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Literatenfunk

Thomas Durgeloh Oliva
Publizist und Journalist
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Thomas Durgeloh Oliva
Donnerstag, 07.09.2017
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Buen vivir

Als lateinamerikanisches Pendant zu Serge Latouche oder Niko Paech („Befreiung vom Überfluss“ gilt die Abhandlung von Alberto Costa über das „Recht auf ein gutes Leben“ bzw. über „das Wissen der Anden für eine Welt jenseits des Wachstums“. Acosta war bis 2008 Minister für Energie und Bergbau Ecuadors und als Präsident der verfassungsgebenden Versammlung maßgeblich an der Integration des „Buen vivir“- Konzeptes in die Verfassung des Andenstaates beteiligt.

Die Welt brauche tiefgreifende, radikale Veränderungen, deren wesentliche in der Überwindung der Auffassung liegen müsse, „dass der Ökonomismus die Gesellschaft bestimmt“ (S. 10), so der Autor einleitend. „Heute, inmitten der internationalen Finanzkrise, die nur eine Facette der Zivilisationskrise ist, in der sich die Menschheit befindet“, sei es unerlässlich, „andere Lebensformen zu schaffen, die nicht von der Kapitalakkumulation bestimmt werden“ (S. 37), führt Acosta weiter aus mit Blick auf ein anderes Verhältnis der Menschen untereinander sowie zur Natur. Sein Postulat: „Es sind nicht so sehr die vom Menschen im Laufe seines Lebens produzierten Dinge, die zählen, vielmehr zählen die Dinge, die Menschen für das Leben tun.“ (S. 177)

Auch der lateinamerikanische Ökonom, der heute an der Fakultät für Sozialwissenschaften in Quito lehrt, geht von der Abkehr des „akkumulationsorientierten Konsum“ aus: „Es muss anders, besser und weniger konsumiert werden, um selbst mit reduzierten materiellen Gütern bessere Ergebnisse für die Lebensqualität zu erzielen.“ (S. 146) Das erfordere einen kulturellen Wandel und neue Wahrnehmungen, was ein gutes Leben ausmacht: „Die Aufgabe besteht darin, einmal Gelerntes zu verlernen, gleichzeitig umzulernen und neu zu lernen.“ ( S. 141)

Im Zentrum seines Modelles eines solidarischen Wirtschaftens steht der Begriff „Autozentrismus“, der die „selektive und zeitweilige Trennung vom Weltmarkt“, stattdessen den Aufbau lokaler Ökonomien sowie plurale Binnenmärkte im Austausch von Stadt und Land vorsieht (S. 147 f). Die politische Idee dahinter: „Auf der Basis lokaler Initiativen müssen Räume realer Macht entstehen und wirklich demokratische Gegenkräfte in politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Belangen installiert werden.“ (S. 148)

Die Abhängigkeit von Erdöl und Bergbau als Energie- und Materialquelle müsse zurückgeschraubt, die Verschwendung unterbunden werden. Acosta spricht von „postextraktivistischen Ökonomien“ (S. 165).

Wie schwer dieses Konzept umzusetzen sein wird, verspürte der Autor in seiner eigenen politischen Tätigkeit. Das von ihm als Minister mit großer internationaler Resonanz favorisierte Erdölfördermoratorium im ecuadorianischen Amazonasgebiet, in dessen Gegenzug es internationale Ausgleichszahlungen hätte geben sollen, wurde von der ecuadorianischen Regierung dann doch nicht umgesetzt. Man hat sich für die Fortsetzung des „Extraktivismus“ entschieden. Das Fördervolumen umfasst – so Acosta spürbar enttäuscht – den Weltölverbrauch von neun Tagen. Der Preis: die Zerstörung eines zusammenhängenden Naturschutz- und Lebensgebietes von Indigenas.

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