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Literatenfunk

Das bitterböse, mittelgroße Gegenteil von putzig

Quelle: Cover des Bandes "Stürzen, drüber Schlafen"

Monika Rinck
Autorin
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piqer: Monika Rinck
Sonntag, 14.02.2016

Das bitterböse, mittelgroße Gegenteil von putzig

„Stürzen, drüber schlafen“ heißt der jüngste Band der fantastischen, so klugen wie komischen Erzählerin Angelika Meier. Wobei: Vielleicht ist sie sogar einen Hauch noch klüger als komisch. Oder aber andersherum. Aber warum soll man sich überhaupt auf einen solchen Vergleich einlassen? Schließlich bleibt sich dies auf köstliche Weise gleich. So erfreuliche Qualitäten wie Klugheit und Komik in eine Konkurrenz zueinanderbringen, ist ja gar nicht nötig (und wäre zudem weder klug noch komisch!). Bei Meier kommen Fantastik und Realismus auf vorbildliche Weise zusammen, nüchtern und halluzinogen zu gleichen Teilen.

Es sind die irren Normalisierungen des Unfassbaren, die Meier wie kaum eine andere vermag. Was in der Exposition noch eine gewagte Metapher zu sein scheint, stellt sich mit einem Mal als reine Konkretion heraus – und mit jeder Minute steigt die Überzeugung, dass es in diesem Fall nun einmal so sei. Dass die Verleihung des Bundesverdienstkreuzes an Jürgen Klinsmann spontan, in einer zeremoniellen Abspannung in den Imbiss „Döner de Luxe“ auf dem Kottbusser Damm verlegt wird, ist logisch. Dass eine suchtkranke Penthesilea auf einer muschelkalkrosafarbenen Terrasse mit Swimmingpool im kalifornischen Malibu Kleist liest und dem abgehalfterten Achilles-Darsteller Antonis „Tony“ Sarikakis, aus der Styxium-Narkose erwachend, eine tiefe Bisswunde in die Wange verpasst, ist ebenso logisch.

Zitate werden verbaut, und an den Stellen, wo sie auf andere Materialien stoßen, wird es hell, klar und brisant. In der Geistesgeschichte schlummernde Figuren sind zu neuem Leben erweckt, und großmütig überlassen sie ihre Obsessionen den Heutigen, die sie sogleich zu verwenden wissen. So dass die Erfahrung, die auch grammatisch in der Sprache eines anderen Jahrhunderts sedimentiert ist, wieder ins Wirbeln kommt, in den hellen und bewegten Wassern einer grotesken und unvermeidbaren Vergegenwärtigung – die die Hauptsache einer empathischen Lektüre von Briefen, Romanen, Gedichten aus vergangener Zeit ist.

Meier gelingt die reine Anwendung von allem; gedankliche Gebäude einer anderen Epoche werden wieder begehbar gemacht. Bei all dem ist eine fabelhafte, sehr genaue Requisite an der Arbeit, die nicht übertreibt und auch nicht zum Ornament neigt. Es ist die Geschichte, die darin liegt. Andere Räume kennen aber vielleicht auch andere Tabus. Wer hat denn jetzt schon wieder den Schalter umgelegt? Manche der Figuren tragen Züge des klassischen Sonderlings, doch in einer sonderbaren Welt sind gerade sie die Experten. Auffällig ist die Entschiedenheit der von ihr erdachten oder weitergedachten Personen, deren enorme Willensstärke.

Ihre Grotesken sind niemals mechanisch, am Ende ist sie doch wieder von einer großen, fast sturen Weitherzigkeit gegenüber den eigenen Figuren erfüllt – ganz gleich, in welche Situationen sie sich hineinmanoevriert finden. Hier herrscht Eigenweltlichkeit, die von großer Freude an der verkehrten Welt beseelt ist, wobei zuweilen unklar wird, wer dort eigentlich lebt, in der verkehrten Welt, die oder wir. Dies ist vielleicht besonders triftig für Meiers großen Anstaltsroman „Heimlich, heimlich mich vergiss“, der im Jahr 2012 erschienen ist. Denn bei Meier vollzieht sich keine fiese Vorführung der Devianz, sondern eine weitherzige Anpassung der Wirklichkeit ans Sonderbare. Am Ende könnte man all dies affirmieren. Ach, und habe ich bereits erwähnt wie komisch das ist? Sehr. Und wie klug? Ja, sehr, sehr.

Angelika Meier: Stürzen, drüber schlafen. Zürich, Berlin 2013

Angelika Meier: Heimlich, heimlich, mich vergiss. Zürich, Berlin 2012

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