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Literatenfunk

Das dicke Mawil-Buch

Quelle: Mawil "The Singles Collection"

Jochen Schmidt
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piqer: Jochen Schmidt

Das dicke Mawil-Buch

Manchmal habe ich in den letzten Jahren sonntags versucht, im Zeitungsladen unauffällig den Tagesspiegel durchzublättern, was kompliziert war, weil ich hinten an die Beilage mußte, um zu sehen, ob der Sonntags-Comic von Mawil stammte. Sonntags kaufe ich sonst nie die Zeitung, was da drin steht kann ja nicht so wichtig sein, sonst würde es an einem normalen Tag gedruckt. Was für ein Glück, daß es nun Mawils "The Singles Collection" zu kaufen gibt, alle monatlichen Tagesspiegel-Comic-Kolumnen aus neun Jahren gesammelt in einem Band, der in seiner Gestaltung Mawils Phantasma, eigentlich ein Musiker zu sein und einmal im Leben ein eigenes Soloalbum rauszubringen, deutlich erkennen läßt. Wie man es von seinen Zeichnungen kennt, ist auch das Buch bis ins kleinste Detail liebevoll und originell von ihm mit kleinen Extras versehen worden. Diese prächtigen Comics wären nie erschienen, wenn er nicht gezwungen gewesen wäre, monatlich etwas zu produzieren, es lebe der ständige Anstieg der Lebenshaltungskosten! Oder: "Man muß dem Weisen seine Weisheit erst entreißen" (Brecht). Mawil hat einen genialen Strich, es gibt paktisch kein Detail bei ihm, das nicht etwas erzählt, man kann sich die Bilder deshalb immer wieder ansehen. Das kommt daher, daß er so genau beobachtet. Aber anders als bei anderen Comicautoren gilt das bei ihm auch für den Text. Seine Floskeln, Dialoge, Kommentare verraten einen einzigartigen Sinn für das "mot juste", obwohl er jetzt nicht wissen wird, was ich damit meine, da er ständig mit seiner Unbildung kokettiert. Als Comicautor darf er das, denn dieser Beruf ist eine soziale Nische für Pubertätsversager, die die Chance bekommen, sich als ewiges Kind in die Gesellschaft einzugliedern und sie heimlich nach ihrem Bild umzuformen, so daß sogar die Sonne eine dicke Brille aufgesetzt bekommt. Begeistern tun mich bei Mawil inzwischen aber auch die Farben, wie im Beitrag über eine Sibirientour, eine Geschichte fast ohne Worte, aus dem Zugfenster beobachtet, die Fernleitungsrohre, die Oma auf den Gleisen, die Holzhütten vor halb fertigen Wolkenkratzern, der Zaun aus Autoreifen. Ein großes Thema war in den letzten Jahren natürlich die Klage über den Ausverkauf der Stadt (Aus der Wohnung rausrenoviert zu werden und keine neue zu finden. Oder daß die Straßenbahnlinien von der BVG willkürlich umbenannt wurden, wer erinnert sich noch daran?), die bei ihm aber nicht anstrengend klingt, da sich auch alles Politische seiner Ästhetik unterordnet. Der sogenannte Alltag, also das, was das Leben wirklich ausmacht, ist sein Thema. Wie das perfekte Fahrrad aussehen muß, wie man richtig mit Kohlen heizt, was einem bei der Mandel-OP passiert, man könnte ihn eigentlich überall hinschicken, er würde Dinge sehen, die sonst keiner sieht. Aber als Perfektionist kann er sich natürlich auch nicht für einen Rechner entscheiden, den ihm der Vater kaufen will, nicht wegen der verschiedenen Prozessoren, sondern wegen des Designs, man ahnt, daß Perfektionismus auch ein Fluch sein kann.

Der romantische Gegenentwurf zum kreativen Prekarier-Dasein mit Augenringen vor dem Heimcomputer sind einerseits die ewig verherrlichten kleinbrüstigen Mädchen mit dem Scheitel vor den Augen und andererseits die Fahrradtour mit Freunden an die Ostsee, zunehmend aber auch (Goethe sei Dank) die Auslandsreise, nach Georgien, Alma-Aty, Bukarest, Baku oder Porto Alegre. (Übrigens à propos Goethe, wollt ihr mich nicht auch mal einladen? Ich mach auch 'n Workshop mit Kids, ich war fast noch nie irgendwo eingeladen!)

Und, weil es sich so "Nun, o Unsterblichkeit, bist du ganz mein"-mäßig anfühlt: auch zwei Geschichten, die wir gemeinsam gemacht haben, sind in dem Band enthalten! Erstmals im Original-Layout und in bunt!

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