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Literatenfunk

Thomas Durgeloh Oliva
Publizist und Journalist
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Thomas Durgeloh Oliva
Montag, 18.09.2017
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Welt im Wandel. Gesellschaftsvertrag für eine Große Transformation (2011/2012)

Die Transformationsforschung, die ursprünglich aus den Politikwissenschaften kommt und den Übergang von Diktaturen in Demokratien untersucht (man spricht hier von „Transformationsgesellschaften“), wird nun auf die Herausforderung Nachhaltigkeit übertragen. Es geht um den Übergang von verbrauchsintensiven Konsumgesellschaften hin zu verbrauchsarmen Nachhaltigkeitsgesellschaften. Die Ziele lauten „zero waste-economy“, „kohlenstoffarme oder postfossile Wirtschaft“, „ressourcenleichter Konsum“, „Great New Deal“ usw. Der Transformationsprozess soll „zu einer gerechten und nachhaltigen Governance der Nutzung und Bewirtschaftung globaler, regionaler und lokaler Allgemein- oder Gemeinschaftsgüter führen“, so ein Paper der Heinrich-Böll-Stiftung. Neben der Atmosphäre sind dies v.a. natürliche Ressourcen wie Ozeane, Fischbestände, Boden, Wälder und Artenreichtum.

Transformationsforschung untersucht die Bedingungen, Hürden und Chancen einer Veränderung hin zu nachhaltigen Gesellschaften. Im Zuge der UN-Dekade „Bildung für nachhaltige Entwicklung“ wurde sie ergänzt durch Transformationsbildung. Gefragt wird danach, wie und wann Menschen sowie Gesellschaften auf Herausforderungen reagieren und lernen oder auch nicht.

Der Wissenschaftliche Beirat für Globale Umweltveränderungen (WBGU) der Deutschen Bundesregierung hat das Thema Transformation aufgegriffen und einen „Gesellschaftsvertrag für eine Große Transformation“ (2011) ausgearbeitet. Einer ausführlichen Analyse der Befunde der gegenwärtigen Weltentwicklung folgen Handlungsempfehlungen für diesen „großen Wandel“ in den Bereichen „Klimaverträglichkeit“, „Energiewende“, „Nachhaltige Urbanität“ sowie „Nachhaltige Landnutzung“. Die Transformationsstrategie des WGBU geht von „förderlichen“ und „hemmenden“ Faktoren aus. Als Blockaden für eine Dekarbonisierungsstrategie werden alte Pfadabhängigkeiten (z. B. langfristige Investitionen in alte Energiesysteme), die gebotenen engen Zeitfenster für die Veränderungen, globale Kooperationsblockaden, die rasante Urbanisierung (2050 sollen 6 Mrd. Menschen in Städten leben, so viel wie die derzeitige Weltbevölkerung ausmacht) sowie die günstig verfügbaren Kohlevorräte angesehen. Als begünstigende Faktoren gelten dem WBGU das Vorhandensein neuer Technologien, die Möglichkeit deren Finanzierung, ein Wertewandel zur Nachhaltigkeit, der Aufbau globaler Wissensnetzwerke und mögliche Begleitnutzen der Transformation, etwa für neue Wirtschaftsbranchen (S. 284).

Unter Bezugnahme auf den Wirtschaftshistoriker Jürgen Osterhammel wird von „Häufigkeitsverdichtungen“ klimaverträglicher Innovationen gesprochen, die den Wandel ermöglichen könnten. Als zentrale Akteure macht der WBGU „Pioniere des Wandels“ aus, die von „Nischenakteuren“ zu „Agenda Settern“ werden, damit die Nische verlassen und „Breitenwirksamkeit durch gesellschaftliche Routinisierung“ erlangen. Dem „gestaltenden Staat“ käme dabei die Aufgabe zu, die Nischenakteure zu unterstützen und Rahmenbedingungen für den Wandel zu schaffen (S. 285).

