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Literatenfunk

Bulletins from Serbia
Jochen Schmidt
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piqer: Jochen Schmidt
Dienstag, 10.09.2019

Bulletins from Serbia

Manchmal kommt es vor, daß ich Bücher zweimal lese, wobei mich oft lediglich meine Anstreichungen daran erinnern, daß ich sie schon einmal gelesen habe. Man bekommt dann den Eindruck, sein ganzes Leben lang schon ein bißchen dement zu sein, der Unterschied ist lediglich, ob man im Alter alles sofort vergißt oder als jüngerer Mensch erst nach ein paar Monaten oder Jahren. Aleksandar Zografs "Bulletins from Serbia" habe ich zum ersten Mal im März 2005 gelesen, damals habe ich nach einem Aufenthalt in Sarajevo fast zwei Jahre lang nachrecherchiert, um die Hintergründe von dem zu verstehen, was ich gesehen hatte, wobei das Material, das ich sichten mußte, und das Manuskript, an dem ich arbeitete, immer umfangreicher wurden. Leider hat sich daraus nie ein Buch ergeben, das Interesse des Buchmarkts an Sarajevo oder Bosnien war, wie man mir sagte, mit dem Ende des Kriegs erloschen. Zografs Buch hatte mich beschämt, da ich es geschafft hatte, die 77-tägigen NATO-Luftangriffen auf Serbien vom März bis Juni 1999, über die er in seinen E-Mails berichtet hat, lediglich als Zeitungsleser wahrzunehmen, also im Alltag weitgehend auszublenden, es waren ja auch angeblich nur "strategische" und "militärische" Ziele betroffen gewesen, schließlich waren wir die Guten (auch ohne UNO-Mandat). Ich weiß nicht, ob ich mich dafür schämen oder mir dazu gratulieren soll, daß ich mit 28 Jahren, obwohl ich an politischen Ereignissen als Material für Literatur damals schon sehr interessiert war, noch über einen Schutzschild aus Naivität und Egozentrik verfügte, der mich vor allzu viel Empathie bewahrte. Als bewußter Nachrichtenkonsument weiß man ja nie, wo man die Grenze ziehen soll, für wie viel man sich mitverantwortlich fühlen kann, ohne verrückt zu werden, noch dazu in dem Wissen, daß die eigene moralische Zermürbung den Opfern in der Welt nichts nützt.

1999 habe ich noch nicht "gegoogelt" und wußte von keinen Blogs, ich konnte keine Wikipedia nutzen, hatte keine Digitalkamera, keinen Flash-Stick und natürlich kein Handy. Es hat also auch einen technikgeschichtlichen Aspekt, nur 20 Jahre später nachzulesen, wie der serbische Comickünstler Saša Rakezić alias Aleksandar Zograf (ein passionierter Flohmarktgänger, der Freude an kuriosen, historischen Druckerzeugnisse hat, zu denen er Comics macht, die z. B. in "Vestiges du mondegesammelt wurden) täglich E-Mails an Freunde im Ausland verschickt, wobei der die neue Möglichkeit dieses Mediums nutzt, sie an mehrere Freunde gleichzeitig zu verschicken. Seine Mails wurden ohne sein Wissen geforwarded und verbreitet, 1999 erschienen sie, um einige Comicstrips und Cartoons ergänzt, als Buch: "Bulletins from Serbia". Das Buch erlaubt einen Blick in den Alltag, an dessen Beschreibung oder auch nur Dokumentierung Geschichtsschreibung und Nachrichten scheitern, bzw. gar nicht interessiert sind. Es ist zum Tagebuch des Ausnahmezustands geworden, aus der Feder eines urbanen Intellektuellen und Künstlers, der mit Comicautoren aus aller Welt vernetzt ist und eigentlich lieber Comics machen oder aufs Land fahren und Fossilien suchen würde. (Einer der wenigen Vorteile am Krieg ist, daß er seltsame NATO-Flugblätter sammeln kann, die aus Flugzeugen geworfen werden, und deren Botschaft ihn an die Szenen aus "Mars attacks!" erinnert, als die Marsmenschen um sich schießen und dabei mit "Marsmenschenakzent" mechanisch wiederholen: "DON'T RUN! WE ARE YOUR FRIENDS!") In der Comic-Community scheint man wesentlich kollegialer zu sein als im "Literaturbetrieb", man liest sich gegenseitig, unterstützt sich bei Fanzines, und ist oft sogar befreundet. Vielleicht liegt es daran, daß man sowieso nur eine Nische bespielt und finanziell oder aufmerksamkeitsökonomisch nicht viel zu holen ist: "They are like a global tribe, and (unlike the governments who rule the countrys where they live) these loveable, nerdy little book worms don't have many problems with communicating with one another."

