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Literatenfunk

Der "Rote Itting", ein sozialdemokratischer Unternehmer und sein "Haus des Volkes"

Quelle: (c) Jochen Schmidt

Jochen Schmidt
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piqer: Jochen Schmidt
Mittwoch, 11.10.2017

Der "Rote Itting", ein sozialdemokratischer Unternehmer und sein "Haus des Volkes"

Immer, wenn ich in den letzten Jahren mit dem ICE von Berlin nach München, Bamberg oder Augsburg gefahren bin, wurde mir auf dem Abschnitt zwischen Jena und Probstzella schlecht, weil die Strecke so kurvig ist (es geht lange bergauf) und die Züge mit Neigetechnik ausgestattet sind. In Probstzella, an der ehemaligen Grenze, wunderte ich mich dann immer über ein für diesen kleinen Ort eigenartig dominantes Gebäude, das man vom Zug aus sah, und an dem in großen, schön gestalteten Buchstaben "Haus des Volkes" stand. Auf einer meiner Rundreisen durch den Osten, die ich für meine "Gebrauchsanweisung für Ostdeutschland" unternommen habe, kam ich mit dem Auto durch Probstzella, eigentlich wollte ich weiter nach Sonneberg oder Seiffen, nach Resten der Spielzeugindustrie suchen, deren Wiege Thüringen einmal gewesen ist, da ließ ich mich, es war schon spät, von der Werbung für ein "Bauhaus-Hotel" verführen. Wie sich herausstellte, handelte es sich dabei um das "Haus des Volkes", das ich so oft vom ICE aus gesehen hatte. Im großen, parkartig gestalteten Garten stand ein interessanter Ausschank-Kiosk, eine Wandfläche war golden gestrichen, einen schönen Kontrast dazu bildete der alte DDR-Plastewasserhahn. RSL2-Leuchten waren in den de-Stijl-Farben Rot-Weiß-Schwarz bemalt worden, auch ein Trafokasten sah aus wie von Mondrian. Es gibt ja in unserem Land eine noch nicht genügend beklagte Mode, Trafohäuschen mit gepaintbrushten, hyperrealistisch-kitschigen Bildern zu versehen, die Gestaltung hier machte vor, wie es besser ging. Außerdem gab es im Garten eine Kurmuschel aus Beton, ein Argument mehr, hier zu übernachten. Die Tür des Hauses stand offen, ich traf niemanden an und schlich in den "Roten Saal", der 1000 Zuschauer fassen soll, eine Holztreppe führte auf die Bühne. Vom Türgriff über die Wandfarbe bis zur Beschriftung der Räume war das Haus durchgestaltet. Was es mit dem "Haus des Volkes" auf sich hatte, erfuhr ich durch eine Ausstellung, deren Räume extra für mich aufgeschlossen wurden, ich war an diesem Tag der einzige Hotelgast. Später las ich die ganze Geschichte noch einmal in "Mehr Licht – Das Lebenswerk des 'Roten Itting'" von Roman Grafe. Das Buch erzählt die Lebensgeschichte von Franz Itting, einem Unternehmer aus Probstzella, der von 1925-1927 das "Haus des Volkes" erbauen lassen hat. Er war das Urbild eines aufrechten Sozialdemokraten, der daran geglaubt hat, daß die Menschen sich mithilfe der Technik ein Paradies auf Erden schaffen können und dem in seinem unglücklichen Jahrhundert immer wieder Unrecht geschehen ist.

