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Literatenfunk

David Wagner "Romania"
Jochen Schmidt
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piqer: Jochen Schmidt
Sonntag, 22.04.2018

David Wagner "Romania"

Eine Besprechung eines Buchs von David Wagner sollte so mühelos wirken wie seine Bücher, aber das ist gar nicht so leicht. Gerade bei der Textsorte der Rezension droht die Gefahr, nicht mehr zu schreiben, was man will, sondern in Rezensionsrhetorik zu verfallen. Dagegen könnte die Faulheit des Schülers helfen, der sich um lästige Arbeiten drückt. Ich beneide David um seine Fähigkeit, nur zu tun, worauf er Lust hat. Bei unseren Lesungen aus "Drüben und drüben" saß er immer schon abseits im Gespräch mit der hübschen Buchhändlerin, während ich noch fleißig Leserfragen beantwortete, obwohl ich eigentlich ins Bett wollte. Fleiß macht die Texte lang, Faulheit ist die Höflichkeit des Autors. Schon beim Thema geht es los, der Plot muß sich im Exposé gut machen, die Kritiker wollen von ihrem Alltag abgelenkt werden. Und was macht David? Er schreibt einen glücklichmachenden Roman über einen Supermarktbesuch ("Vier Äpfel"), auf die Idee werde ich ewig neidisch sein. Jetzt hat David Wagner "Romania" veröffentlicht, ein Tagebuch eines Stipendienaufenthalts, der ihn im Frühjahr 2002 in Bukarest stranden ließ, als Rumänien noch gar nicht in der EU war. Das Buch hat mich als Rumänien-Fan interessiert, der sich insbesondere für Bukarest begeistern kann, aber auch, weil ich ein Jahr nach David Wagner mit demselben Stipendiumprogramm zwei Monate in Sarajevo verbracht habe, wo für mich vieles ganz ähnlich abgelaufen ist. Deutsche Autoren nach Osteuropa zu schicken (und im Gegenzug osteuropäische Autoren nach Deutschland einzuladen) halte ich nach wie vor für eine gute Idee (eigentlich müßte es vergleichbare, öffentlich geförderte, horizonterweiternde Reisemöglichkeiten auch für "Normalbürger" geben und nicht nur für Autoren und Bundeswehrsoldaten). Davids Buch erzählt vom Scheitern eines Romanprojekts und ist dabei vielleicht der interessantere Roman, denn man erlebt mit, wie er zu seiner Poetik kommt. Er hatte sich vorgenommen, in Bukarest, dort würde er ja Zeit haben, an einem "richtigen" Roman ("mit Handlung") zu arbeiten (250 Jahre nachdem Laurence Sterne die Gattung Roman gelustmeuchelt hat, muß man sich dieser Pflichtübung immer noch stellen), einem deutschen Familienroman über mehrere Generationen mit dem genialen Arbeitstitel "Beton". Er verliert die Lust daran, auch weil zum Glück der Drucker kaputtgeht, und findet sein eigentliches Thema:

"Denke mir, es müßte ein Buch geben, in dem all das vorkommt, was sonst nicht auftaucht, all das, von dem sonst nicht die Rede ist, was sonst wegfällt, die McDonald's, die ich besuche, was ich so esse und einkaufe und wo ich schlafe, das Gewöhnliche, das Glanzlose, das Normaltraurige, die Vorabendgefühle. Alles über die Momente, in denen ich mich frage, was mache ich an anderen Tagen um diese Zeit?"

Er tut, was er in allen seinen Büchern tut, er widmet sich dem, was andere für Wahrnehmungsschrott halten, der Oberfläche, vielleicht um sich, das unterstelle ich mal, von einer tieferen Traurigkeit abzulenken. Entscheidend bei Beobachtungskünstlerin ist immer der Filter, was dringt ins Bewußtsein des Autors? Und was teilt er uns davon mit? Das Besondere an David Wagner ist, daß er eine hypersensible Wahrnehmung hat, gleichzeitig aber zu Dingen und Menschen immer auf Distanz bleibt. Der Beobachtungsgegenstand kann die Straße sein, durch die er spaziert, ein Supermarkt, die Ödnis seiner vielen Hotelzimmer, oder sein Körper und die Krankenhausmaschinerie, in der er in "Leben" wegen einer lebensbedrohliche Erkrankung gelandet ist. Wie David Wagner den Schrecken mit Freude am Detail beschreibt, und mit einer gewissen Verwunderung registriert, so umsorgt zu werden, hat auf den Leser eine eigentümlich tröstliche Wirkung.

