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Thomas Durgeloh Oliva
Publizist und Journalist
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Thomas Durgeloh Oliva
Samstag, 09.09.2017
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Commission on the Measurement of Economic Performance and Social Progress

Stiglitz-Sen-Fitoussi-Kommission

Die „Commission on the Measurement of Economic Performance and Social Progress“ (CMEPSP), nach ihren Leitern als Stiglitz-Sen-Fitoussi- Kommission bezeichnet, war eine Expertenkommission, die im Auftrag der französischen Regierung unter Nicolas Sarkozy untersuchte, mit welchen Mitteln sich Wohlstand und sozialer Fortschritt messen ließen, ohne sich einseitig auf Einkommensgrößen wie das Bruttosozialprodukt zu stützen. Die Kommission wurde im Februar 2008 gebildet und Joseph E. Stiglitz zu ihrem Vorsitzenden ernannt. Amartya Sen fungierte als wissenschaftlicher Berater, und die Koordination übernahm der französische Ökonom Jean-Paul Fitoussi. Der Abschlussbericht der Kommission wurde im September 2009 vorgelegt. Ergänzend gibt es eine Stellungnahme der drei leitenden Persönlichkeiten, die sich insbesondere mit der Aufgabenstellung vor dem Hintergrund der Finanzkrise ab 2007 auseinandersetzt. In der Zusammenfassung des Abschlussberichts wird betont, dass die Bedeutung statistischer Indikatoren für die Beurteilung von Maßnahmen zur Fortentwicklung der Gesellschaft immer mehr zunimmt. Denn was gemessen wird, beeinflusst das Handeln. Falsche Messungen führen somit zu einer falschen Politik. Bisherige Statistiken über Wachstum, Arbeitslosigkeit oder Inflation entsprechen dabei oft nicht den Wahrnehmungen der Bürger.

So sei zum Beispiel das Wachstum des BIP kein ausreichender Indikator, wenn zugleich die Ungleichheit zunimmt und ein wesentlicher Teil der Bevölkerung vom Wachstum nicht profitiert. Mehr Staus auf den Autobahnen führen beispielsweise zu einem erhöhten Benzinverbrauch, der sich in einem höheren BIP niederschlägt, obwohl das Wohlbefinden der Betroffenen gesunken ist und sie weniger Geld für den übrigen Konsum zur Verfügung haben. Das BIP als Indikator gibt keine Informationen über Luftverschmutzung oder den Klimawandel. Aufgabe sei es also, nach einem sinnvollen Verfahren der Messung der Wohlfahrt zu suchen, das auch die ökologischen und sozialen Aspekte und die Frage der Nachhaltigkeit berücksichtigt. Als Ergebnis ihrer Arbeit spricht die Kommission zwölf grundsätzliche Empfehlungen aus:

Empfehlung 1: Beim Messen des Wohlbefindens (well being) sollten das Einkommen und der Konsum erfasst werden anstelle der bisherigen Messung der Produktion. Das BIP drückt den Wert der Produktion für den Markt in Geldeinheiten aus. Dieser Wert könne aber nicht den Wohlstand einer Gesellschaft ausdrücken. Der tatsächliche Lebensstandard ergibt sich aus dem Einkommen. Der Produktionswert kann zum Beispiel durch Preisveränderungen oder Exporte von Einkommen und Konsum deutlich abweichen.

Empfehlung 2: Stärkere Beachtung der Perspektive der Haushalte. Untersuchungen haben gezeigt, dass reale Haushaltseinkommen sich zum Teil langsamer entwickelt haben als das BIP. Eine wesentliche Ursache ist die Staatsquote und die Tatsache, dass der Staat zunehmend Leistungen, insbesondere im Bereich Bildung und Gesundheit, erbringt, die zuvor im privaten Sektor und ohne Entgelt erbracht wurden.

Empfehlung 3: Berücksichtigung des Zusammenhangs von Einkommen und Konsum mit dem vorhandenen Vermögen. Einkommen und Konsum sind zwar grundlegend für eine Beurteilung des Lebensstandards, aber Sparvorgänge oder der Verbrauch von Vermögen können das Bild verzerren. Dies gilt auch auf der Ebene von Volkswirtschaften. Zur Beurteilung brauche man Bilanzen, in denen das Vermögen erfasst wird. Die Beurteilungen des Vermögens sollte mit Kennzahlen zur Nachhaltigkeit und zum Risiko gestützt werden. Dazu können auch nicht monetäre Kennziffern sinnvoll sein.

Empfehlung 4: Mehr Aufmerksamkeit auf die Einkommensverteilung, die Vermögensverteilung und die Verteilung von Konsum. Durchschnitts- oder Gesamtgrößen seien nicht ausreichend, die bestehenden Verhältnisse zu beurteilen. So kann ein durchschnittliches Wachstum des Einkommens mit keiner Wirkung bei einem Teil der Bevölkerung verbunden sein. Hierzu sind mehr Informationen über die Verhältnisse in den unteren und oberen Bereichen der Bevölkerung nötig.

Empfehlung 5: Erweiterung der Einkommensmaße auf informelle Tätigkeiten. Heute werden immer mehr Leistungen am Markt angeboten, die früher im privaten Bereich und ohne Entgelt stattgefunden haben wie zum Beispiel die Pflege von Alten und Kranken. Indem nun diese Tätigkeiten in der Einkommensstatistik erfasst werden, erhöht sich der ausgewiesene Wohlstand, obwohl sachlich keine Änderung erfolgt ist. Davon sei auch der Vergleich zwischen Ländern betroffen, wobei in den weniger entwickelten Ländern der Anteil der in Haushalten unmittelbar erzeugten Güter noch wesentlich höher ist. Als Maß des Wohlbefindens sei zudem auch auf die verfügbare Freizeit zu beachten.