Der Industriepionier Itting ist ein Junge aus einfachen Verhältnissen, Jahrgang 1875. Als er mit 14 die Schule verläßt, spricht sein Vater auf der Straße einen Unternehmer aus dem Ort an und nach zwei Minuten steht fest, daß Franz Maschinenbauer wird. Später interessiert er sich für die vielversprechendste Technik seiner Zeit, die Elektrotechnik. Die Elektrifizierung soll die Menschen im Land und später auf der ganzen Welt verbinden. 1900 bekommt er eine Stelle bei der Russischen Elektrizitäts-Gesellschaft "Union" und baut in Rußland elektrische Anlagen auf. 1904 eröffnet er in Saalfeld ein erstes Montagebüro für Elektrotechnik. Schon vor dem Ersten Weltkrieg sorgt er mit seiner Fabrik in Probstzella für die Elektrifizierung eines großen Gebietes um den Ort. Dafür muss er jede Gemeinde persönlich besuchen, einmal schläft er auf einem Billardtisch, weil das bequemer als das Bett ist. Die Bauern haben Vorbehalte gegen die neuen Leitungen und Strommasten. Die einen argwöhnen, daß die Leitungen "atmosphärische Elektrizität aufsaugen" und es kein Gewitter mehr gebe, die anderen fürchten Unwetter, Erdbeben, Hagel und Mißernten. Als überzeugter Sozialdemokrat läßt Itting in Probstzella ein "Haus des Volkes" bauen mit Massageräumen, Kegelbahn, Festsaal, Turnhalle, Restaurant, Sauna. Vieles davon kann ohne Bezahlung benutzt werden. Es kommt aber noch besser: Er hat den Ehrgeiz, sein Haus im modernsten Stil seiner Zeit errichten zu lassen. Durch Zufall gerät er an den 28-jährigen Alfred Arndt, der mit zwei von Ittings Kindern am Bauhaus studiert hat. Arndt kritisiert den ursprünglichen Entwurf und Itting ist davon so getroffen, daß er den Architekten, der ein traditionelles Gebäude mit Türmchen und Verzierungen bauen wollte, abfindet und das Gebäude von Arndt weiterbauen läßt, der Farbgestaltung und Architektur des Hauses überarbeitet. Eines der seltenen Beispiele, daß das Bauhaus Verbindung zur lokalen Industrie aufnehmen konnte, was ja eigentlich das erklärte Ziel der Schule war, aber am mangelnden Interesse von Seiten der Industrie und des Handwerks Thüringens scheiterte. (Alfred Arndts Frau Gertrud wollte übrigens eigentlich auch Architektin werden, was damals für Frauen an den Architekturschulen zwar theoretisch möglich aber praktisch noch ungeheuer schwierig war. Aber auch am Bauhaus wurden sie, wie Gertrud auch, vorwiegend in die Weberei gesteckt. Sie hat sich, als ihr Mann später Meister am Bauhaus wurde, der Familie gewidmet und nebenbei fotografiert. Ihre Fotografien wurden erst Ende der 70er Jahre entdeckt und geschätzt. Eines der Beispiele dafür, wie das schöpferische Potential der Frauen damals von der Gesellschaft leichtfertig verschenkt wurde.) Mit dem "Haus des Volkes" war mitten in der Provinz ein Ort sozialer Utopie entstanden, es wird Salat und Gemüse fürs Restaurant gezogen, die Gewächshäuser werden mit Abwärme aus dem E-Werk beheizt, mit den Küchenabfällen füttert man die Hühner. Selbst die Inflation übersteht der Betrieb ohne Entlassungen, weil die Mitarbeiter zusammenhalten und auf Teile des Gehalts verzichten. Von den Nazis wird Itting dafür als Marxist und Kapitalist angefeindet, kommt schon '33 in "Schutzhaft", 1937 ins KZ Bad Sulza (wofür er anschließend, Ordnung muß sein, Verpflegungsgeld zahlen muss) und zuletzt nach Buchenwald. Das Haus des Volkes muß umbenannt werden. Trotzdem verliert Itting nicht seinen Glauben an die Menschen, er geht immer davon aus, daß die Anfeindungen nur von Einzelnen kommen. Aber nach dem Krieg geht es weiter mit der Zwangsvereinigung von SPD und KPD zur SED, die SPDler werden diskriminiert. Itting wird von den SED-Stalinisten der ersten Stunde – darunter ein Staatsanwalt, der vorher Nazi gewesen war – verfolgt und mit seinem Sohn über ein Jahr ins Gefängnis gesteckt. Er wird enteignet, natürlich "freiwillig". Er hätte gar nichts dagegen gehabt, den Betrieb in Volkseigentum zu überführen, aber er wollte nicht mit Kriegsverbrechern gleichgestellt werden, denn so lautete die Anschuldigung, er habe am Krieg profitiert und sei Nazi gewesen, während er in Wirklichkeit Juden unterstützt hat. Er darf nicht mehr in den Ort zurück, muß in den Westen fliehen und baut jenseits der Grenze, unweit von Probstzella, mit über 70 Jahren noch einmal eine Fabrik auf. Mit 91 Jahren stirbt er. Den Tod seiner ersten Frau, seiner großen Liebe, die im Ersten Weltkrieg gestorben ist, den Tod eines Sohns im Zweiten Weltkrieg und den Unfalltod eines anderen Sohnes hat er auch noch erleben müssen.

