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Literatenfunk

Die Brote haben nicht mehr die gleiche Form

Quelle: (c) Jochen Schmidt "Souvenir de France"

Jochen Schmidt
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piqer: Jochen Schmidt
Dienstag, 08.10.2019

Die Brote haben nicht mehr die gleiche Form

Auf der Rückseite der diaphanes-Neuausgabe von Georges Perecs "W oder die Kindheitserinnerung" steht ein Zitat von Jürgen Ritte: "Georges Perecs Bedeutung steigt nahezu stündlich". Es wäre schön, wenn nicht nur die Bedeutung Perecs, sondern auch das Wissen um die Bedeutung Perecs bei uns stündlich steigen würde, denn schon eine Liste einiger seiner Buchtitel liest sich interessanter als manche andere Bücherliste:

  • "Was für ein kleines Moped mit verchromtem Lenker steht da auf dem Kasernenhof?"
  • "Ein Mann der schläft"
  • "Versuch einen Platz in Paris zu erfassen"
  • "Je mes souviens" (Hier von ihm gelesen.)
  • "Das Leben. Gebrauchsanweisung"
  • "Warum gibt es keine Zigaretten beim Gemüsehändler?"
  • "De iaculatione tomatonis (in cantatricem). Praktische Versuche zum Nachweis des Tomatotopischen Organisationsmusters bei Sopranistinnen (Cantatrix sopranica L.)"
  • "Über die Kunst, seinen Chef anzusprechen und ihn um eine Gehaltserhöhung zu bitten"

Um noch rechtzeitig auf den auch in Deutschland hoffentlich schon fahrenden Perec-Zug aufzuspringen, möchte ich hier nach "Denken/Ordnennoch einmal ein Buch von ihm vorstellen: "Träume von Räumen" (der geniale französische Titel "Espèces d'Espaces" war wahrscheinlich unübersetzbar). Das Buch ist 1974 erschienen, der Autor war damals gerade einmal 38 Jahre alt und hatte noch acht Jahre zu leben. Es ist eine schreiende Ungerechtigkeit, daß so ein inspirierter Autor so früh sterben mußte, Gott ist offenbar kein Leser. (Die Liste der posthum erschienen Werke von Georges Perec ist denn auch fast so lang wie die der zu Lebzeiten erschienenen.)

Ausgehend von dem Gedanken, daß uns ständig "Raumzipfel" umgeben (Untergrundbahnschacht, Parkanlage) untersucht Perec in "Träume von Räumen", einer ganz simplen, aber dann in ihrer demonstrativen Wissenschaftlichkeit wieder beglückend idiosynkratischen Systematik folgend, die Räume, in denen er lebt, es ist eines der Raster, mit denen man versuchen kann, sein Leben ganz unsentimental zu erfassen: "Leben heißt, von einem Raum zum anderen gehen und dabei so weit wie möglich zu versuchen, sich nicht zu stoßen." Die Kapitel heißen: "Die Seite", "Das Bett", "Das Schlafzimmer", "Die Wohnung", "Das Mietshaus", "Die Straße", "Das Viertel", "Die Stadt", "Das flache Land", "Das Land", "Europa", "Die Welt", "Der Raum", "Verzeichnis einiger der in diesem Werk benutzten Wörter". Es ist also auch eine Art Gegenentwurf zu Prousts (den er als Parcel Mroust verballhornt) "Recherche", in der ja die Zeit das Thema war. "Der Raum scheint entweder gezähmter oder harmloser zu sein als die Zeit: man begegnet überall Leuten, die Uhren haben, und sehr selten Leuten, die Kompasse haben." Wie bei Proust geht es dabei eigentlich immer ums Schreiben, es werden Texte produziert, die darüber nachdenken, wie Texte produziert werden, die die Wirklichkeit sichtbar machen, vor allem die "Banale", die für unsere Augen oft am unsichtbarsten ist.

