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Literatenfunk

Thomas Durgeloh Oliva
Publizist und Journalist
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Thomas Durgeloh Oliva
Dienstag, 19.09.2017
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Gemeinwohl-Ökonomie

Viele aktuellen Krisen seien auf eine gemeinsame Wurzel zurückzuführen, nämlich auf Gewinnstreben und Konkurrenz als „fundamentale Anreizstruktur unseres gegenwärtigen Wirtschaftssystems“, so die Ausgangsthese des mittlerweile international gefragten Vortragenden Christian Felber in seinem Buch „Gemeinwohl-Ökonomie“ (S. 7). Felbers Befund kurz gefasst: Dieses Wirtschaften gefährde den seelischen, sozialen und ökologischen Frieden. Die „Gemeinwohl-Ökonomie“ hingegen fördere und belohne dieselben Verhaltensqualitäten und Werte, die unsere menschlichen und ökologischen Beziehungen gelingen lassen: „Vertrauensbildung, Wertschätzung, Kooperation, Solidarität und Teilen“ (S. 7). Vertrauen sei wichtiger als Effizienz – das „höchste soziale und kulturelle Gut“, welches „die Gesellschaft im Innersten zusammenhält“ (S. 16). Und: Konkurrenz motiviere zwar auch, aber viel schwächer als Kooperation, die auf „Wertschätzung, Anerkennung, gelingende Beziehung, gemeinsame Zielsetzung und -erreichung“ (S. 17) abziele, so Felber.

Gemeinwohlmatrix

So weit, so gut – doch wie soll diese Gemeinwohl-Ökonomie in der Praxis aussehen? Im Zentrum der Überlegungen steht eine neue Unternehmensbilanz, die neben dem wirtschaftlichen Ergebnis auch soziale und ökologische Belange integriert. Über für alle geltende Mindeststandards hinaus erhalten jene Unternehmen, die besonders sozial und ökologisch agieren, sogenannte „Gemeinwohl-Punkte“. Eine partizipativ entwickelte „Gemeinwohlmatrix“ umfasst so unterschiedliche Aspekte wie „Selbstorganisation der Arbeitszeit“, „Transparenz aller Entscheidungen und Zahlen“, „Rückverfolgbarkeit aller Produktteile“ oder „Begrenzung der Einkommensspreizung“. Selbstverständlich werden soziales Engagement und ökologische Vorbildhaftigkeit honoriert. Zusatzpunkte gibt es aber auch für Mitarbeiterbeteiligung, den Verzicht auf Werbung, regionale Verankerung oder „kooperative Marktplanung“.

Und damit sich das Ganze auch lohnt, muss eine gute Gemeinwohlbilanz auch finanzielle Vorteile bringen. Gedacht wird an einen niedrigeren Steuersatz und Zolltarif, an günstigeren Kredit bei der „Demokratischen Bank“ (ihr ist ein eigenes Kapitel gewidmet) sowie an den Vorrang bei öffentlichem Einkauf und Auftragsvergabe (welche laut Buch immerhin ein Fünftel der gesamten Wirtschaftsleistung ausmacht). „Diese Belohnungen helfen den Gemeinwohlorientierten, ihre (höheren) Kosten zu decken.“ (S. 34) Zusätzlich wird vorgeschlagen, auf allen Produkten die „Gemeinwohlstufe“ des Unternehmens, von dem diese stammen – sozusagen als Entscheidungshilfe für die Konsumenten – mittels einer Farbskala anzugeben. Das Ziel dabei: „Durch das Zusammenwirken von rechtlichen Vorteilen, Konsumentscheidungen und der Präferenz ́erfolgreicher ́ Zulieferbetriebe entsteht eine mächtige Spirale in Richtung Gemeinwohl.“ (S. 34) Die politischen Rahmenbedingungen werden sozusagen von individuellem Gewinnstreben auf das Gemeinwohl „umgepolt“.

Begrenzung des Eigentums

Über diese neue Unternehmensbilanz hinaus schlägt Felber weitere Änderungen vor, die das Wirtschaften grundlegend umgestalten würden: Gewinn soll nur mehr im Betrieb investiert und an im Betrieb Beschäftigte ausgeschüttet werden (was de facto das Ende von Aktiengesellschaften bedeuten würde). Nicht erlaubt wären überdies Firmenaufkäufe, Finanzspekulationen sowie Parteispenden. Neu wäre auch die „kooperative Marktplanung“ (S. 46), die branchenbezogen gemeinsam die Produktion an den Bedarf von Gütern festlegt (anstatt sich gegenseitig zu zerstören), sowie eine originelle Verkürzung der Arbeitszeit durch Freijahre („alle Menschen [dürfen] sich pro Dekade ihres Berufslebens ein Jahr Auszeit nehmen und sich anderwärtig verwirklichen“ S. 48).

