaum virtuose Techniker unter den Deutschen, viele haben eklatante Schwächen im Umgang mit dem Wort. Früher haben wir unsere sprachlichen Defizite mit körperlicher Robustheit ausgeglichen, aber auch da haben die anderen Nationen aufgeholt. International sind die Deutschen nur noch bekannt für ihre Kritiker. In England wird inzwischen ein viel höheres Tempo geschrieben als bei uns, und jeder Autor ist dort in der Lage, auf hohem Niveau 90 Minuten durchzuschreiben. Und nicht nur in Europa geht die Entwicklung an uns vorbei, es ist nur eine Frage der Zeit, daß uns die chinesische Literatur den Rang abläuft! Es gibt in der heutigen Literatur keine kleinen Autoren mehr, das hat die Vorrundenlesung gegen Mexiko wieder einmal gezeigt. Die Mexikaner waren einfach hungriger.

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Kommentare 2
  1. Frederik Fischer
    Frederik Fischer · vor 28 Tagen

    Wenn Menschen wie du die Spiele kommentieren würden, könnte sogar ich mich für Fußball erwärmen. Großer Text im kleinen Format - vielen Dank immer wieder recht herzlich.

  2. Andreas Merkel
    Andreas Merkel · vor 27 Tagen

    Schön aus fünf Metern und ohne Reich-Ranicki im Tor reingemacht, Schmiddy!