Weil ich bei meinem Sarajevo-Aufenthalt fürchtete, für einen dieser Westler gehalten zu werden, von denen man dort schon genug gesehen hatte, die ein paar Wochen vor Ort sind und danach einen Roman über den Bürgerkrieg oder über das "Jerusalems des Balkans" schreiben (ich kannte als Ostler das Good-bye-Lenin-Gefühl, das eigene Leben von anderen erklärt zu bekommen), hatte ich mich anschließend in eine zweijährige Recherche zu möglichst vielen Aspekten der jugoslawischen Gesellschaft und des Bürgerkriegs gestürzt und dabei ein umfangreiches Manuskript produziert, das meine Agentin mit den Worten ablehnte: "Bosnien interessiert keine Sau." Der Krieg war vorbei und damit auch das Interesse an Büchern mit "Sarajevo" im Titel, die lange gefragt gewesen waren (obwohl sie meistens kaum von Sarajevo handelten). (David Wagner: "Man solle nur über das schreiben, was man kenne, sagt Naipaul. Womöglich hat er recht. Wann aber, ab wann, kenne ich etwas? Wie lange dauert das? Und wenn ich etwas ganz genau kenne, ist es dann nicht zu spät?") Nun lese ich bei David, wie es gegangen wäre, wenn ich mich getraut hätte, einfach meinem Spleen zu folgen, meiner Wahrnehmung zu vertrauen, der Sachbuchversuchung zu widerstehen und mich nicht für meine Wissenslücken zu schämen, sondern sie mitzuerzählen. "Romania" ist ein federleichter Text, manchen Tagen gönnt David Wagner nur eine halbe Seite. Man glaubt dem Autor nicht, daß sonst nichts passiert ist, aber es ist ja eine Kunst, dem Leser das Gefühl zu geben, mehr zu wollen. Das Buch beschreibt die schöne Inselexistenz auf Reisen, zeitlich und örtlich, wenn man Gewohnheiten entwickelt und sich eine Zeit lang eine Heimat schafft. Einerseits ist man einsam, andererseits von seinem Sozialleben befreit (und praktischerweise muß man nichts verstehen, wenn man nicht will). Diese kleine Neugeburt, die Freude am Entdecken, das Schulschwänzerglück des Autors (wie herrlich, in einer fremden Stadt mitten am Tag vor dem Fernseher Chips zu essen und "der meditativen Wirkung von Discovery Channel zu verfallen"), das vielleicht auch das Gefühl erzeugt, sich zu drücken und die Angst, irgendwann wieder eingefangen zu werden ("In der Nacht, ich sitze am Fenster, höre ich unten auf der Straße eine Trillerpfeife, immer wieder. Und was hat das zu bedeuten? Soll ich antreten?") Die Erinnerungen an andere Reisen, die aufkommen wenn man reist. (Die Bukarester Straßenhunde erinnern ihn an Mexiko. Oder fühlt er sich nur wie in Mexiko? Der Apfelstrudel schmeckt wie die Sommer in Österreich. Dazu kommen, typisch für David Wagner, die vielen Frauenerinnerungen, mal muß er "an Sandra in Marrakesch denken", mal schmeckt Gin Tonic mit einer Scheibe Zitrone aus einem Plastikbecher "nach Barcelona, nach Sónia, der portugiesischen Architektin. Wo sie jetzt wohl wohnt?" Die Frauen, die nur mit einem Buchstaben abgekürzt sind, sind vermutlich die wichtigeren.)

David macht in Bukarest oft dasselbe, man könnte es Konzeptkunst nennen. Weil in der Spüle zwei Küchenschaben sitzen, kauft er sich seinen Morgenkaffee am Kiosk im Parterre seines Hauses (er kauft sich auch Plastiklöffel, damit er nicht abwaschen muß), er geht durch den Cişmigiu-Park spazieren ("Gegen zwölf drehe ich - bin ich schon ein Rentner? - meine große Runde durch den Park."), er frühstückt Toast bei McDonald's, beobachtet, wie die Ausstellungen in der Sala Palatului, die er vom Fenster aus sehen kann, wechseln, von Expo "Schweißen und Metall" zu "Pumpen und Plastik". Er sucht in Filialen der Supermarktkette "Angst" nach rumänischen Produkten (Wasser aus der Bukowina "Paul-Celan-Wasser"), oder er kauft Molino-Bianco-Kekse "die ich in Rom so oft gegessen habe". Abends guckt er aus seinem Fenster auf eine Johnny-Walker-Reklame und schreibt nicht an "Beton".