Das Ganze wäre nicht so interessant, wenn Perecs Gedanken, die er sich zu den einzelnen Räumen macht, nicht so originell wären ("In der Regel benutzt man die Seite in Längsrichtung. Ebenso verhält es sich mit dem Bett." "Nichts war schöner in alten Häusern als die Treppen. Nichts ist häßlicher, kälter, feindseliger, kleinlicher in den Mietshäusern von heute." "Ich bediene mich meines Viertels wenig."). Das gilt auch für die Spielideen, die er notiert, und die von der Art sind, wie sie später Sophie Calle zur Kunstform gemacht hat (Einen Monat lang auf einem oder mehreren internationalen Flughäfen leben, "Seine Nachbarn besuchen; nachsehen, was zum Beispiel an der Wand ist, die unsere gemeinsame Wand ist." "[..] feststellen, daß etwas, das einem Gefühl der Verlorenheit gleichen mag, von der Tatsache herrühren kann [..] daß man in den 5.Stock hinaufgeht, während man im zweiten wohnt." Er empfiehlt auch das Spiel, über die Genialität dieses Gedankens des Komikers Pierre Dac nachzudenken: "Ich denke oft an die Menge Rindfleisch, die notwendig ist, um aus dem Genfer See eine Fleischbrühe zu machen."). Es macht nicht nur große Freude, das zu lesen, es wirkt befreiend. Man fühlt sich geradezu erlöst vom Muff der leider heute ja wieder populären Erzählkonventionen, der pathetischen Humorlosigkeit saisonaler Romanerfolge, der selbstverliebten Wissenschaftssprache, die z.B. lässig unterwandert wird, wenn Perec in einer von zwei Fußnoten, die das Buch hat, schreibt: "Ich liebe die Verweise auf Fußnoten, selbst wenn ich dort nichts Besonderes zu vermerken habe."

Ein Lieblingsmittel sind Listen, man müßte sie eigentlich alle auflisten: 

  • Liste von lästigen Formularen, die man ausfüllen muß.
  • Liste von unentbehrlichen Dingen, die neben Perec im Bett liegen.
  • Liste der allerdringlichsten Einkäufe: "Kaffee, Zucker, Katzenstreu, Baudrillard-Buch, 75-Watt-Birne, Batterien, Wäsche usw."

Was ist der Unterschied zwischen einem Roman und einer Liste? Perec deutet immer wieder an, daß er konventionell erzählen könnte, läßt es aber zum Glück gar nicht erst dazu kommen, denn dafür scheint er einfach zu klug zu sein:

"Was heißt das, ein Zimmer bewohnen? [..] Ist es der Fall, wenn man seine drei Paar Socken in einer rosa Plastikschüssel eingeweicht hat? Ist es der Fall, wenn man sich auf einem Gaskocher Spaghettis warm gemacht hat? [..] Ist es der Fall, wenn man eine alte Postkarte, die den Traum der heiligen Ursula von Carpaccio darstellt, mit einem Reißbrettstift an die Wand geheftet hat? [..]"

Wie kommt die Einteilung der Zimmer unserer Wohnungen zustande? Wie wäre es, wenn wir die Wohnung statt in Bibliothek, Rauchzimmer, Boudoir einteilen würden in "Visorum", "Inhalorum", "Tastorum"? =der in "Montorium", "Dienstorium", "Mittorium", etc.? Oder man bewohnt die Zimmer nach Wochentagen: das Mittorium würde dann die Kinder verherrlichen (in Frankreich haben sie mittwochs schulfrei) "die Wände wären aus Lebkuchen und die Möbel aus Knetmasse".

Es ist überhaupt nicht oberflächlich, die Oberfläche zu studieren, viele Autoren mißachten das Alltägliche, Kritiker und Leser können häufig nichts damit anfangen, weil es sie zu sehr an ihr eigenes Leben erinnert, das sie nicht interessiert. Perec empfiehlt praktische Schreibübungen, um dem Alltag nicht mehr auszuweichen, er will sich zwingen, "das zu schreiben, was ohne Bedeutung ist, was das Selbstverständlichste, das Allgemeinste, das Glanzloseste ist." Man könnte auch sagen: das Aufregendste, was wir haben: den Alltag.

"Weitermachen.
Bis der Ort unwahrscheinlich wird
bis man für einen sehr kurzen Augenblick den Eindruck hat, in einer fremden Stadt zu sein [..]"

