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Literatenfunk

"Cute Gedanken" von Mara Genschel
Monika Rinck
Autorin
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piqer: Monika Rinck
Donnerstag, 30.03.2017

"Cute Gedanken" von Mara Genschel

Womöglich wurde das Format des roughbooks, das der Schweizer Verleger Urs Engeler seit einigen Jahren zusammen mit einigen Gastherausgebern aus der Verlagslandschaft stampft, genau für eben dieses Buch erfunden: "Cute Gedanken", von Mara Genschel. So ein roughbook hält sich nicht mit konventioneller Covergestaltung und Schmutztitel auf, es beginnt auf der allerersten Seite, also sozusagen auf dem Umschlag, mit den ersten Zeilen des Textes. Den Titel des Buches, den Namen der Autorin und die bibliografischen Angaben findet man dann auf der letzten Seite, das Rückcover wird von einem ausgeschriebenen Deeplink beinahe ganz eingenommen. Seit dem Jahr 2009 sind 42 Stück davon erschienen, man kann die Reihe auch abonnieren, was sich in der Tat empfiehlt.

"Gehirnwäsche Al’s Angstlust // der Poeten!" Der Band "Cute Gedanken" ist die hochkomische und verzweifelte Abschrift eines von der CIA-finanzierten internationalen Residenzstipendiums in Iowa, das die Autorin, wenn man ihr glauben darf, im Herbst 2016 bekam – oder müsste man nicht eher sagen: absolvierte? "Alle MIT deinem ich sprach, / also 3, wollten ein Gesicht aus / der CIA-Geschichte basteln. // Auch ich, natürlich." Um die Texte so und nicht anders zu verfassen, nutzt Genschel die fremdsprachliche Korrekturfunktion ihres billigen amerikanischen Mobiltelefons, die jedes Wort, "bis zur Unkenntlichkeit in amerikanische Einheiten atomisiert". Die Gedichte befinden sich quasi im Dialog mit programmierten Funktionen, so dass aus dem Prädikat, "sich auseinandergesetzt haben", mit dem das bezeichnet wird, was die Moderatoren im Vorfeld des Autorengesprächs, bevor sie sich ihre Fragen überlegten, eben NICHT gemacht haben, die Wortfolge "such a use in and edge set it haven" wird. Dennoch ist dies alles perfekt lesbar, der Hirtenhund des fremden Algorithmus führt die Leserin sicher noch durch jedes unwegsamste Gelände.

"Schreiben in einem Zustand der / Empörung über den Zustand. / Ohne den Zustand zum // Gegenstand zu machen??" Dabei sind alle Konflikte zugelassen, und sie kommen auch auf. Was habe ich zu verkörpern, als "hinkender angeschossener General MIT eisblaue mm Haar"? How to live a poet’s life? Und wie sind die Kollegen, sind sie höflich oder nur geduldig? Geht es noch um Fragen der Ästhetik oder schlicht um Sichtbarkeit? Genschel erörtert in guten, so zaghaften wie treffenden, mehr analogen als digitalen und zudem sehr feinen Gedichten, was Höflichkeit mit Negation zu tun haben kann. Steckt die Verzweiflung tief in den Knochen, während die Theorie nur die Hautoberfläche liebkost? Halb "Susan men hang loser Zombie", der keine Ahnung hat, wie gut das ist, was er tut, halb Generälin der Avantgarde.

Es entstehen Gedichte in zärtlichem Brockenenglisch mit einer immensen Empathie für fehlerhafte Menschlichkeit. Ehrlich, stolz und traurig und mit dem Mut es nicht gut sein zu lassen, selbst wenn fraglich ist, ob es überhaupt gut zu machen ist. Alles wird mit in die kritische Schale geworfen, die verquasten überförderten Originalitäten, die einem überlegenen staatlichen Förderungssystem entspringen, Stolz und Verwahrlosung und eine Fusion aus beidem, sowie die Ansprüche an die eigene Radikalität, das verhaltene Missvergnügen an der eigenen Strenge, die institutionellen Verwerfungen. "Stets klatschten alle."

Selbstverständlich fangen die beteiligten "Autor und rinnen" irgendwann damit an, miteinander zu schlafen, Ausflüge zu machen, das Per Diem aufs Spiel setzen und in kritischer Haltung, in die sich eine irgendwie depressive Dankbarkeit mischt, über Relevanz, Schuldkomplex, Aberwitz, Entfremdungsprozess und die politischen Bedingungen ihres Aufenthalts nachzudenken.

Kann Institutionskritik die Form eines Lyrikbandes annehmen? Ich erinnere mich an Mara Genschels "Magengala", die vor einigen Jahren in der Berliner Schankwirtschaft "Rumbalotte" stattfand, in der sie, gemeinsam mit einigen Kopiloten, das Format der Lesung auf freundliche, gar nicht mal so destruktive Weise herausforderte, was selbst gestandene Anarchisten die Fassung verlieren ließ. Die Prügelei war nur einen Loop, ja einen Wimpernschlag entfernt. Das war eine sehr gute "a use in and edge set"-zung mit den Bedingungen unter denen Gedichte entstehen und der Art, wie sie gemeinhin repräsentiert werden. Oder, knapper gesagt: Literatur mit Wirkung.

Mara Genschel: Cute Gedanken, herausgegeben von Christian Filips und Urs Engeler; roughbook 042, Iowa City, Stuttgart, Berlin und Schupfart, Januar 2017.

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