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Literatenfunk

Des Tauchers leere Kleider - und du mittendrin

Quelle: By David Shankbone (David Shankbone) [CC BY 2.5 (http://creativecommons.org/licenses/by/2.5)], via Wikimedia Commons

Annika Reich
Autorin
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piqer: Annika Reich
Donnerstag, 18.02.2016

Des Tauchers leere Kleider - und du mittendrin

„Des Tauchers neue Kleider“ von Vendela Vida hat mich vom ersten Satz an irritiert: „Als du deinen Platz findest, wirfst du einen Blick auf den Geschäftsmann neben dir und beschließt, dass er beinahe gutaussehend ist.“

Mich irritieren Texte, die in der Du-Form geschrieben sind. Das Nähe- und Distanzverhältnis dieser Erzählperspektive kippt für mich auf eine Art hin und her, die mir wie ein Taschenspielertrick vorkommt. Durch die Ansprache in der zweiten Person rückt mir die Geschichte kalkuliert zu nah und schmiert mir gleichzeitig die Lücke zwischen Erzählerin und Protagonistin zu sehr aufs Brot. Außerdem langweilen mich Texte, die sich an keiner Stelle selbst verlorengehen, die keine Maschen fallen lassen, die nie zu fest oder zu locker gestrickt sind, sondern ein durchgehend regelmäßiges Bild ergeben. Ich will das Handwerk nicht vorgeführt bekommen.

Und obwohl dieser Roman mit dieser Erzählperspektive arbeitet und mir entschieden zu wenig abwegig-barock ist, hat er mich trotzdem das ganze letzte Wochenende umgetrieben. Ich war mit meiner Tochter in Amsterdam, und so schön die Grachten auch waren, ich wollte zurück ins Hotel.

Es geht in dem Roman um eine Frau, die aus Amerika nach Casablanca reist und dort ausgeraubt wird. Man weiß lange nicht, was sie in dort sucht und warum sie so viel luftleeren Raum um sich herum mitgebracht hat, aber man ahnt relativ schnell, dass sie/du das auch nicht weiß(t) und dass es genau darum geht, dass sie/du das herausfinde(s)t. Durch diese Ausgangslage ist auch bald klar, dass sich die Geschichte nicht im Aufdecken von etwas Vergangenem erzählen wird, sondern sich in die Zukunft hinein verwickelt und dass das alles von Seite zu Seite schwindelerregender werden wird.

Im Polizeipräsidium nimmt die Hauptfigur ein unmoralisches Angebot an und damit die Identität einer anderen Ausgeraubten. Kaum ist sie eine Andere, verstrickt sie sich in rasantem Tempo so sehr in ausweglose Situationen, dass sie sich einer Hülle nach der anderen entledigen muss. Es folgt eine emanzipatorische Kettenreaktion und eine Häutung, die sich nicht von außen nach innen, sondern von innen nach außen vollzieht und so eine Geschichte des Aufbruchs und Ausbruchs ist. 

Es wird wunderbare Szenen mit berühmten Schauspielerinnen geben, deren Double du sein wirst. Und kaum denkst du über diesen erneuten Trick nach, der dir wieder ein bisschen zu handwerklich ist, bist du mittendrin und weißt, wie schnell du dir selbst verloren gehen kannst - zwischen den Zeilen dieses Romans. 

8,3
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