Welcher Raum ist Heimat? Man erfährt sie eigentlich nur in der Fremde: "Man ist fast gerührt, wenn man auf ein Büro der Air-France trifft, ist fast den Tränen nahe, wenn man an einem Zeitungskiosk 'Le Monde' sieht." Weil man glaubt, sich dort wohlzufühlen, wo man ist, rührt man sich nur wegen schwerwiegender Ereignisse von der Stelle (Kriege, Epidemien, Hungersnöte). "Man akklimatisiert sich nur schwer. Jene, die ein paar Tage vor einem angekommen sind, schauen einen von oben herab an." Als Tourist stolpert man durch die Städte und orientiert sich an Denkmälern für Personen, die man nicht kennt:

"An dem Tag, an dem man entdeckt, daß die Statue von Ludwig Spanferkel di Nominatore (dem berühmten Bierbrauer) nur drei Minuten vom Hotel entfernt ist (am Ende der Prinz-Albert-Straße), während man eine gute halbe Stunde brauchte, um dort hinzugelangen, fängt man an, von der Stadt Besitz zu ergreifen. Das heißt aber nicht, daß man anfängt, sie zu bewohnen."

Gerade kaum berührte Städte bewahren sich in der Erinnerung einen unbestimmbaren Zauber, unsere Unentschlossenheit, unsere zögernden Schritte, daß dem Blick "fast schon ein Nichts genügte, um angerührt zu sein."

Grenzen zu überschreiten ist "immer ein wenig aufregend", denn

"die Schreibweise der Straßenschilder wechselt, die Bäckereien gleichen nicht mehr ganz dem, was wir einen Augenblick vorher Bäckerei nannten, die Brote haben nicht mehr die gleiche Form, es sind nicht mehr die gleichen Zigarettenpackungen, die auf dem Boden herumliegen."

Für mich ist es manchmal die Geschwindigkeit der U-Bahn-Rolltreppen, Durchmesser und Krümmung der Haltestangen, die Gewalt-Gadgets der Polizisten, der Geruch der Autoduftbäume. Reisen, das ist:

"Sehr weit von seinem vermutlichen Ursprungsort entfernt, einen vollkommen häßlichen Gegenstand sehen, zum Beispiel in einem Schwarzwaldhaus eine Dose aus Muscheln mit der Aufschrift 'Souvenir de Dinard' [..]"

Am Ende listet Perec auch noch unbewohnbare Räume auf:

"[..] die Massengräbererde [..] die Architektur der Verachtung und des Scheins [..] der klägliche Bluff der Firmensitze [..] die mit Glasscherben gespickte Mauer [..] Der knausrige Raum des Privateigentums".

Ganz unerwartet bekommt das Buch eine andere Dimension, wenn er unter "Die Raumausstattung" einen SS-Briefwechsel zitiert, in dem es um die Bepflanzung der Krematoriumsöfen von Auschwitz mit einem Grünstreifen geht. Man ahnt, daß bei ihm hinter dem Spiel tiefer Ernst steckt, daß die Freude an Systematiken, Spielanleitungen, Kreuzworträtseln, Listen, Puzzlen, sein antirealistisches, unautobiographisches Schreiben, letztlich geradezu manisch autobiographisch ist, aber auf eine maximal zurückhaltende und unpathetische Art. Er hat früh beide Eltern verloren, sein Vater ist im Zweiten Weltkrieg gefallen und seine Mutter in Auschwitz ermordet worden. Kindheitserinnerungen hat er deshalb nicht. Weil es den "Speicher meiner Kindheit, gefüllt mit intakten Erinnerungen" nicht gibt, wird für ihn "der Raum zur Frage".

"Der Raum ist ein Zweifel: ich muß ihn unaufhörlich abstecken, ihn bezeichnen; er gehört niemals mir, er wird mir nie gegeben, ich muß ihn erobern. [..] Schreiben: peinlich genau versuchen, etwas überleben zu lassen [..]"
9,5
17 Stimmen
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Kommentare 1
  1. J. Schneider-Maessen
    J. Schneider-Maessen · Erstellt vor etwa einem Monat ·

    zum Text (1)

    liebe Mich, liebe Ich.

    Ich sehe eine landschaft, wunderschön,
    einfach perfekt.

    alle farben der wärme,
    strahlen auf Mich ein,
    sie lassen Meine seele erleuchten.

    umhüllt von licht,
    umarmt Mich die abendsonne.
    glückwunderlich,
    liebe, Mich Liebe Ich

    ***

    (1) Nachdem ich oben den Text gelesen hatte, fand ich in meinem Briefkasten das Gedicht;
    der Autor ist unbekannt.

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