Tiefgreifend aber folgerichtig verlangt Felber schließlich auch Veränderungen in der Eigentumsordnung. „Die Absolutstellung des Eigentumsrechts“ sei heute „zur größten Gefahr für die Demokratie geworden“, warnt der Autor (S. 61) und beschreibt den Kapitalismus als „positiv rückgekoppeltes System, weil es mit fortschreitendem Reicherwerden und Größerwerden für Individuen und Unternehmen immer leichter wird, noch reicher und größer zu werden.“ (S. 62) Auf den Punkt gebracht: Die erste Million sei die schwierigste!

Dieser systemischen Fehlentwicklung entgegnet die Gemeinwohl-Ökonomie mit vier Begrenzungen: der „Begrenzung der Einkommensungleichheit“ (auf das Verhältnis von maximal 1 zu 20), der „Begrenzung des Rechts auf Aneignung von Privatvermögen“ (erlaubt sind maximal 10 Mio. Euro), der „Begrenzung der Größe von Unternehmen in Privatbesitz“ (gestaffelt nach Betriebsgröße sollen die Belegschaften Stimmrechte erhalten) und schließlich der „Begrenzung des Erbrechts“. 500.000 Euro bei Privatvermögen bzw. 10 Mio. Euro bei Firmenvermögen wären die Obergrenzen, was darüber hinausgeht, wird „dekonzentriert“ (S. 68), sprich umverteilt.

Wirtschaftsdemokratie

Insbesondere plädiert Felber für genossenschaftlich geführte Betriebe bzw. solche mit hohen Mitarbeiterbeteiligungen (bereits existierende Beispielsunternehmen werden im vorletzten Kapitel vorgestellt). Dass aus dem Erbrecht nicht ein „automatischer Besitz- und Führungsanspruch“ abgeleitet werden dürfe, begründet der Autor gerade insbesondere mit dem Leistungsprinzip. Unternehmen sollten von den Besten geführt werden, von jenen, die Verantwortung übernehmen wollen und diese von den Belegschaften übertragen bekommen, das müssten nicht immer die Söhne und Töchter der Voreigner sein.

Diese für viele wohl radikal anmutenden Maßnahmen würden jedoch, so Felber, eine tatsächliche Demokratisierung der Wirtschaft einleiten: „Mehr Menschen könnten mitbestimmen und mitgestalten, die Meinung und Kompetenz von mehr Menschen wäre gefragt, der Wert von mehr Menschen als bisher würde geschätzt – nicht nur durch anerkennendes Schulterklopfen, sondern durch materielle Eigentums- und Mitbestimmungsrechte.“ (S. 74)

Einschätzung: Die Bewegung der „Gemeinwohlökonomie“ ist mittlerweile in mehreren Ländern verankert. Immer mehr Unternehmen erstellen eine Gemeinwohlbilanz und unterziehen sich Evaluationsverfahren, die der Verbesserung der eigenen Gemeinwohlorientierung dienen. Gearbeitet wird überdies an der Errichtung einer „Bank für Gemeinwohl“ in Österreich. Manchen gehen Felbers Vorschläge zu Wirtschaftsdemokratie und Begrenzung des Eigentums im Sinne des Gemeinwohls zu weit (auch wenn gerade Letzteres in der Debatte an Bedeutung gewinnt); andere sehen in der Gemeinwohlökonomie lediglich einen Nischenansatz ohne Chance auf allgemeine Verwirklichung. In der wissenschaftlichen Literatur wird das Konzept der Gemeinwohlökonomie zusehends wahrgenommen und es könnte auch die Chance bieten für Unternehmensformen und Unternehmenskulturen jenseits des Wachstumsimperativs. Jedenfalls stellt die Gemeinwohlmatrix eine wertvolle Erweiterung bestehender Bewertungssysteme für Unternehmen wie dem Deutschen Nachhaltigkeitskodex dar.

Gemeinwohl-Ökonomie
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