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Literatenfunk

Andreas Merkel
Einzelsportarten, die man nicht allein betreiben kann

Sachbuchautor über Romane in Berlin. Letzte Veröffentlichung: "Mein Leben als Tennisroman" (Blumenbar). Kolumne "Bad Reading" im Freitag (das meinungsmedium).

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piqer: Andreas Merkel
Mittwoch, 17.07.2019

Burning – Scheunenabbrennen

Letzte Woche die Pause des Sommers in der Sommerpause dazu genutzt, endlich mal wieder ins Kino zu gehen. "Burning" wollte ich aufgrund ein paar eher überflogener Kritiken unbedingt sehen, auch wenn ich vergessen hatte, worum es noch mal genau ging. Oder dass der Film beispielsweise zweieinhalb Stunden dauert und auf einer Kurzgeschichte von Haruki Murakami basiert ... sonst wäre ich da vielleicht doch nicht rein gegangen.

(Haften geblieben waren irgendwie nur das Foto von drei jungen Koreanern (zwei Männer, eine Frau) auf einer Veranda vor einer merkwürdigen Glasfassade in einem noch merkwürdigeren Licht, wahrscheinlich der Abendsonne ... Das und die wie immer denkbar bekloppteste ZEIT-Über-Unterschrift zu "Burning": "Warum die internationale Filmkritik recht hat und "Burning" einer der besten Filme aller Zeiten ist..." In der ZEIT lese ich eigentlich nur noch das Inhaltsverzeichnis, um immer wieder über dieses Stilmittel der rechthaberischen Selbstbestätigung der eigenen Meinung zu stolpern – Warum der die das der beste schlechteste geeignetste Film Kandidatin Steuerpolitik der Saison Weltmeisterschaft Legislaturperiode sein soll – und die Zeitung unberührt dem Altpapier zu überantworten. Kleine Abschweifung, Ende.)

In "Burning" selbst geht es jedenfalls um eine Dreiecksgeschichte zwischen einem armen jungen Möchtegern-Autor, einem jungen reichen Geschäftsmann und der jungen hübschen Hae-mi, die ihr Geld mit komischen Glitzer-Disco-Dance-Impros auf Marketing-Events verdient. Erzählt wird die Geschichte der Jugend eines Landes (Südkorea) zwischen Opfern und Gewinnern der Globalisierung – eine Schematik, die mit zahlreichen Rätseln über die Leere unserer Existenz heute aufgebrochen wird: das Mädchen verschwindet in der Mitte des Films, am Ende wird ganz realistisch jemand ermordet.

Natürlich geht es um Literatur: der junge Autor (sein großes Vorbild ist Faulkner) weiß nicht, worüber er seinen ersten Roman schreiben soll und masturbiert im Mikroapartment von Hae-mi, deren Katze er füttern soll, mit Blick auf den Fernsehturm von Seoul, der das Sonnenlicht einmal am Tag für einen kurzen Augenblick an die Zimmerwand reflektiert. Der junge Entrepreneur und Porsche-Fahrer Ben ist ein südkoreanischer Gatsby, von dem keiner genau weiß, woher er kommt und womit er sein Geld verdient. Und das junge hübsche Mädchen darf nicht wissen, was "metaphorisch" heißt, während (oder weil) sie gleichzeitig eine Metapher für die Gewächshäuser sein soll, die Ben angeblich abfackelt – das nächste, verrät er, würde sich ganz in der Nähe befinden ...

Kurzum: ein durch und durch zwiespältiges Kino-Erlebnis.

Gekillt haben mich die deutsche Synchronisation, bei der man nie genau weiß, ob Südkoreaner wirklich so gehirnkrank reden wie eine Folge Schulfunk-Sprachunterreicht für Anfänger ("... ich habe Hunger auf Kutteln." – "Ich kenne ein gutes Restaurant, wo es die besten Kutteln gibt." – "Lass uns dort hinfahren!"), das extrem entschleunigte Erzähltempo und der bedeutungsschwangere Kunstwille des Regisseurs.

Lee Chang Dong, in Südkorea weltberühmt (war sogar kurz mal Kulturminister), hier eher unbekannt, wollte laut arte-Portrait einen Film über die Jugend und das Gefühl machen, dass gerade etwas kolossal schief läuft, ohne selber zu wissen, warum. Im ersten Bild sieht man nur den Rauch der Zigarette des jungen Autors hinter einer Mauer hervorziehen. Einmal läuft Trump mit einer Amercia-First-Speech im Fernsehen. Und in der Szene, die Katja Nicodemus als den poetischen Höhepunkt des Films empfand, tanzt Hae-mi nackt und selbstvergessen im Abendlicht vor den beiden Männern, zu den Klängen von Miles Davis aus dem Porsche-Soundsystem, was eher ungut an David Lynch in der Endphase erinnerte.

