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Daheim & Zigaretten: Judith Hermann

Andreas Merkel

Sachbuchautor über Romane in Berlin. Letzte Veröffentlichung: "Mein Leben als Tennisroman" (Blumenbar). Kolumne "Bad Reading" im Freitag (das meinungsmedium).

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Andreas MerkelFreitag, 28.05.2021

Dieses Buch ist eigentlich ein spannender Bad-Reading-Fall. Wegen eines Treffens für ein Portrait über sie, aus dem aber nichts wurde (Judith Hermann ist gerade meist in Ostfriesland und schreibt ein Drehbuch), habe ich in den letzten Wochen die Welle der Begeisterung voll mitbekommen, die in ganz Feuilletonhausen über ihren neuen Roman Daheim (S. Fischer) hereinbrach. Es drohte die Gefahr des Weglobens: Platz 3 der Spiegel-Bestseller-Liste und vermutlich gewinnt sie auch den Leipziger Buchpreis.

Was schade wäre, denn der Roman verdient bei aller Großartigkeit auch ein bisschen Widerspruch und kostet Nerven.

Es beginnt schon mit Titel und Cover, Stichwort "das schöne Buch": Wer sagt denn heute noch "daheim" (... etwa wie in "ich bleib heut daheim und guck Tatort")? Und was hat es mit dem naiven Bild auf sich, der Gerhard-Richter-Rückenansicht eines verträumt ins Watt starrenden Pferdeschwanzes (das Gemälde Schiff II von Karoline Kroiß), bei dem man an Strandkorb-Literatur und Dörte Hansen für Arme denkt?

Und setzt sich fort, wenn Hermann in full-Carver-control und superlakonisch von einer lost Endvierzigerin erzählt, die an der "östlichen Küste" strandet. Dort lebt sie allein in einem verlassenen Haus hinterm Deich, jobbt in der Kneipe ihres Bruders. Die Story der berühmten namenlosen Ich-Erzählerin schlägt einen sofort in ihren Bann, weil real menschen vorkommen, mit blinden wie blauen Flecken, Schwächen & Stärken – maulfaul, sensibel oder einfach nur eigen.

Die Ich-Frau fühlt sich als Lonerin, befindet sich aber in einem durchaus anspruchsvollen Beziehungsgeflecht. An der Küste gibt es die Geschwister Mimi und Arild, bäuerlich verwurzelte "Königskinder", mit denen sie sich anfreundet bzw. eine Affäre beginnt. Ihr Bruder Sascha, 60, ist Nike, einer gestörten 20-Jährigen, verfallen. Der noch nicht geschiedene Exmann, Otis, ist als Memorabilia-Messi in Untergangserwartung in der Großstadt (Berlin) zurückgeblieben. Tochter Ann schickt Koordinaten aus der Ostsee, wo sie mit Freund rumschippert und die Freiheit ausprobiert, die als diffuses Glücksversprechen auch das erwachsene Landpersonal des Romans nie losgelassen hat. Ruhig und mit perfekt getimten Wendungen nimmt das Unheil (Gewalt und Männer) seinen Lauf.

Oder war immer schon vorgezeichnet: Das Buch beginnt mit einer Reminiszenz, in der Judith Hermann zu ihren Anfängen zurückkehrt – der Arbeit in einer Zigarettenfabrik (über die sie – unten verlinkt – bereits vor 13 Jahren in der NZZ schrieb). Und kleiner Hommage an Annett Gröschner: Erzählerin kauft sich immer Moskauer Eis an der Tanke. Ebendort wird sie von einem älteren "Zauberer" angesprochen, der sie als "zersägte Jungfrau" für ein Kreuzfahrt-Bordprogramm mit nach Singapur nehmen will, für das sie sich in eine Kiste legen müsste. Ebendort beginnen also die Probleme, für die Erzählerin (die sich seitdem zersägt-zerrissen fühlt). Aber auch für die Leser, die sich fortan mit dem überinterpretierbaren Kisten-Leitmotiv (für misshandelte Mädchen und Marder) rumschlagen müssen, als wäre Daheim seit 50 Jahren Deutschstunde-Pflichtlektüre. Wie lange gab es eigentlich den Trick mit der "zersägten Jungfrau"?

Der Roman wird zum Lehrstück über Stärken und Gefahren des lakonischen Erzählens: Meistens gelingt es Judith Hermann, die Welt so auszusparen, dass ihr plötzlicher Einbruch in den Manufaktum-Minimalismus von Daheim ("es gibt sie noch, die guten Dinge") umso effektvoller reinknallt. Dann ist man schon ganz aufgeregt, wenn mal eine Manchester-United-Kaffeetasse auftaucht, Emoji-Speech (KP, HDL, OMG) oder ein indischer Arzt in der Provinz.

Aber die Kunst des Viel-mit-wenig-Sagen verzeiht eben auch keine Unstimmigkeiten. Das Coole an der Lakonie kann schnell ins lächerliche Posing umkippen (Interpunktion bei wörtlicher Rede zu cool für Fragezeichen). Oder in bescheidener Schönheit sterben: "Die Sonne sank. Ich ging rein und aß ein Schwarzbrot mit Butter und Salz." – Satt geworden?

Am besten ist der Roman immer dann, wenn er sich selbst hinterfragt: Wenn die Ich-Erzählerin auch noch den ganz Dummen mit Kaurismäki-Tristesse kommt (Das Mädchen aus der Streichholzfabrik!), zweifelt Otis im Begleitbrief die selbstverklärte Stimmigkeit der Erinnerung an: Da hast du doch schon längst Beletage gewohnt.

Die strenge Stille daheim hinterm Deich hinterlässt der normal lauten, normal zugemüllten, normal überforderten Gegenwartswelt ein Faible für leicht asoziale Outsider und unromantische Reste von, okay: Schönheit.

Daheim & Zigaretten: Judith Hermann

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Kommentare 2
  1. Theresa Bäuerlein
    Theresa Bäuerlein · vor 23 Tagen

    Danke für den NZZ-Text, der tatsächlich auf eine etwas anstrengende Weise lakonisch ist. Ich lese Judith Herrmann gerne, aber zu viel davon geht mir einfach auf die Nerven.

    1. Andreas Merkel
      Andreas Merkel · vor 23 Tagen

      Danke, freut mich.
      Das Buch ist aber trotzdem sehr gut (laconic emoji)!

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