Die Kommission betont, dass das Wohlbefinden (well-being) mehrdimensional zu bestimmen sei. Als Dimensionen, die nicht allein durch das Einkommen ausgedrückt werden können, nennt sie:

1 Materieller Lebensstandard (Einkommen, Konsum, Vermögen)

2 Gesundheit

3 Bildung

4 Persönliche Tätigkeiten einschließlich Arbeit

5 Politische Stimme und Governance

6 Soziale Verbindungen und Beziehungen

7 Umwelt (gegenwärtige und künftige Bedingungen)

8 Unsicherheit (sowohl ökonomisch als auch physisch)

Empfehlung 6: Die Lebensqualität hängt von den objektiven Bedingungen und den Verwirklichungschancen (capabilities) der Menschen ab. Es sollten Schritte gemacht werden, um die Kennziffern über Gesundheit, Erziehung, persönliche Aktivitäten und Umweltbedingungen der Menschen zu verbessern. Vor allem sollten sich nennenswerte Bemühungen darauf richten, robuste und zuverlässige Kennziffern für soziale Verbindungen, politische Stimmrechte und Unsicherheit, die Aussagen über die Lebenszufriedenheit ermöglichen, zu entwickeln und einzuführen. Tatsächlich bedeutsam seien die Verwirklichungschancen der Menschen, das heißt der Umfang ihrer Möglichkeiten und die Freiheiten, innerhalb dieses Umfangs wählen zu können. Zur Erfassung der Dimensionen des Wohlbefindens bedürfe es nicht nur objektiver, sondern auch subjektiver Messungen. Die bestehenden Lücken in den Informationen hierüber müssten erfasst und die statistische Basis müsste erweitert und angepasst werden.

Empfehlung 7: Die Indikatoren zur Lebensqualität in allen angesprochenen Dimensionen sollen Ungleichheiten in einer verständlichen Weise bewerten. Die Indikatoren sollten nicht nur über die Zeit, sondern auch zum interpersonellen Vergleich für sozio-ökonomische Gruppen, Gender und Generationen eingesetzt werden, wobei ein besonderes Augenmerk auf aktuelle Entwicklungen wie Immigration gelegt werden sollte.

Empfehlung 8: Die Studien sollten so ausgelegt werden, dass die Verbindungen der verschiedenen Bereiche der Lebensqualität für die einzelne Person bewertet werden kann, und diese Informationen sollten Eingang in die Gestaltung der Maßnahmen in den verschiedenen Feldern finden. Durch die Herstellung von Querverbindungen könnten die Auswirkungen einzelner Maßnahmen auf die Lebensqualität in anderen Bereichen erfasst werden. Daher sollten in den Untersuchungen verschiedener Felder Daten erhoben werden, die die Herstellung der Querverbindungen zulassen.

Empfehlung 9: Statistische Ämter sollten die benötigten Informationen so zur Verfügung stellen, dass die Querverbindung zwischen den verschiedenen Dimensionen der Lebensqualität zusammengefasst und die Bildung verschiedener Indizes ermöglicht wird. Der Bedarf der Statistiker liege nicht nur in einer Vielfalt von Indikatoren, sondern auch in der Möglichkeit, die ausgewählten Indikatoren so zusammenzuführen, dass die Wirkung einzelner Effekte in einem Gesamtindikator analysiert werden kann.

Empfehlung 10: Sowohl objektive als auch subjektive Maße liefern Schlüsselinformationen über die Lebensqualität. Statistische Behörden sollten Erhebungen einrichten, die sich mit der Bewertung des Lebens, mit freudvollen (hedonistic) Erfahrungen und Vorlieben der Menschen befassen. Die Forschung habe gezeigt, dass es auch Möglichkeiten gibt, aussagekräftige und vertrauenswürdige Maße für die subjektive Bewertung der Lebensqualität zu definieren. Die bisherigen erfolgreichen Ergebnisse in kleineren Untersuchungen sollten auf eine breitere Basis gestellt werden.

Empfehlung 11: Die Bewertung der Nachhaltigkeit bedarf eines wohlidentifizierten Armaturenbretts an Indikatoren. Das unterscheidende Merkmal der Komponenten dieses Armaturenbretts sollte darin bestehen, dass sie als Abweichungen von einem bestehenden „Vorrat“ („stock“ = vorhandene Vermögenswerte) interpretiert werden können.

Empfehlung 12: Der Umweltgesichtspunkt der Nachhaltigkeit benötigt eine gesonderte Folgeuntersuchung, basierend auf einer wohl ausgewählten Anzahl physikalischer Indikatoren. Vor allem bestehe Bedarf für einen klaren Indikator, der die Nähe zu gefährlichen Graden der Umweltbelastung (zum Beispiel Klimawandel oder Überfischung) beschreibt.

Die Stiglitz-Sen-Fitoussi- Kommission kommt zum einhelligen Schluss, dass das BIP allein Wohlstand und Lebensqualität nicht ausreichend wiederspiegelt und macht konkrete Vorschläge für eine erweiterte Wohlstandsmessung.

Die Kommission gibt zwölf Empfehlungen für Indikatoren, die Wohlstand und Lebensqualität genauer als das BIP wiederspiegeln sollen. Die Verteilung des Wirtschaftsprodukts spielt dabei ebenso eine Rolle wie nichtmonetäre Leistungen oder Negativkosten.

Commission on the Measurement of Economic Performance and Social Progress
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