Begeistert haben mich dennoch die ruhigen Bilder von Südkorea, an denen man sich kaum satt sehen kann (Südkorea in der Enge der Städte, Südkorea im Landregen, Südkorea als zugemülltes Elternhaus, Südkorea als verlassenes Gewächshaus, Südkorea in der Abend- und Morgendämmerung, Südkorea an der Grenze zu Nordkorea, von wo Propaganda-Slogans herüberhallen...). Der hypnotische Soundtrack von Mowg, in dem die Gitarre von Ry Cooder aus „Paris Texas" nachhallt. Der Lastwagen, in dem der Loser-Autor dauernd rumsitzt, Dinge nicht checkt, vom Porsche-Fahrer abgehängt wird, aber das Rätsel um Hae-mi nie aus den Augen verliert und immer irgendwas isst.

Das alles reichte jedenfalls, um mich am nächsten Tag zum ersten Mal seit Sigrid Löfflers Ausscheiden aus dem "Literarischen Quartett" wieder neugierig auf eine Story von Haruki Murakami zu machen. Der Film hallte mit seiner ganzen Verlorenheit und Schönheit, der verdammten Zwiespältigkeit aus Synchronisation und Soundtrack, in mir nach, dass ich sogar meine Abscheu vor Murakami-Titeln wie "Der Elefant verschwindet" überwand und mir mittags den Erzählband besorgte. Nachmittags hatte ich die zwanzigseitige Filmvorlage durchgelesen, die "Scheunenabbrennen" heißt (weil hier Scheunen und nicht Gewächshäuser abgefackelt werden sollen).

Und was soll ich sagen? Es ist tatsächlich eine Geschichte, die es in ihrer Ambivalenz durchaus mit dem Film aufnehmen kann.

Auf der einen Seite gibt es das typische Murakami-Bullshitting (eine Art zenmäßiges Bad Thinking, das teilweise nur schwer vom richtigen, guten, alten Bad Writing zu unterscheiden ist): ein Autor – hier natürlich Japaner, Anfang 30, verheiratet, nicht ganz so erfolglos – sehnt sich nach einem Gefühl von "Einfachheit", das ihm ein junges, namenloses Mannequin besorgen kann, wenn er sich mit ihr gelegentlich in den Bars von Tokyo trifft:

Was sie erzählte, war ohne große Bedeutung. Manchmal pflichtete ich ihr bei, ohne dem Inhalt des Gesagten genau zu folgen. Wenn ich ihr zuhörte, überkam mich eine träge Wohligkeit, wie beim Betrachten von in der Ferne dahinziehenden Wolken. (...) Wonach ich mich sehnte, war ein Gefühl. Jedenfalls nicht Verständnis oder Mitleid.

Auf der anderen Seite ahnt man, was den Erfolg von Murakami begründet. Ein Faible für Popkultur und Alltag (Wahnsinn, was in Scheunenabbrennen an einem Tag gegessen wird, sieben Äpfel, fünf Sandwiches und zehn Bier am Stück), gebrochen oder wieder neu interessant gemacht durch den leichten Lost-in-Translation-Schleier asiatischer Exotik. Oder durch das Rätsel uns nicht lesbarer Gesichter. Als der Autor und der Geschäftsmann einen Joint rauchen, erzählt ihm der japanische Gatsby plötzlich, dass er Scheunen abbrennt:

"Ich dachte, Sie schreiben Romane und interessieren sich vielleicht für menschliche Verhaltensmuster. Außerdem habe ich die Vorstellung, dass Romanschriftsteller, bevor sie über eine Sache urteilen, diese erst einmal in ihrer wahren Form genießen. Genießen ist vielleicht nicht der passende Ausdruck, man könnte auch sagen, dass sie es in seiner wahren Form rezipieren. Deswegen habe ich Ihnen davon erzählt. Aber ich wollte es auch einfach erzählen."

Am Ende weiß man aber auch bei Murakami nicht, wie viel Absicht, Humor und Bolaño wirklich in seinem Schreiben stecken. Und wie blöd die Metapher der abgebrannten Scheunen für verschwundene Mädchen wirklich ist. Wirklich ermordet wird hier allerdings niemand. Nur älter und nachdenklicher, was das Leben im Wechsel der Jahreszeiten angeht.

Burning – Scheunenabbrennen
8,2
9 Stimmen
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Kommentare 2
  1. Frank Willmann
    Frank Willmann · Erstellt vor 3 Monaten ·

    Note 1, setzen!

    1. Andreas Merkel
      Andreas Merkel · Erstellt vor 3 Monaten ·

      Danke, Stalin.

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