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Literatenfunk

Thomas Durgeloh Oliva
Publizist und Journalist
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Thomas Durgeloh Oliva
Donnerstag, 07.09.2017
Community piq

Wie viel ist genug?

Im angloamerikanischen Raum von großer Bedeutung ist auch das Buch „How Much Is Enough? Money and the Good Life“ von Robert und Edward Skidelsky. In ihrem 2012 auf Deutsch unter dem Titel „Wie viel ist genug?“ erschienenen Band legen die beiden eine Skizze einer „Ökonomie des guten Lebens“ jenseits des hypertrophen Wachstumskapitalismus dar, die in vielem auch an Latouche anschließt. Die Beschreibung folgt hier der 2014 erschienenen Taschenbuchausgabe. Robert Skidelsky als Ökonom und sein Sohn Edward Skidelsky als Philosoph gehen nicht von der Bewältigung der Finanz-, Schulden- oder Umweltkrise aus, so wichtig sie diese auch nehmen, sondern von der Frage, wie eine Wirtschaft organisiert sein müsse, die dem „guten Leben“ zuträglich ist.

Als Referenz dient ihnen dabei Anfang der 1930-Jahre von John Maynard Keynes publizierte Aufsatz „Die ökonomischen Möglichkeiten unserer Enkelkinder“. Keynes prognostiziert darin eine Zukunft, in der die Menschen aufgrund der Produktivitätsfortschritte im Kapitalismus mit einem Bruchteil des Arbeitsaufwandes (höchstens drei Stunden täglich) ihre materiellen Bedürfnisse befriedigen und sich in der übrigen Zeit der Muße, zweckfreien Bildung, musischen Betätigung sowie Hilfe für die Ärmeren hingeben würden.

Die beiden Autoren analysieren nun, warum Keynes ́ Prognose (bisher) nicht eingetreten ist, und finden schlüssige Antworten. Eine liegt im Umstand, dass die Einkommen sehr ungleich verteilt sind; eine weitere in der Ausweitung des Dienstleistungssektors, der ja nicht der Befriedigung materieller, sondern immaterieller Bedürfnisse dient. Den gewichtigsten Grund erkennen die Autoren jedoch in der Tatsache, dass die Bedürfnisse, die über Konsum befriedigt werden, massiv ausgeweitet wurden. Sie unterscheiden nun, was Keynes verabsäumt hätte, zwischen „Bedürfnissen“ und „Begierden“, man könnte auch sagen, den mittels Werbung, dem Drang des Sich-Vergleichens und dem Streben nach positionellen Gütern immer mehr gewachsenen Wünschen. „Bedürfnisse – das was objektiv für ein gutes und bequemes Leben nötig ist – sind ihrer Zahl nach endlich, aber Begierden existieren nur im Kopf und können sich unendlich ausweiten, sowohl der Quantität als auch der Qualität nach.“ (S. 42) Das bedeute, dass das Wirtschaftswachstum nicht automatisch endet. „Wenn es aufhört“, so der entscheidende Schritt von Robert und Edward Skidelsky, „dann weil die Menschen entschieden haben, dass sie nicht mehr wollen, als sie brauchen“.

Die Autoren referieren die Vorstellungen des guten Lebens in unterschiedlichen Religionen sowie in der Philosophie und markieren einen entscheidenden Wendepunkt mit dem Aufkommen des Utilitarismus, der zusammenfällt mit dem Aufkommen der Aufklärung, des naturwissenschaftlichen Weltverständnisses sowie des Industriekapitalismus. Nicht weniger aufschlussreich zu lesen sind die Abschnitte über die aktuelle Glücksforschung und die Nachhaltigkeitsdiskurse, die zwar als dem Wachstumsdenken entgegenwirkend gewürdigt werden, aber letztlich zu wenig überzeugend für eine „Ökonomie des guten Lebens“ seien. Glück sei schwer fassbar und könne schon gar nicht in Zahlen gegossen werden, so ein vorgebrachtes Argument. Und die Nachhaltigkeit sähe lediglich die äußeren „Grenzen des Wachstums“ und nicht die inneren. Das sei gefährlich: „Denn wenn sich herausstellen sollte, dass das Wachstum doch nachhaltig ist, was sein könnte, werden all jene, die gegen Wachstum waren, weil sie es für nicht nachhaltig hielten, nichts mehr zu sagen haben.“ (S. 172) Zudem seien Prophezeiungen von Katastrophen ein „bekannter, aber ungeliebter Weg, zum Verzicht aufzufordern“. Es sei freundlicher (und wahrscheinlich effizienter), den Menschen zu zeigen, „dass ein weniger überladenes Leben ein gutes, erstrebenswertes Leben ist“.

Sozialpolitik für Basisgüter

Dieses durch eine entsprechende Organisation der Wirtschaft mittels politischer Rahmensetzungen zu fördern, ist das Ziel von Robert und Edward Skidelsky. Im Schlusskapitel „Was zu einem guten Leben gehört“ scheiden sie universell gültige „Basisgüter“ von den übrigen Gütern. Zu diesen zählen sie Gesundheit, Sicherheit, Respekt, Autonomie bzw. Persönlich- keitsentfaltung, Harmonie mit der Natur sowie Freundschaft und Muße. Sie zu erreichen, fordere die Individuen, erfordere aber – was nahe liegt – Bedingungen, die außerhalb der Individuen liegen. So sei es „die erste Pflicht des Staates, die materiellen Bedingungen eines guten Lebens für alle zu schaffen“ (S. 228). Wachstum müsse in diesem Sinne ein Mittel zum Zweck sein, die Basisgüter zu ermöglichen. Am Beispiel: „Gesundheit erfordert anständiges Essen und Medizin. Muße erfordert Zeit ohne lästige Pflichten. Persönlichkeit erfordert einen Raum, in den man sich zurückziehen kann.“ Und: Basisgüter seien ihrem Wesen nach nicht marktfähig: „Man kann sie nicht wirklich kaufen und verkaufen.“ (S. 230).

Die Autoren fordern daher abschließend eine „Sozialpolitik für die Basisgüter“, die einer gleichmäßigeren Verteilung von Vermögen und Einkommen ebenso bedürfe wie eines stärkeren Gewichts auf Lokalität. Der liberale Staat solle möglichst wenig vorschreiben, jedoch die Rahmenbedingungen setzen. Einkommens- und Vermögensobergrenzen, die der neuen drohenden Dienstbotengesellschaft einen Riegel vorschieben, maximale Arbeitszeiten für alle Berufe (mit klar definierten Ausnahmeregelungen), die eine adäquate Verteilung der Arbeit und Muße für alle garantieren, gestaffelte Konsumsteuern, die Basisgüter gegenüber Luxusgütern abheben („Luxusgesetze“ hat es – so ist hier nachzulesen – bereits im antiken Athen gegeben), oder aus fairen Steuern finanzierte Gesundheitsdienstleistungen. Nicht zuletzt plädieren die Autoren für ein Grundeinkommen in Abwägung der Vor- und Nachteile. Und „in der Welt der Genügsamkeit“ würde das wirtschaftliche Engagement auf die materielle Grundversorgung der Armen gelenkt, was auch Keynes so gedacht und erhofft hatte. 

Eine schöne (Real)-Utopie!

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