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Literatenfunk

Thomas Durgeloh Oliva
Publizist und Journalist
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Thomas Durgeloh Oliva
Donnerstag, 14.09.2017
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Welt mit Zukunft

Die Mehrzahl der Kritiker des Wachstumspfades konstatiert, dass in den Ländern nachholender Entwicklung durchaus Wirtschaftswachstum sinnvoll ist, auch wenn darüber zu diskutieren sei, wie dieses Wachstum aussehen soll. Franz Josef Radermacher als Vertreter der Global-Marshall- Plan-Initiative und mit Josef Riegler Verfechter einer globalen ökosozialen Marktwirtschaft geht davon aus, dass in den Ländern des Südens Wachstumsimpulse des Vielfachen von bisher nötig sein werden, um Hunger und Armut zu überwinden. Er meint aber auch – das unterscheidet ihn von anderen -, dass bei entsprechenden Rahmenbedingungen auch weitere beträchtliche Wachstumsmargen in den hoch hochentwickelten Volkswirtschaften möglich seien. Dargelegt hat er dies in dem gemeinsam mit dem Journalisten Bert Beyer verfassten Buch „Welt mit Zukunft“ (2009/2011).

Das Konzept einer globalen ökosozialen Marktwirtschaft, das Radermacher gemeinsam mit Josef Riegler und Hubert Weiger auch in dem Band „Ökosoziale Marktwirtschaft“ (2011) skizziert, geht von einem globalen Deal aus. Die Entwicklungsländer verpflichten sich zur Einhaltung ökologischer und sozialer Standards und erhalten als Gegenleistung Anschubfinanzierungen zum Aufbau von Strukturen, die der Überwindung von Hunger und Armut dienen. Gedacht wird an Investitionen in modernes Watermanagement, Bildungsprogramme, Solarenergie-Projekte u. ä. m. Die Mittel hierfür sollen aus weltweiten CO2-Steuern, Abgaben auf Rüstungsgeschäfte oder generell aus einer Welthandelsabgabe lukriert werden. Der Global-Marshall-Plan würde in Anlehnung an sein historisches Vorbild – den Marshallplan für Europa nach dem Zweiten Weltkrieg – die Abhängigkeit der Südländer von Kreditfinanzierungen verringern und zugleich die gegenwärtige Entwicklungshilfe um ein Vielfaches übersteigen. Die Kooperation soll mit Regierungen, aber auch mit zivilgesellschaftlichen Initiativen erfolgen. Gelingt dieser globale Ausgleich nicht, so drohe eine „Brasilianisierung der Welt“. Die globale Ungleichheit würde weiter zunehmen, einer kleinen reichen Oberschicht in den Ländern des Südens würde die breite Masse der Verarmten gegenüberstehen. Zudem würden Verarmungstendenzen auch in die Wohlstandsländer zurückkehren. Hinsichtlich der ökologischen Grenzen des Planeten befürchtet Radermacher eine Abschottung der Wohlhabenden, die sich den Zugriff auf die Restressourcen militärisch sichern würden. In der erweiterten Neuauflage 2011 gehen die Autoren auch ausführlich auf die Finanzkrise sowie die ihr folgende Verschuldung der Staaten ein. Was passiert, wenn, wie bei der „Reise nach Jerusalem“, die Musik plötzlich aussetzt und der Kampf um die freien Stühle beginnt? So fragen die beiden im Hinblick auf die gigantischen, nicht gedeckten Geldansprüche im internationalen Finanzsystem, deren Umfang dem 50-fachen der Zentralbankgeldmenge entspricht. Als Ausweg ist für Radermacher und Beyers eine weltweite Vermögensabgabe denkbar: „Wohl wissend, dass durch eine kollabierende staatliche Ordnung auch privater Besitz gefährdet ist, werden diejenigen, die etwas besitzen, und damit insbesondere die, denen die Staaten etwas schulden, Vermögen auf den Staat übertragen.“ (S. 182) Praktisch würde das so aussehen, dass 10 bis 15 Prozent des Vermögens (Positivsaldo) an den Staat übergehen würden, um seine Entschuldung zu finanzieren. Das Problem sei nicht, dass wir bei zukünftigen Generationen verschuldet sind, sondern „dass wir alle kollektiv, über unsere Staaten, bei sehr wenigen Akteuren hohe Schulden haben“ (S. 183). Um den gesellschaftlichen Frieden zu erhalten, müssten sich die Staaten und die Vermögensbesitzer (auch Staatsfonds) einigen. Noch dazu, da viele der Vermögen ohnedies durch Steuerhinterziehung entstanden seien.

Wirtschaftswachstumserwartungen sind hinterfragbar

Das Konzept der Global-Marshall-Plan-Initiative wirkt überzeugend; wie andere Globalkonzepte bleibt freilich die Frage nach den Akteuren, die dieses umsetzen (wollen). Ähnlich dem Ende 2015 vereinbarten weltweiten Klimavertrag sollte eine Art globaler Gesellschaftsvertrag abgeschlossen werden. Hinterfragt wird auch der Wachstumsoptimismus in Bezug auf die Wohlstandsländer, auch wenn Radermacher hier von qualitativen bzw. immateriellen Wachstum, etwa durch Ausgaben für Bildung, Kultur usw. spricht. Die Autoren sprechen von einem „doppelten Faktor 10“, der davon ausgeht, dass in 70 Jahren die sich heute entwickelnden Länder etwa 34 Mal so reich sein können wie heute und die heute bereits Reichen ihren Wohlstand nochmals vervierfachen („Zukunftsformel: 10 > 4:34“, entspricht der zehnfachen Weltwirtschaftsleistung bei einer Erhöhung der Ökoeffizienz ebenfalls um den Faktor 10; S. 106 in Ökosoziale Marktwirtschaft).

Eine weitere Vervierfachung des Wohlstands der wohlhabenden Länder erscheint, auch wenn ein qualitatives Wachstum unterstellt wird („Wachstum aus Intelligenz und Kooperation“, S. 108), weder machbar noch sinnvoll, um Lebensqualität zu erreichen bzw. zu erhalten. Dass in Analogie zur „Reifung biologischer Systeme“ der Übergang zu „Kreislaufwirtschaften“, „Informationswachstum“ sowie „Kooperation und Symbiose“ angestrebt wird, ist durchaus nachvollziehbar. Dass aber ein Ende des Wirtschaftswachstums in reichen Gesellschaften kein „Programm des Zurück“ sein muss und auch keine Ablehnung zukünftiger Innovationen darstellt, zeigen mittlerweile international anerkannte dokumentierte Studien.

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