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Literatenfunk

Die Gegenwart als Mikrotext zwischen gestern und morgen
Jan Kuhlbrodt
Autor und Philosoph

*1966 in Karl-Marx-Stadt
Studium in Leipzig und Frankfurt am Main
Redakteur bei EDIT und Ostraghege
freier Autor
letzte Veröffentlichungen: Kaiseralbum (Verlagshaus Berlin), Das Modell (Edition Nautilus)

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piqer: Jan Kuhlbrodt
Montag, 27.05.2019

Die Gegenwart als Mikrotext zwischen gestern und morgen

Europawahl. Und heute, einen Tag danach, stehen wir, zumindest stehe ich ein wenig irritiert vor dem Ergebnis. Irritiert vielleicht aus dem Grund, dass das Erwartbare eingetreten ist, das Naheliegende. Die AfD hat in Ostsachsen die Partei Die Linke als Regionalpartei ersetzt, als Partei der Kümmerer, und ich sehe schon junge Leute in braunen Uniformen bei Renterinnen klingeln und ihnen das Angebot unterbreiten, den Müll rauszubringen.

In verödeten entleerten Gegenden kümmern sich nunmehr Faschisten oder zumindest Rechtsradikale um die verbliebene, rasant alternde Bevölkerung. Eine wahr gewordene Dystopie.

Und in meinem Kopf spielen sich Szenen ab, die mich darüber hinaus an die merkwürdige Science-Fiction der Nullerjahre erinnern, in denen militärisch strukturierte Horden auf selbstgebauten Vehikeln durch verarmte, nahezu entvölkerte vergiftete Gegenden zogen.

Aber das ist vielleicht nur ein erster Eindruck und er richtet seinen Fokus natürlich auf meine Herkunftsgegend. Dieses Bundesland, das Sachsen heißt, und auf den Nachwahlgrafiken merkwürdig blau eingefärbt ist. Dieses hoffnungslose neue Politikblau. Aber in meiner Stadt, in meinem Stadtteil Leipzig Schleußig zumal, hat sich eine mehrheitlich linke und grüne Wählerschaft gezeigt, die sich aber verliert, wenn man die urbanisierten Flächen verlässt.

Ok. Ich schreibe hier für den Literatenfunk und der Anlass dieses Beitrags war natürlich der, dass ich angesichts der Wahlergebnisse so etwas wie Trost und Ermunterung suche, die ich dann meist in der Kunst, und hier vor allem in der Literatur finde. 

Ich möchte deshalb dringend und unbedingt auf zwei Publikationen des Berliner Verlags mikrotext hinweisen. Zwei Publikationen, die mein Problem, oder die Wahl, oder die Lage in der Gegenwart von zwei Seiten beleuchten, das Ding also in die Klammer nehmen, oder in den Schwitzkasten. Denn zu schwitzen haben wir. 

Vielleicht fangen wir mit dem Künftigen an. Nah-fantastische Erzählungen nennt Sina Kamala Kaufmann ihre in dem Band "Helle Materie" versammelten Texte. Sie beschreiben eine Welt, die unserer ganz schön ähnlich sieht, deren Parameter aber konsequent etwas verschoben sind. Es ist ein Morgen, das auf den Verwerfungen des Heute fußt, eine Zukunft mit einem Bein in der Gegenwart, was zu Verrenkungen führt, zu paradoxen Haltungen und Körperhaltungen. Skurril und vertraut zugleich. Darunter für mich vielleicht die eindrücklichste Geschichte ist jene von Klaus, dem Bundesnarren, eine Story die auf parlamentarischen Wellen mehr und mehr ins Absurde surft.

„Für seine Verkleidung hatte er sich zuvor bei den Kunden und Mitarbeitern der Kleiderkammer beraten lassen, die sich, nur eineinhalb Kilometer vom Parlament entfernt, neben der Bahnhofsmission befand. So war der kleine Wodka, den er nun vor sich hin auf das Pult stellte, tatsächlich die aktuell preisgünstigste Variante.“

Das ist vielleicht die westliche, oder besser urbane Variante. Und auch wenn Dresden nicht unbedingt eine Kleinstadt ist, steht auf der anderen Seite vielleicht dieser Text, der gegenwärtiges Verhalten mit Sicht auf eine jüngere Vergangenheit beleuchtet. Das Heute liegt zwischen gestern und morgen.

Nikola Richter hatte mich auf dieses Buch mit dem Titel "Weltbürger zu Hause in Sachsen" von Hussein Jinah hingewiesen, das in ihrem Verlag erschienen ist, und ich wollte damals nur einmal kurz reinschauen. Das hat natürlich nicht geklappt, und ich habe mich festgelesen. Aus verschiedenen Gründen. Es ist die erste Schilderung eines Studierenden mit ausländischen Wurzeln über sein Leben in der DDR und zeichnet knapp, aber treffend die Borniertheit und Feindlichkeit auf, auf die er stieß. Was ich bislang ahnte, bekomme ich hier geschildert. Und das Irre ist: an den zugigen Baracken, in denen die Deutschkurse für ausländische Studierende stattfanden, fuhr ich jeden Tag mit dem Bus vorbei (Linie 31,) wenn ich zur Schule fuhr. Das war in Karl-Marx-Stadt.

Herkunft und Zukunft scheinen eng beieinander zu liegen.

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