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Literatenfunk

Charlotte Perriand

Quelle: Charles Berberian "Charlotte Perriand"

Jochen Schmidt
Schriftsteller und Übersetzer
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piqer: Jochen Schmidt
Donnerstag, 18.06.2020

Charlotte Perriand

Über die nach meiner Einschätzung bei uns eher unbekannte französische Designerin Charlotte Perriand ist in diesem Jahr schon ein Buch auf deutsch erschienen, zudem gab es in Paris eine große Ausstellung, die bis Februar lief (hier war z.B. ein erstmals gebautes Modell eines Refuges zu sehen, das sie entworfen hat). Im Oktober wird nun bei Reprodukt die Übersetzung von Charles Berberians Graphic Novel "Charlotte Perriand. Une architecte française au Japon (1940-1942)" erscheinen.

Charlotte Perriand ist 1903 in Paris geboren und dort 1999 hochbetagt gestorben. Sie hat ab 1920 an der "École de l'Union centrale des arts décoratifs" in Paris studiert. Sie hat von 1927 bis 1937 für Le Corbusiers Projekte Möbel entworfen (die wohl lange ihm zugeschrieben wurden.) Besonders hat es mir eine kippbare Chaiselongue angetan, auf der liegend sie Berberian für sein Buch-Cover gezeichnet hat. Ich interessiere mich immer besonders für Komfort-Design, Bequemlichkeit läßt sich ja nicht als Zustand genießen (jede Position wird irgendwann unbequem) sondern nur als Steigerung. Deshalb frage ich mich immer, wie das bequemste Sitz- oder Liegemöbel wohl aussehen müßte? Der italienische Künstler Bruno Munari hat in einer Fotoserie vorgeführt, wie man auf einem unbequemen Sessel nach der bequemsten Position sucht "Ricerca della comodità in una poltrona scomoda". Mich erinnert das immer an meine verzweifelte Suche nach einer Schlafposition auf einer nächtlichen Busfahrt nach Sarajewo, mit nicht verstellbarer Rückenlehne.

Aufmerksam geworden ist Le Corbusier auf Perriand durch eine Bar aus Metall, die sie für ihre eigene Wohnung im obersten Stockwerk eines Pariser Hauses entworfen hat. Obwohl er starke Vorbehalte gegen Frauen hatte, engagierte er sie. Le Corbusiers Mitarbeiter nannten sich intern "Sklaven", soweit ich weiß, bekamen sie kein Gehalt. In Julius Poseners sehr lesenswerten Erinnerungen beschreibt er, wie er versucht, eine Stelle in Le Corbusiers Büro zu ergattern, sich das aber irgendwie finanzieren muß.

Charlotte hat sich von Le Corbusier abgenabelt, als sie 1940 eine Einladung vom japanischen Ministerium für Handel und Industrie angenommen hat, nach Japan zu gehen, als Beraterin für Kunstgewerbe ("arts appliqués") und Industrie-Design ("art industriel"). Um diese Zeit in ihrem Leben geht es vor allem in Berberians Graphic Novel. Eine Frau mußte schon sehr abenteuerlustig und mutig sein, um damals so einen Schritt zu wagen, allein die Schiffsreise dauerte zwei Monate und sechs Tage. Immerhin konnte sie so einem Europa im Krieg entkommen. In Japan hatte sie eine äußerst intensive und produktive Zeit, es machte ihr großes Vergnügen, in eine fremde Kultur einzutauchen und zu lernen. Im Buch sagt sie: "Je voudrais accomplir quelque chose de possible dans cette chose impossible, qu'est notre existence." (Anscheinend ein Zitat aus dem Teebuch von Okakura Kakuzo, das sie auf der Hinfahrt gelesen hat.)

Es bleibt ein bißchen unklar, warum sie diese Stelle in Japan bekommen hat, noch dazu als Frau (auch ihre deutsche Vorgängerin war schon eine Frau gewesen). In einer Szene ist sie im Ministerium eingeladen, wo man ihr stolz die für den Export gedachten japanischen Kunstgewerbeprodukte präsentiert, die sie unverzeihlich überladen, absurd und unbenutzbar findet, was sie auch offen ausspricht. Damals befand sich Japan auf einem Verwestlichungs-Trip, die Erzeugnisse dieser Bemühungen wurden von ihr als minderwertig abgetan. Während man dort ihr Interesse an der Vergangenheit für lächerliche Nostalgie hielt.

"Comment convaincre les créateurs d'ici d'arrêter de copier les revues de déco européennes, et les encourager à s'inspirer de leur propre savoir-faire traditionnel pour concevoir de nouvelles choses?"

