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Literatenfunk

Die Leichtigkeit
Jochen Schmidt
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piqer: Jochen Schmidt
Mittwoch, 18.01.2017

Die Leichtigkeit

Am Morgen des 7.Januar 2015 hat Catherine Meurisse Liebeskummer, sie liegt im Bett und geht im Kopf absurde Szenarien durch, wie ihr Geliebter, ein verheirateter Mann, seine Absage an sie („Ich ziehe ein bescheidenes Leben der Leidenschaft vor") vielleicht doch noch umformulieren könnte. Sie kommt zu spät zur Redaktionssitzung von Charlie Hebdo, der Satirezeitschrift, für die die ehemalige Kunststudentin seit zehn Jahren arbeitet. Vor Ort ist die Lage unklar, sie wird gewarnt, das Gebäude nicht zu betreten und hört wenig später Schüsse, von denen sie noch denkt, dass sie in die Luft abgegeben worden sind. Das schreckliche Ereignis und die anschließende Solidaritätswelle gingen um die Welt, man kann darüber alles wissen, aber was uns bisher unbekannt war, ist, was sich in einer Frau wie der sensiblen Meurisse in den nächsten Monaten abgespielt hat, und davon berichtet mit „Die Leichtigkeit" ausgerechnet ein Comic — also ein Werk einer Kunstform, über die, anders als in Frankreich, in Deutschland immer noch manche die Nase rümpfen. Wie falsch sie damit liegen, könnte ihnen dieses Buch beweisen. Das Thema klingt zunächst deprimierend, und es ist auch hart, sich dieses furchtbare Verbrechen in Erinnerung zu rufen, aber das ist nicht die eigentliche Geschichte. Gründe, am Leben und an der Menschheit zu verzweifeln, gibt es auch ohne Terror genug, aber Meurisse erzählt davon, wie sie den Kampf gegen die Sprachlosigkeit, gegen die innere Leere und gegen die Angst aufnimmt. Was ihr dabei hilft, ist die Schönheit. Man könnte auch Liebe sagen, Freundschaft, Kultur, Lebenslust, es ist im Grunde alles das Gleiche. Viele Menschen sind ja der Meinung, die Schönheit sei eine Art Garnitur für Mußestunden, etwas, was man sich nach der Arbeit gönnen kann, wenn man nicht zu müde dafür ist. Etwas, was die Gesellschaft sich leistet, wenn nach dem Bau von Autobahnen noch Geld übrig ist. Dabei ist es genau umgekehrt, die Schönheit ist ein unverzichtbares Lebensmittel, die Substanz, ohne die es gar kein Leben gibt, oder, wie es Nietzsche im Motto des Buchs formuliert: „Wir haben die Kunst, damit wir nicht an der Wahrheit zugrunde gehen". Was Meurisse dem grimmigen Nietzsche und kitschigen Lebenskrisen-Selbsterfahrungs-Büchern voraus hat, ist ihr beißender Witz (wenn sie z.B. in der Öffnung der Kuppel einer römischen Kirche nicht nur den Weg zu Gott sieht, oder das Ende des Tunnels, sondern den Ausgang eines riesenhaften Darms: „Das kommt halt davon, wenn man bei 'Charlie' arbeitet.") Comics sind erzählerisch effektiv und formal frei und verspielt. Jeder kann das Genre neu erfinden und jede Regel brechen. Und die Form des Comics eignet sich besonders für autobiographische Berichte, denn sie ermöglicht Identifikation mit dem Autor und schafft gleichzeitig automatisch eine Distanz zu ihm, weil der Autor ja nicht selbst sondern als Comicfigur auftritt, was durch den karikaturhaften Stil von Meurisse noch verstärkt wird.

Meurisse muss mit ständigem Begleitschutz leben („Sollen wir Sie nach Hause bringen, Madame?" „Hmm, warten Sie mal. Beschweren Sie mich lieber mit Gewichten und werfen Sie mich in einen See.") Sie reist nach Cabourg, um in Prousts Grand-Hotel zu wohnen („Wenn ich an Proust denke, reagieren normalerweise meine Haut, mein Kopf, mein Herz; ich mach mich auf eine Reise in sein Werk und in mich selbst. Denn Proust-Leser sind Leser ihrer selbst, ihres Innersten.") Aber sie fühlt sich leer und taub und empfindet nichts, der Ort und sein Proust-Merchandising entfalten keine magische Wirkung, bis sie den Gesang von Turteltauben hört und an ihren Großvater denken muss. Geheilt ist sie aber noch lange nicht. Sie geht in die Natur, aber noch im hintersten Winkel der Bretagne wird sie durch „Je suis Charlie"-Plakate an die Ereignisse erinnert. Sie sieht sich eine Theaterinszenierung des Oblomow-Romans an, dessen Held ja ein sympathischer Verweigerer menschlicher Betriebsamkeit ist. Sie umarmt auf dem Land einen Baum. Sie mietet sich in der Villa Medici in Rom ein, die eine jahrhundertelange Geschichte als Residenzort französischer Kunst-Stipendiaten hat. Sie möchte dort das Stendhal-Syndrom erleben, eine Art Schwindelgefühl beim Anblick von zuviel Schönheit, es soll als Gegenmittel gegen das innere Absterben dienen. Sie sieht aber in den vielen römischen Skulpturengruppen mit Szenen aus der griechischen Mythologie, in den Gemälden, in den berühmten Ruinen, die eben auch an die häufigen Plünderungen Roms erinnern, nur die omnipräsente menschliche Gewalt. Mord und Totschlag scheinen das durchgehende Thema der Kunst zu sein. Manchmal, wie im Fall von Caravaggio, waren auch die Künstler selbst Messerstecher. Dennoch kommt nach und nach das Leben zurück, ein Bach-Stück, das ein Stipendiat spielt, ein Abendhimmel, ein Bild in einem Museum und natürlich Begegnungen mit Menschen. Man hofft für sie, dass Meurisses Schlußworte wirklich die Wahrheit aussprechen: „Wozu nach dem Stendhal-Syndrom suchen? Schließlich habe ich es erfahren, aber umgekehrt. Erst die Ohnmacht, innerlich, durch den Schock des Anschlags, dann, beim Erwachen, das Verlangen nach Schönheit. Ist das Chaos erst gewichen, erwacht die Vernunft und ein Gleichgewicht stellt sich wieder ein. Man sieht weniger intensiv, aber man erinnert sich, gesehen zu haben. Ich habe fest vor, wach zu bleiben, schon auf das kleinste Anzeichen von Schönheit zu achten. Jene Schönheit, die mich rettet, indem sie mir Leichtigkeit zurückgibt." Auf jeden Fall hat Meurisse uns ein großes Buch geschenkt. Oder, wie es im Vorwort von Philippe Lançon heißt: „Dein Talent ist weder unversehrt, noch ist es beschwert. Mit Leichtigkeit hat es an Gewicht gewonnen."

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