Es macht einen wütend, wenn man liest, daß so ein progressiver Ingenieur und Unternehmer, der überzeugt davon war, etwas zum Gemeinwohl beitragen zu müssen, als Opfer des Nationalsozialismus später von den Stalinisten in der DDR verfolgt und aus dem Land gejagt wurde. Und dieses Schicksal teilte er mit vielen (was im übrigen auch ein bis heute kaum eingestandener Grund für den schnellen wirtschaftlichen Aufschwung der Bundesrepublik war). Auch die Hoffnungen vieler, das Erbe des Bauhauses in der DDR antreten zu können, wo man die Ideen ja nun endlich hätte umsetzen können, sollten sich in der ersten Hälfte der 50er Jahre in der berüchtigten Formalismus-Kampagne zerschlagen. Ein Gestalter konnte für Jahre seine Arbeit verlieren für eine elegante, zylindrische Vase, mit dem Argument, daß "unsere Werktätigen" so etwas Schmuckloses nicht wollten. Wobei die Argumente im Grunde völlig willkürlich und nicht nachzuvollziehen waren. Ein Beispiel ist die Bundesschule des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes in Bernau, die 1928-1930 von Hannes Meyer gebaut wurde, der zu dieser Zeit Leiter des Bauhauses in Dessau war und politisch weit links stand. Sie ist 1977 unter Denkmalschutz gestellt worden und seit 2017 UNESCO-Weltkulturerbe. Am 14.März 1951 hieß es über sie im Neuen Deutschland:

"Bis zu welchem Grad der künstlerischen Verarmung und Verödung praktisch diese Vergötzung der technischen Form in der Architektur führt, das kann man an der Bundesschule des ehemaligen reformistischen ADGB in Bernau bei Berlin studieren. [..] Man darf sich nicht dadurch in Verwirrung bringen lassen, daß die Nazis die gesunde Abneigung des Volkes gegen diese amerikanischen Kulturbarbareien für ihre chauvinistischen Zwecke zur Entfachung einer Pogromhetze gegen die Kommunisten mißbrauchten, denen sie die Entartungserscheinungen in die Schuhe schoben. Aber gerade einige 'kommunistische' Intellektuelle erleichterten ihnen ihre Gemeinheiten, indem sie sich für diese öden Kästen als eine angeblich fortschrittliche und 'kommunistische' Angelegenheit begeisterten." (Nachzulesen in: Günter Höhne: "Die geteilte Form – Deutsch-deutsche Designaffären 1949-1989).

Die "amerikanische Bauhaus-Ästhetik", gegen die das Volk zu Recht eine "gesunde Abneigung" hatte, war also mit Schuld daran, daß die Nazis die Kommunisten verfolgen konnten. Was für eine deprimierende Argumentation, vor allem der Verweis auf die "gesunde Abneigung des Volkes". Man kann aber auch festhalten, daß damals von Parteiseite das als "öde Kästen" bezeichnet wurde, was heute vielen als exemplarisch für DDR-Architektur gilt (siehe aktuell der Streit um den Abriß des Mercure-Hotels in Potsdam). Die bedauernswerten SED-Ideologen mußten radikale Schwenks vollziehen, wenn sie der Linie folgen wollten, die die sowjetische Führung vorgab (und das mußten sie). Die "öden Kästen" sollten sich erst nach 1954 mit Chrustschow durchsetzen.

Das baufällige "Haus des Volkes" ist 2003 von einem Medizintechnik-Unternehmer aus Probstzella ersteigert und denkmalgerecht renoviert worden. Durch die großen Fenster im Essenssaal blickt man über den Bahnhof in den Wald, wo die Grenze verlief und heute das "Grüne Band", das Projekt eines europaweiten Naturschutzgebiets auf dem Gebiet des ehemaligen Grenzstreifens. Ein guter Ort, um über die schöne, aber für die damalige Zeit nicht untypische Verbindung von technischem Pioniergeist, Unternehmertum, Philanthropie, Sozialdemokratie, Saunieren, Form- und Körperbewusstsein nachzudenken und darüber, welche Chance in der DDR schon bei ihrer Gründung durch die Borniertheit der neuen Machthaber verspielt wurde.

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Kommentare 1
  1. Frederik Fischer
    Frederik Fischer · vor 2 Monaten

    Ich fahre die Strecke auch häufiger. Kein anderes Gebäude in Sichtweite bindet zumindest meine Aufmerksamkeit stärker. Ich ahnte nicht, dass die Geschichte dahinter noch viel spektakulärer ist als die Architektur-/Standort-Schere. Besten Dank mal wieder.