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Literatenfunk

Die fünf Beatles aus Miraflores
Jan Brandt
Schriftsteller

Geboren 1974 in Leer (Ostfriesland), veröffentlichte 2011 den Roman "Gegen die Welt" und 2015 den Reisebericht "Tod in Turin". 2016 erscheint "Stadt ohne Engel – Wahre Geschichten aus Los Angeles".

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piqer: Jan Brandt
Freitag, 04.03.2016

Die fünf Beatles aus Miraflores

Gestern postete die Illustratorin Kat Menschik, mit der ich auf Facebook in Verbindung stehe, einige ihrer Zeichnungen für Mario Vargas Llosas Novelle Sonntag, die soeben in der Insel-Bücherei erschienen ist. Und da wusste ich, dass ich das Buch allein um dieser Zeichnungen willen haben musste. Es ist eines dieser Bücher, die mich als Objekt in ihren Bann ziehen, das ich in Händen halten und betrachten will, wieder und wieder, ganz gleich, was drin steht.

Als ich heute im ersten Frühlingssonnenschein durch Schöneberg spazierte, vorbei an Cafés, vor denen dicht an dicht die Menschen saßen, schon ganz flirrig von dieser Stimmung, dieser Aufregung, wieder draußen sitzen zu können, kam ich an die Buchhandlung Bücherberg an der Grunewaldstraße. Da sah ich es durchs Schaufenster im Regal stehen. Und ich nahm es mit und starrte auf dem Weg in meine Wohnung auf das Titelbild wie andere Leute auf ihr Smartphone: ohne auf mir entgegenkommende Fußgänger oder den Verkehr zu achten. Fünf junge Männer vorm Meer, zwei in Badehose, drei im Anzug, sehr elegant, sehr smart, wie eine Band, wie die fünf Beatles, ganz am Anfang ihrer Karriere, eine Geschichte aus versunkener Zeit.

In meiner Wohnung legte ich mich aufs Sofa – eigentlich musste ich schreiben, einen Abgabetermin einhalten – und begann in Sonntag zu blättern und zu lesen. Vor mir entfaltete sich eine Geschichte von zwei Freunden, die um ein Mädchen wetten. Miguel und Ruben, Rivalen und Rabengeier, Mitglieder einer Gang in Miraflores, einem Stadtteil von Lima – und Flora mit ihren glühenden Wangen und der blauen Schleife im Haar. Erst besaufen sich Miguel und Ruben vor den Augen der anderen, und als das kein klares Ergebnis bringt, beschließen die beiden, trotz der Kälte zum Strand hinunterzugehen und aufs Meer hinauszuschwimmen.

Am Anfang sind die Sätze noch ganz kurz und knapp, aber als die Wellen über ihnen zusammenschlagen, kräuselt sich auch die Sprache und die Geschichte nimmt Fahrt auf: „Er befand sich in diesem etwas unheimlichen Bereich nahe dem Strand von Miraflores, wo der Sog des abfließenden Wassers und die heranrollenden Wellen sich treffen, mit Strudeln und gegenläufigen Strömungen, und der letzte Sommer war so lange her, dass Miguel vergessen hatte, wie man hindurchkam, ohne sich zu verausgaben.“

Während ich selbst ohne abzusetzen auf das Ende dieser schmalen Erzählung – das Buch hat gerade mal sechzig Seiten – hinschwamm, musste ich immer wieder innehalten und bei den Bildern verweilen, bei diesen grandiosen Zeichnungen von leeren Straßen und vollen Kneipen, von Männern und Frauen, die wie Musiker oder Schauspieler aussehen und vielleicht, weil sie jung sind, hoffen, einmal ein schillerndes Leben zu führen. Und das ist das Schönste an dem Buch, dachte ich, ehe ich die letzte Seite erreicht hatte: dass das Zusammenspiel von Text und Bild einen daran erinnert, wie es war, jung zu sein, dieses erhabene Gefühl, dass einem die ganze Welt offensteht, dass man alles machen, alles werden kann, dass noch nichts entschieden ist.

8,3
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