(Das ist eine Frage, die ich mir in den nuller Jahren in Osteuropa viele Male gestellt habe, denn auch dort hatte kaum noch jemand etwas für die eigene Ästhetik übrig, die bestenfalls noch für den Andenken-Shop am Flughafen taugte.)

Charlotte denkt sich, daß man eine Ausstellung mit Möbeln und Objekten machen müßte, die wegen Häßlichkeit verboten werden sollten: falsche Tiroler Teekannen, unbequeme, zu große Möbel, unpraktische Beistelltische, an denen man sich die Beine stößt, Nippes. Das stellt sie sich lehrreich für Studenten vor. (Tatsächlich gab es seit 1909 in Stuttgart am Landesgewerbemuseum eine Sammlung mit "Geschmacksverirrungen", die Gustav Pazaurek initiiert hat, ein Kunsthistoriker, der sich intensiv mit schlechtem Geschmack befaßt hat. Er hat eine Reihe Kriterien dafür ausgearbeitet, ein interessanter Versuch, mit dem man nur scheitern kann, denn Häßlichkeit ist theoretisch kaum zu fassen. An Pazaurek muß ich immer denken, wenn ich neuerdings Plastik-Gartenzaunfolien im Gabionen-Look sehe, "vorgetäuschte Oberflächen" und fehlende "Materialechtheit" würde er hier bemängeln.)

Charlotte hat aber schließlich das Gegenteil gemacht und eine Ausstellung "Sélection, tradition, création" mit von ihr ausgewählten japanischen Arbeiten gestaltet. Dafür hat sie viel vor Ort recherchiert, vor allem in der Gegend um Kyoto, wo es noch eine jahrhundertealte Handwerkstradition gab. Besonders fasziniert war sie von Bambus als Werkstoff. Immer wieder ließ sie sich vom Teebuch und der Kultur der Achtsamkeit, von der es handelt, inspirieren:

"Le bien-être réside beaucoup plus dans la simplicité que dans la complexité et la dépense. C'est une géométrie morale car elle définit le sens de notre proportion par rapport à l'univers."

Über die Begegnung mit der traditionellen japanischen Ästhetik und den scharfen Kontrast zur überdrehten, turbokonsumistischen Gegenwartskultur hat der italienische Comicautor Igort zwei sehr schöne Graphic Novels gemacht. Die Vorstellung, mich mittels solcher Bücher immer mehr zum Japan-Kenner auszubilden, ohne Japan je besucht zu haben, gefällt mir, es gab ja auch in Japan eine jahrhundertelange wissenschaftliche Beschäftigung mit dem Westen, "Rangaku", die "Hollandkunde". Die Wissenschaftler, die diese Disziplin betrieben, hatten das Land nie verlassen und besaßen nur spärliche Informationen, was an der jahrhundertelangen Selbstisolation des Landes lag. In dieser Zeit spielt ein herausragender Robinson-Roman über eine Gruppe Fischer, die auf den Aleuten stranden und eine jahrelange Odyssee nach Petersburg antreten, um bei der Zarin den Antrag zu stellen, wieder in ihre Heimat zurückkehren zu dürfen, wo die letzten beiden Überlebenden dann sehr kühl empfangen werden.

Wohnkultur ist im urbanen Japan vor allem Raum-Ökonomie, was es mir erlaubt, Parallelen zur DDR zu ziehen, wo man auch viel verstaute, hochklappte, wegrollte, geschickt dekorierte, um die Illusion von Raum zu erzeugen (Fototapeten). Um 1900 galten Familien in Deutschland als arm, wenn sich mehr als sechs Personen einen beheizbaren Raum teilen mußten, in den 80ern war der Standard im Westen schon ein Zimmer für jedes Familienmitglied, und der Raumbedarf wächst seitdem immer weiter.

Frauen sind noch nicht lange in der Architektur vertreten, was nicht an ihrer Eignung liegt, sondern daran, daß sie lange vom Studium technischer Berufe ausgeschlossen waren und auch danach von den Männern (oft auch von ihren Ehemännern) als Konkurrenz nicht erwünscht. Heute sind bestimmt die Hälfte der Studenten weiblich, ein Mißverhältnis besteht allerdings bei den sogenannten Star-Architekten, die fast alle männlich sind. Man darf vermuten, daß das kein Zufall ist.

Die Institution, an der Frauen in großer Zahl schon in den 20er Jahren Architektur und Gestaltung studierten, war natürlich das Bauhaus. Wobei es auch dort nicht gendergerecht zuging, Gropius sah die Frauen lieber in der Weberei. (Wobei es natürlich auch wieder ein Gender-Vorurteil ist, das Teppichweben für ein minderwertigeres Metier als das Entwerfen von Gebäuden zu halten.) Im Band "Bauhausfrauenwerden die Lebenswege einer Vielzahl von Frauen beleuchtet, die am Bauhaus studiert haben, und die aus einer ganzen Reihe Länder kamen, die wenigsten davon sind uns heute noch ein Begriff, was nicht an ihrer mangelnden Bedeutung liegt.