Idealtypisch wird folgendes Bild gezeichnet: „Der neue Gesellschaftsvertrag ist ein Veränderungskontrakt: Die Weltbürgerschaft stimmt Innovationserwartungen zu, die normativ an das Nachhaltigkeitspostulat gebunden sind, und gibt dafür spontane Beharrungswünsche auf. Garant dieses virtuellen Vertrages ist ein gestaltender Staat, der für die Zustimmung zu Nachhaltigkeitszielen die Bürger an den zu treffenden Entscheidungen beteiligt. Damit wird eine Kultur der Achtsamkeit (aus ökologischer Verantwortung) mit einer Kultur der Teilhabe (als demokratischer Verantwortung) sowie mit einer Kultur der Verpflichtung gegenüber zukünftigen Generationen (Zukunftsverantwortung) verbunden. Von der Bürgergesellschaft wird keineswegs eine oberflächliche oder gar resignierte Akzeptanz nachgefragt: Sie wird vielmehr als Mitgestalter für das Gelingen des Transformationsprozesses anerkannt und in Bewegung gesetzt und legitimiert den Prozess dadurch. Die Idee des gestaltenden Staates ist also untrennbar verbunden mit der Anerkennung der Zivilgesellschaft und der innovativen Kräfte in Wirtschaft, Wissenschaft und Verwaltung.“ (S. 8, Kurzfassung)

10 Maßnahmenbündel werden vorgeschlagen, die insbesondere die Dekarbonisierung des Wirtschaftens im Auge haben: Bündel 1: Den gestaltenden Staat mit erweiterten Partizipationsmöglichkeiten ausbauen; Bündel 2: CO2-Bepreisung global voranbringen; Bündel 3: Europäisierung der Energiepolitik ausweiten und vertiefen; Bündel 4: Ausbau erneuerbarer Energien durch Einspeisevergütungen international beschleunigen; Bündel 5: Nachhaltige Energiedienstleistungen in Entwicklungs- und Schwellenländer fördern; Bündel 6: Rasante Urbanisierung nachhaltig gestalten; Bündel 7: Klimaverträgliche Landnutzung voranbringen; Bündel 8: Investitionen in eine klimaverträgliche Zukunft unterstützen und beschleunigen; Bündel 9: Internationale Klima- und Energiepolitik; Bündel 10: Internationale Kooperationsrevolution anstreben.

Eine explizite Postwachstumsstrategie für die Volkswirtschaften der Wohlstandsländer wird nicht angesprochen.

Fakten: 

Die OECD-Staaten haben im Jahr 2014 135,2 Mrd. Dollar an Entwicklungshilfe (ODA = Official Development Assistance) geleistet, so Daten des Development Assistance Comitee (DAC) entnommen einer Zusammenstellung des Welthaus Bielefeld. Der von den Geberländern angepeilte Anteil der ODA-Mittel von 0,7 Prozent am Bruttoinlandsprodukt wird damit weit verfehlt – er lag bei 0,29 Prozent. Lediglich Schweden und Norwegen lagen mit 1,1 bzw. 0,99 Prozent über diesem Zielwert. Deutschland erreichte 0,41 Prozent und die USA nur 0,19 Prozent.

Die weltweiten Ausgaben für Werbung liegen beim über Dreifachen der Entwicklungshilfe, nämlich bei knapp 500 Mrd. Dollar. Und laut Angaben der Internationalen Energieagentur (IEA) wurden 2014 weltweit 523 Mrd. Dollar an staatlichen Subventionen für fossile Energien ausgegeben. Demgegenüber betrugen die Gesamtinvestitionen in Erneuerbare Energien 2014 lediglich 270,2 Mrd. Dollar, so Angaben des Renewables 2015 Global Status Report.

Die Geldvermögen sind laut einer Studie der Boston Consulting Group von 2013 bis 2014 von 146,8 auf 156,3 Billionen Dollar, was einem Zuwachs von 17,5 Billionen Dollar entspricht. Dieses Geld wird zwar weitgehend reinvestiert, aber wohl nur zu einem geringen Teil in nachhaltige Projekte. Sinnvoller wäre es, einen Teil dieser Vermögen abzuschöpfen, um eine globale Energiewende zu finanzieren, die auch den Ländern nachholender Entwicklung zu Gute käme und im Sinne der Staatengemeinschaft verkündeten Sustainable Development Goals wirken würde. In den reichen Ländern steht zudem ein radikaler Umbau der Mobilitäts- und Konsumstrukturen an, um die in Paris beschlossenen Klimaschutz-Ziele Realität werden zu lassen. Ein Wirtschaftswachstum, das den Ärmeren zu Gute kommt, braucht neue Entwicklungsstrategien sowie neue Investitionsprioritäten.

Welt im Wandel. Gesellschaftsvertrag für eine Große Transformation (2011/2012)
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