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Literatenfunk

Die Geräusche im Kopf, die aus einem Buch entstehen
Lena Gorelik
Autorin
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piqer: Lena Gorelik
Montag, 14.08.2017

Die Geräusche im Kopf, die aus einem Buch entstehen

Als ich so zwölf, dreizehn war und eines dieser Mädchen, die andere Mädchen staunend bis neidisch dabei beobachteten, wie diese anderen Mädchen sich bereits für Jungs interessierten und fachmännisch ihre Wimpern tuschten, – für das Beobachten allerdings musste ich meine Nase aus einem Buch erheben – pflegte ich, im Laufen zu lesen. Auf dem Weg von der Bushaltestelle nachhause, von der U-Bahn irgendwohin hielt ich in den ausgestreckten Händen ein Buch und versuchte, beim Laufen weder zu stolpern noch jemanden umzurennen. Und noch eine Zeile und zwei, noch ein Absatz. Eines Tages sah mich der Vater einer Freundin dabei und erzählte später meinen Eltern davon – "Eure Tochter liest ja selbst, wenn sie läuft" – und es klang nicht wie ein Kompliment. 

Ich wurde dann älter – was denn sonst – und ich lernte, mir die Wimpern zu tuschen – und ließ es wieder sein, auch wenn das an dieser Stelle niemanden zu interessieren hat – und ich hörte selbstverständlich nicht auf zu lesen, aber ich tat das nunmehr sitzend, liegend, stehend; im Laufen nicht mehr. Bis vergangene Woche. Da entdeckte ich mich plötzlich dabei, so überrascht, als sähe ich mich selbst von der Seite oder in einem Film, wie ich von der U4 zu einer Freundin lief, das Buch, aufgeschlagen, vor der Nase.

"Das Licht und die Geräusche." Ich weiß nicht, ob es daran lag, dass die Protagonisten in diesem Roman – Johanna, die Ich-Erzählerin, Boris, ihr bester Freund sowie Ana-Clara, dessen Freundin – so jung sind (siebzehn, würde ich schätzen), dass ich mich selbst wieder so leichtfüßig fühlte, dass ich genau das wieder tat: Im Laufen lesen. Und hüpfen, wenn ich mich freute. 

Die Geschichte an sich ist so einfach wie alt: Ein Dreieck. Johanna und Boris sind beste Freunde, aber Johanna hat sich in ihren besten Freund verliebt. Vielleicht. Vielleicht hat sie sich in ihn verliebt, so wie alles ein Vielleicht ist in diesem Alter. Boris ist mit Ana-Clara zusammen, die aus Portugal kommt, aber ob er verliebt in Ana-Clara ist, wird – zumindest mir – bis zum Ende nicht klar. Was nach "tausend Mal gehört/gelesen/erlebt" klingt, ist es vielleicht, und vielleicht auch nicht, und vielleicht ist der Roman auch deshalb so gut, weil man das tausend Mal und so weiter, und weil Jan Schomburg, der Autor dieses literarischen Debüts, das so erzählt, dass man sich fühlt, als würde man das alles, das tausend Mal gehörte, gelesene und so weiter, noch einmal erleben.

Wie außergewöhnlich die Protagonisten sind, wird nach der dritten Seite klar, und spätestens da ist man in dem Sog dieser klaren, direkten und deshalb ergreifenden Sprache und dieses Jetzt, das die drei erleben: Beim Trampen werden sie von einem älteren Mann mitgenommen. Boris ist so betrunken, dass er kaum etwas mitbekommt, Ana-Clara versteht kaum ein Wort Deutsch. Und Johanna, die genervt ist, genervt von dieser Ana-Clara mit den leeren Augen, davon, dass Boris in diese Ana-Clara mit den leeren Augen verliebt ist, und dass sie in einen Boris verliebt sein könnte, der die leeren Augen mag und so weiter, willigt – so groß also die Genervtheit – ein, mit dem Mann nachhause zu gehen. Man betritt mit ihr zusammen die sterile Wohnung des Mannes und macht ab da mit ihr zusammen jeden einzelnen Schritt: Den ins Abenteuer, in das Nicht-Wissen, in die vermeintliche Liebe, in Angst, Verzweiflung, in Fragen. 

Was als simple Geschichte beginnt, was so schnell zu einem Lamentieren eines Teenagers verkommen könnte, nimmt Fahrt auf, als man beim Lesen merkt, dass mit Boris etwas nicht stimmt. Später verschwindet Boris plötzlich, und Johanna und Ana-Clara bekommen Abschiedsbriefe von ihm: Er wolle sich das Leben nehmen, steht darin. So machen sich die beiden zusammen mit seinen Eltern auf die Suche nach ihm, und die Suche führt sie nach Island, und die Suche führt die beiden Mädchen auch zueinander, aber eigentlich, eigentlich, würde Johanna jetzt sagen, ist es egal.

Das ist die Stärke dieses Coming-of-Age-Romans: Dass man beim Lesen anfängt wie Johanna zu denken. Oder ist es ein Wunschdenken, weil sie diese wundervolle, spontane Art hat, alles zu analysieren, was um sie herum passiert, Erinnerungsfetzen mit dem Jetzt und Gesagtes mit Gedachtem zu vereinbaren, und man die Welt gerne genauso wahrnehmen würde, in diesem Gemisch?

"Ana-Clara steht neben mir und guckt mich wieder mit diesen leeren Augen an, während ich rede und rede und rede und nicht damit aufhören kann, und dann kommt sie plötzlich einen Schritt näher, und ich kann trotzdem nicht aufhören zu reden, obwohl sie jetzt so nah vor mir steht, dass sich unsere Gesichter fast schon berühren."

Es ist diese Nähe, die entsteht, weil Jan Schomburg, – der eigentlich Drehbuchautor ist (er hat unter anderem das Drehbuch zu "Unter uns das All" verfasst), weshalb man meinen könnte, dass besonders seine Dialoge hervorzuheben seien, – so direkt in Johannes Gedankenkreisen, Bildfolgen und überhaupt in ihrem Kopf lebt. Und gerade deshalb ist dieses Buch vielleicht besser als jeder Film: Weil man die Szenen lebt, aber Gedanken liest. Wie es sich anfühlt, wenn die Eltern einen zu verstehen versuchen. Oder wenn man plötzlich nackt vor dem besten Freund steht, der doch mehr ist als der beste Freund. Banalitäten, die keine sind. Wie es ist, alleine in einem Hotel in Island zu liegen. 

Irgendwann, kurz schon vor Ende des Romans, als ich nicht weiß, ob ich die letzten Seiten lieber verschlingen soll, weil ich nun wissen muss, ob und wer mit wem, oder ob ich sie mir aufbewahren soll, wie man sich als Kind die Süßigkeiten gut einzuteilen versuchte, sitzt Johanna in einem Flugzeug. Das Flugzeug startet nicht, weil irgendwas an einem der Triebwerke kaputt ist, und Johanna ist selbst überrascht, dass ihr der Gedanke keine Angst macht, mit einem möglicherweise kaputten Flugzeug zu fliegen: Zu viel ist passiert in den vergangenen Tagen, als dass sie das noch mitnehmen könnte. Und ich bin ebenfalls überrascht, weil ich denke, Stopp, so geht das nicht, ich hab doch Flugangst. Dann fällt mir auf: Johanna, nicht ich. Sie sitzt in diesem Flugzeug. So gut ist dieses Buch. 

8,8
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