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Literatenfunk

Thomas Durgeloh Oliva
Publizist und Journalist
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Thomas Durgeloh Oliva
Montag, 04.09.2017
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Lilith und die Dämonen des Kapitals

Es mag zu Skepsis Anlass geben, wenn so etwas Profanes wie die Wirtschaft unter der Brille der Psychologie, ja noch mehr, der Psychoanalyse betrachtet wird. Der Ökonom Tomás Sedlácek und der Journalist Oliver Tanzer tun dies in „Lilith und die Dämonen des Kapitals“ jedoch mit großem Gewinn. Wer darüber hinaus Interesse an mythologischen Erzählungen hat und sich nicht daran stört, dass die Autoren zwar die Theorien der Wirtschaftswissenschaften heftig kritisierten, selbst jedoch nur in Andeutungen Alternativen aufzeigen, wird das Buch mit noch mehr Interesse lesen. „Die Ökonomie auf Freuds Couch“ (so der Untertitel) ist der Versuch, die Irrationalitäten des herrschenden Kapitalismus mithilfe der Psychopathologie und von uralten Mythen zu erklären (dabei wird neben Sigmund Freud mehrfach auch auf C. G. Jung Bezug genommen).

Sedlácek und Tanzer sind keine Antikapitalisten. Sie schätzen die Errungenschaften des freien Marktes sowie des freien Kapitalverkehrs; ihre Kritik gilt den Auswüchsen der Wirtschaft im gegenwärtigen Konsum- und Finanzkapitalismus. In den Worten der Autoren, im Übergang zu einem „aggressiven Kapitalismus“, in dem nicht mehr Leistung, sondern Machtstrukturen dominieren, und nicht mehr Nützliches, sondern Unnützes produziert wird. Den Wirtschaftswissenschaften werfen die Autoren vor, dass sie nur auf einem Bein stünden, dem „mathematischen“, was Wissenschaftlichkeit vorgebe, jedoch zu dramatischen Fehlprognosen bzw. Fehlwahrnehmungen führe.

Das Hauptdilemma des kapitalistischen Wirtschaftens machen die Autoren im „perversen Kreislauf von Konsum und Wachstum“ (S. 25) aus. Es wird produziert und zugleich muss der Absatz für das Produzierte sichergestellt werden. Die Legende von Lilith ist daher die titelgebende Geschichte des Buches. Lilith, nach hebräischer Überlieferung die erste Frau Adams, wird dazu verdammt, immerfort Kinder zu gebären und diese sofort wieder aufzuessen – der moderne „Fluch von Produktion und Vernichtung“. Zugleich gäbe es aber Knappheit in der Welt, die nicht überwunden wird: „Die Maxime unserer Zeit ist es, nicht die Hungernden zu ernähren, sondern die Satten.“ (S. 46) Die Werbung tue daher nichts anderes, als „unseren nicht existierenden Hunger auf libidinöse Weise zu wecken.“ Dieses System sei sadistisch und obendrein kleptomanisch.

In der Geschichte der Ökonomie von Platon über Thomas von Aquin, Adam Smith, Karl Marx, John Maynard Keynes bis Milton Friedmann sei es immer um „die Verteilung und den Handel mit Gütern gegangen“ (S. 138). In der heute gelebten Praxis scheine das Wissen über gerechtes Geben und Nehmen nicht mehr vorhanden zu sein“. „In der Marktwirtschaft der Konzerne und des Wettbewerbs der Finanzdienstleister gewinnt nicht mehr derjenige, welcher geschickter gibt und nimmt. Es gewinnt der, der gar nichts gibt und möglichst alles nimmt.“

In insgesamt elf Abschnitten legen Sedlácek und Tanzer irrationale Aspekte des Konsum- und Finanzkapitalismus dar. Der Narzissmus der Wirtschaftsführer, das Suchtverhalten der Konsumenten, das Geschäft mit der Angst – von allerlei Versicherungen bis hin zum Kampf gegen Terror, das Ausblenden von Dingen, die man nicht sehen will oder die Selbstherrlichkeit derer, die Wirtschaftsprognosen erstellen – all das wird anhand von Krankheitsbildern aus der Psychoanalyse erhellt. Immer wieder kehrt dabei der Zwang von Wachstum, Verbrauchen und Zerstören. Die moderne Konsumgesellschaft basiere wie beim Säugling auf dem puren Drang, sich Dinge einzuverleiben. „Die Gesellschaft produziert nicht aus einem langfristig angelegten Kalkül heraus, sei es zum Schutz der Nachkommenschaft oder zur Erreichung gesellschaftlichen Wohlstands. Sie produziert zunehmend aus dem alleinigen Grund, zu verbrauchen.“ (S. 219) Und um das Wachstum anzukurbeln, werde die private und öffentliche Verschuldung immer mehr vorangetrieben. Wirtschaftspolitik heute funktioniere nicht mehr nach dem Prinzip, in den fetten Jahren für die dürren zu sparen, wie bei den Ägyptern und wie auch von Keynes gemeint, sondern die Wachstumsmaschine werde permanent gefüttert. Dies bezeichnen die Autoren als bipolare Störung, da nicht nur in der Depression, sondern auch in Boomphasen in die Wirtschaft gepumpt werde, was zu Manie und Blasenbildung führe.

Die Autoren halten uns einen unangenehmen Spiegel vor Augen (zumindest jenen, die noch immer an noch mehr Wachstum glauben). Ihr Urteil ist hart. Die Wurzel des wirtschaftlichen Übels liege in „einem Vernichtungswillen ohne Kreativität, der letztlich zur Selbstzerstörung des Systems führen“ könne (S. 324) Doch wo liegen die Auswege? Das erste wäre, so Sedlácek und Tanzer, der Realität ins Auge zu blicken: „Das Schädliche als gegeben anzunehmen und sich gegen den Ernstfall zu wappnen, im besten Sinne des Wortes Widerstandskraft zu zeigen, wäre die Aufgabe der Ökonomie als Wissenschaft und der Politik als Steuerungseinheit der Gesellschaft.“ (S. 325). Dafür müssten Götzen geopfert werden. Am Ende dieses Prozesses stünde eine „tatsächliche Umwertung, die einen neuen globalen Begriff des Nutzens schaffen würde, in dessen Zentrum nicht das System zum Selbstzweck würde, sondern das Wachstum der menschlichen Fähigkeit zu einer sich selbst als solche verstehenden globalen Zivilisation.“ Für diesen „reflektierten Kapitalismus“ nötig sei eine systematische Änderung der gesellschaftlichen Prozesse, aber auch eine Änderung der Einstellung des Einzelnen. Wie dies im Detail aussehen mag, beschreiben wohl mittlerweile zahlreiche andere Publikationen. Hier werden sie nur angedeutet.

Lilith und die Dämonen des Kapitals
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