Es mag ein Zufall sein, aber es gab eine Reihe gestalterisch tätiger Frauen, die, wie Charlotte Perriand, ein sehr hohes Alter erreicht haben. Ich stelle mir manchmal vor, daß das am Beruf liegt, weil das Streben nach Schönheit durch Reduktion und Strenge, die Aufhebung der Trennung von geistiger und handwerklicher Tätigkeit, die Neugier auf die Welt in ihren kleinsten Details, auch für den Körper gesund sind. Eine dieser Frauen, die sehr alt geworden sind, war die Wiener Architektin Margarethe Schütte-Lihotzky. Während manche ihrer männlichen Kollegen versuchten, sich mit den Nazis zu arrangieren, oder im Fall von Le Corbusier im italienischen Faschismus oder im Vichy-Regime sogar die Chance witterten, ihre totalitären Architekturkonzepte umzusetzen, ist Schütte-Lihotzky eine engagierte Antifaschistin gewesen, die am illegalen Kampf beteiligt war und im Frauengefängnis gelandet ist. Ihre sehr lesenswerten Aufzeichnungen aus dieser Zeit sind als Buch erschienen. Nach dem Krieg bekam sie als Frau und Kommunistin beruflich in Österreich keinen Fuß mehr auf den Boden.

In einer Ausstellung am Deutschen Architekturmuseum in Frankfurt/Main habe ich Schütte-Lihotzkys Skizze eines zusammenklappbaren Kinderstuhls mit Tischfläche gesehen, der nie gebaut worden ist. Um sich mit so einer Aufgabe zu befassen, muß man sich ja erst einmal mit den praktischen Problemen des Alltags mit Kindern befaßt haben, was Männer damals kaum taten. Ich freue mich immer, wenn sich Gestalter dem Alltag widmen und praktische und dadurch oft zugleich schöne Lösungen finden, um mir Handgriffe zu ersparen. Schütte-Lihotzkys Frankfurter Küche bietet davon eine ganze Reihe, vom Klapp-Bügelbrett bis zum Abtropfgestell für das Geschirr.

In einer Szene trifft Perriand in der Hotellobby den französischen Konsul, der ihr nahelegt, die Gefühle der Japaner nicht zu verletzen, indem sie in die Auswahl eine Kinderzeichnung aufnimmt und dafür Werke wichtiger japanischer Künstler wegläßt. Statt darauf einzugehen, freut sie sich, weil ihr Blick auf einen Zuckergreifer aus Bambus gefallen ist, der ein Schlüsselobjekt für ihre Ausstellung sein wird (die ein Erfolg wurde). Sie plant, nach New York weiterzuziehen, bekommt aber wegen Pearl Harbor kein Visum mehr und lebt bis 1946 in Hanoi, wo sie mit 40 Jahren ihre Tochter bekommt, was damals auch absolut unkonventionell war.

Das Buch wird ergänzt durch ein langes Recherchegespräch zwischen Berberian und Charlottes Tochter Pernette Perriand. Darin geht es u.a. darum, wie Perriand sich in Aspekten der japanischen Kultur wiedergefunden hat, so daß ihr die Begegnung damit geholfen hat, ihre künstlerische Vision auszuarbeiten. Sie war fasziniert von der Standardisierung (Tatamis haben eine einheitliche Größe), dem ästhetischen Anspruch im Alltäglichen, der Reduktion und Leere, einem Begriff von Schönheit, der offenbar auch in Japan damals nicht unbedingt anerkannt war. Während Le Corbusier sich weder fürs Kochen, noch eigentlich für das Leben interessiert hat, war für Perriand die Wirklichkeit der Ausgangspunkt ihrer Arbeit. Ob das nun daran lag, daß sie eine Frau war oder ein anderer Charakter, sei dahingestellt.

"Je ne conçois jamais un meuble pour un meuble, mais pour un volume architectural et und besoin précis, en tenant compte des gestes, de la technique, de l'harmonie et de l'espace. Je ne suis pas designer, je suis architecte."

Sie war gleichzeitig eine naturverbundene Bergsteigerin und an der Modernität interessiert, neugierig darauf, wie die Zukunft aussehen würde. Ihre Tochter sagt über sie:

"Elle est dans les éléments et en même temps, elle est dans la fabrication, la modernité, la réorganisation du fonctionnement familial à l'ère industrielle."
9,3
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Kommentare 1
  1. Anita H
    Anita H · vor 15 Tagen

    Jetzt hab ich aber zu tun, all die interessanten Links zu verfolgen. Ich glaube, ich fange mit den Bauhausfrauen an.

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