Nebenbei erfährt man natürlich dann doch einiges über Rumänien, weil David einerseits vieles notiert, was ihm von den vielen Intellektuellen, die er trifft, zugetragen wird. Rumänen lieben es, westlichen Besuchern kuriose Geschichten über ihr Land aufzutischen, die Zeitungen sind ja voll davon (z. B. wie im Sozialismus ganze Wohnblöcke an einen Videorekorder angeschlossen waren, um den täglichen zwei Stunden Fernsehprogramm, in denen nur Ceauşescu gezeigt wurde, zu entkommen. Oder daß manche Diplomaten sich einen Wettbewerb daraus machen würden, möglichst viele Straßenhunde zu überfahren, wie ihm ein polnischer Kulturdiplomat verrät). Andererseits ist es gerade die Poetik der Oberfläche, die Dinge ins Licht rückt, die den Einheimischen nicht wichtig erscheinen. Im CFR-Reisebüro, in dem man damals noch seine Fahrkarten kaufen mußte (kleinen Bahnfahrkarten aus Karton, wie in der Kindheit, er sammelt sie) erlebt David Begeisterungsschübe ob der retrofuturistischen Ausstattung, hier müßte ein Club aufmachen und Ladytron spielen (oder sollte Marthaler den Raum als Bühnenbild nachbauen?) Seine rumänische Austauschautorin (beide versichern sich, wie ungern sie Dialoge schreiben), die ihm Bukarest zeigt (in Berlin hat er, gibt er zu, anschließend nicht so richtig Lust gehabt, sie seinerseits rumzuführen, die dunkle Seite der Autorfaulheit) versteht das nicht, sie findet den Ort nur alt und ranzig. Solche Erlebnisse hat man in Osteuropa natürlich ständig, man ist hin und weg, wenn man eine konstruktivistische Deckenverkleidung sieht, alte Autos, übriggebliebene, schön gestaltete Leuchtschriften, aber die Einheimischen rümpfen darüber nur die Nase, oder sie sagen: "Du kannst ja hierher ziehen", wozu einem dann doch der Mut fehlt. Für uns ist es ein märchenhafter Vorgang, einen Eimer voll Wasser aus einem Brunnen hochzukurbeln, für sie nur mühsam. Nur ein fremder, von der Erinnerung und den Leiden unbelasteter Besucher kann denn auch so ehrlich sein wie David und Ceauşescus monströsen Palast interessant und, ja, auch irgendwie durchaus schön finden ("Dieser wunderbare Größenwahn!")

Er sieht die Regenrohre, die einfach über dem Pflaster enden, er sieht die überraschend vielen neusachlichen Gebäude aus den 20ern und 30ern (Bukarest ist Europas heimliche Hauptstadt der neusachlichen Architektur, man kann hier wirklich von Dornröschenschlaf sprechen, denn natürlich schert man sich dort noch nicht um diesen Schatz.) Er freut sich daran, wie es Frühling wird. Er freut sich über ein altmodisches Wählscheibentelefon in seiner Wohnung, er sitzt in Internet-Cafés und beobachtet, während sich sehr langsam eine Seite mit Nachrichten aus Deutschland aufbaut, auf der Straße Pferdekarren von Schrottsammlern. Er wundert sich über das rhythmische Klatschen der Zuschauer im Theater. Er ist dauernd müde, trotz Mittagsschlaf. (Der tägliche Triumph des Autors: ausschlafen. Aber: "Eigentlich denke ich ja noch immer (und sage es immer wieder mal), daß ich eines Tages gern etwas anderes, Ordentliches, Anständiges machen würde.") Seine Sensibilität trägt ihm schöne Sinneseindrücke zu (das Gerüst an der Kirche "ich gehe jeden Tag daran vorbei, riecht nach frisch geschnittenem Holz"), sie kann aber auch bewirken, daß er sich unangenehm davon berührt fühlt, wenn ein gut Deutsch sprechender Einheimischer Begriffe wie "Staatsknete", "Alk" oder "Echt Hammer!" benutzt. Er riecht im Duty Free "nach", wie das Parfüm einer Rumänin hieß, das ihn an eine andere Frau erinnerte. Er geht alleine durch ein Museum mit 500 gelangweilten Bildhüterinnen. Er staunt über den Muschelkalk an den Fassaden. Er beobachtet, daß Rumänen, wenn sie durch eine Tür gehen, automatisch hinter sich greifen, um die Tür aufzufangen, weil der Türschließer meistens nicht geht. Er freut sich über das Geld aus Plastikfolie (Rumänien hat es aus Australien importiert. In den 80ern waren die Geldscheine so zerknittert, daß man kaum noch etwas darauf erkennen konnte. Man hatte wohl kein Geld, neues Geld zu drucken.) Aber, egal, was er macht und vor allem nicht macht, es geht eigentlich immer ums Schreiben, das man sich wünscht, für das kein Ort der richtige ist, das irgendwann passieren wird, wie ja auch das Leben sich irgendwann richtig anfühlen wird. "Dabei habe ich schon wieder das Gefühl, ich würde mich drücken. Wovor eigentlich?"

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