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Literatenfunk

Der Alltag einer Diktatur in Deutschland
Ulla Lenze
Schriftstellerin
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piqer: Ulla Lenze
Freitag, 25.11.2016

Der Alltag einer Diktatur in Deutschland

„Manchmal liest sich ein Artikel wie eine Parodie. Immer häufiger wird ein pädagogisch moralisierender Ton eingeschlagen."

Das schreibt Antoni Graf Sobanski im Jahr 1933 über die deutsche Presse, die sich nach Hitlers Machtergreifung im Prozess der Gleichschaltung befindet. Im Auftrag einer polnischen Zeitschrift reist der renommierte Journalist ins Nachbarland, um sich den Berliner Alltag nach der Machtergreifung Hitlers genauer anzuschauen.

Sobanski ist kosmopolitisch, schwul, aristokratisch, eloquent, gern ironisch. Den Deutschen ist er eigentlich zugetan. Darauf weist er in seinen „Nachrichten aus Berlin“ auch immer wieder - entschuldigend bis verzweifelt - hin; er habe die Deutschen stets als ein freundliches, gerade Fremden gegenüber aufgeschlossenes Volk erlebt. Ja, er reist sogar in der Hoffnung an, dass es so schlimm, wie die ausländische Presse über Deutschland kritisch berichtet, vielleicht nicht sein wird. (Diese ist übrigens, auch zu seinem Erstaunen, nach wie vor ganz unproblematisch in Berlin erhältlich).

Innerhalb nur eines Jahres hat sich das mit Nachtlokalen, queerem Leben und Bars blühende Berlin zu einem Uniform-dominierten „Germania" entwickelt, das zum Boykott jüdischer Geschäfte aufruft, Gewaltexzesse gegen Juden auf den Straßen zulässt und in dem Menschen verschwinden.

Sobanski berichtet vom Alltag, aber auch von historischen Großereignissen wie die Bücherverbrennung oder Hitlers Rede auf dem Tempelhofer Feld. Beides beschreibt er aus seinem persönlichem Blickwinkel, wodurch die historische Distanz und das uns scheinbar Altbekannte dieser Ereignisse bezwungen wird. Um es vorwegzunehmen: Das macht die Lektüre so besonders und extrem nachdrücklich. Es ist beinah, als wäre man live dabei. Es ist eben nicht der Blick aus der Retrospektive, der den entsetzlichen Ausgang der Ereignisse längst kennt, es herrscht keine Nachträglichkeits- und Aufarbeitungsstimmung, die herausfordernd genug sein kann, aber stets auch die Schutzzone des Vorbeiseins bietet, und sowieso ist es fern der ästhetisierenden Bilder von Film und Literatur. Ich sitze Sobanski quasi auf der Schulter und werde Zeuge der Ereignisse, auch Zeuge seines Ringens um die richtige Zuordnung: „Was soll man also von den Brutalitäten dieser Revolution halten?", fragt er. 

Umgekehrt ist bezeichnenderweise die Frage, die am häufigsten an den Gast aus Polen sorgenvoll herangetragen wird: „Wie denkt man im Ausland über uns?"

In einer einst vertraulichen Freundesrunde empfängt Sobanski unter dem Tisch einen warnenden Fußtritt, als er sich kritisch äußert — vor einem Jahr noch wäre ihm das erlaubt gewesen. Die Angst ist groß und die Vorgaben, wie zu reden, was zu denken ist, übermächtig. Das Tempo, in dem die neuen Gesetze greifen und Rechtlosigkeit in Gesetzesform gekleidet wird, erschreckt ihn. Und immer wieder wundert sich Sobanski: „Wo ist der alte Berliner Humor geblieben? [...] Vor ein paar Jahren noch hätten sie alle beim Anblick der fettleibigen Herren in braunen Hemden gelacht, die beim Betreten des Lokals den Arm wie ein Eisenbahnsignal schwenken und dabei den Namen eines Anstreichers aus Oberösterreich rufen."

Die Deutschen, nein, resümiert er, seien nicht glücklich. Er freut sich umso mehr über kleine verschwörerische Momente, etwa wenn die Kellnerin sein „Grüß Gott" erwidert und dann flüstert: „Das ist mir noch der liebste Gruß."

Bei der Bücherverbrennung wertet er es, wenn auch ironisch, als immerhin hoffnungsvolles Zeichen, dass ein paar Studenten in letzter Sekunde die pornografischen Schriften heimlich einstecken.

Einmal spricht er zynisch von seinem "Reporterglück“, auf so schreckliche Fälle zu stoßen wie den eines amerikanischen Freundes: Dessen Cousine, die Frau eines Berliner Architekten mit "linken Sympathien", wurde verhaftet und im Krankenhaus erst wiedergefunden: Die linke Brust musste ihr amputiert werden, sie war während einer mehrfachen Vergewaltigung „zerbissen“ worden.

Sobanski berichtet aber auch von „kleinen, oberflächlichen Auflehnungen." „In den Hafenstädten, hauptsächlich in Hamburg, wo man im Gegensatz zum Rheinland nur sehr schwer antisemitische Stimmung erzeugen kann und wo selbst der Tag des Boykotts mit einem Fiasko endete, konnte man am frühen Nachmittag keine Blumen mehr bekommen, weil sie alle in die jüdischen Wohnungen gewandert sind, versandt von beschämten und mitfühlenden Ariern." Und dann: „Ich sage deutlich: Irgendwelche Beispiele von Courage, den Boykott von arischer Seite zu unterlaufen, wurden keine vermeldet, und das erwähnte Mitgefühl beschränkte sich auf Visitenkarten, Blumen und Besuche bei jüdischen Bekannten."

Jeder vielleicht heimlich gehegte Erklärungsversuch, dass das Ausmaß der Verbrechen vielen damals möglicherweise nicht bewusst war, funktioniert nach dieser Lektüre nicht mehr. Man konnte damals sehr leicht alles wissen – so wie heute auch.

Zu Recht wurde das Buch bei seinem Ersterscheinen in Deutschland 2007 als Sensation und Entdeckung gefeiert.

Es sind genaue Beobachtungen eines hellwachen Zeitzeugen, geschrieben in einer merkwürdigen Mischung aus Leichtigkeit und Dringlichkeit, als wäre die Sprache ein stramm gespanntes Seil, als komme sie anders nicht über das Schreckliche, das zu schildern ist, hinüber.

Beim Ausbruch des Zweiten Weltkriegs begibt Sobanski sich auf eine Exilodyssee über Osteuropa und Italien bis nach London. Dort stirbt er 1941 an einer Lungenkrankheit.

Antoni Graf Sobanski, Nachrichten aus Berlin 1933-36, Parthas Verlag 2007, rororo 2009

9,2
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Kommentare 2
  1. Marcus von Jordan
    Marcus von Jordan · vor 12 Monaten

    Danke. Les ich.

    1. Ulla Lenze
      Ulla Lenze · vor 12 Monaten

      Freut mich! Ein wirklich verblüffendes, hellsichtiges Buch, besonders aufschlussreich auch vor dem Hintergrund der aktuellen Weltlage.