Ich verlasse mich gerne auf solche Horchposten wie Zograf, die in einer mir fremden Welt leben, aber meine Sprache sprechen. Natürlich ist Zograf ein Kritiker des Milošević-Regimes, dennoch kann er in den Angriffen keinen Sinn sehen, er sagt schon am 24.März voraus, daß sie dem strauchelnden Milošević zu neuer Popularität verhelfen werden. (Tatsächlich dienen sie als Vorwand, als eine der ersten Maßnahmen, die unabhängige Radiostation B92 zu schließen und den Gründer einzusperren. Ein anderes Mittel ist, Kritiker zum Militär einzuziehen. "It will be an 'art' to stay normal in this situation.") Im Kino laufen nur noch jugoslawische Filme und im staatlichen Fernsehen alte Kriegsfilme. Es stellt sich als gefährlich heraus, daß Zograf zwar in einer Kleinstadt in der Nähe von Belgrad lebt, dort aber mit Blick auf ein Industriegebiet mit Chemieanlagen und einer Raffinerie, die unter Tito um ein altes Kloster gebaut wurde, ohnehin schon ein surreales Bild. Jede Nacht muß er fürchten, daß die Fabriken bombardiert werden (was dann auch mehrfach geschieht) und es zu einer ökologischen Katastrophe kommt und massenhaft hochgiftiges Vinylchlorid austritt. Unter diesen Umständen lernt man schlechtes Wetter zu schätzen, weil bedeckter Himmel Angriffe erschwert, leider naht der Frühling. Zunächst wird bei ihnen allerdings "nur" eine Fabrik, die Landwirtschaftsflugzeuge produziert, bombardiert, ein Vorgeschmack darauf, daß der NATO irgendwann die "strategischen" Ziele ausgehen werden, so daß es auch das Lager einer Tabakfabrik in Niš trifft ("If that is a military target, what on earth is NOT a military target?") oder Friedhöfe und eine Mülldeponie. Solche Details laden zum Galgenhumor ein. Als Bomben auf eine Romasiedlung fallen, sagt eine Frau im Fernsehen: "Glücklicherweise hatten wir nur Nylonfolien und kein Fensterglas." Die Arbeiter der Autofabrik in Kragujevac, wo der legendäre Yugo (in der DDR bekannt als Zastava) produziert wurde (die neue Version hieß pikanterweise "Yugo Ciao") bilden ein "living shield" um ihre Fabrik (deren Anlagen trotzdem zerstört werden). Eine Folge des Kriegs ist, daß viele der wenigen Menschen, die noch Arbeit haben, ihre Jobs verlieren, bzw. keinen Lohn mehr ausgezahlt bekommen. Serbisches Militär schießt eine F-117A ab, die auf ein Feld stürzt. Im Fernsehen sieht man Roma, die das Metall davonschaffen, um es an Händler zu verkaufen. Jemand ist an die E-Mail-Adressen der Piloten gelangt, die vom italienischen Aviano aus zu den Einsätzen starten, und die nun E-Mails mit Beschimpfungen der Menschen, die sie bombardieren, bekommen, worauf sie mit Beschimpfungen antworten. "I like to stay away from that sort of meaningless jabbering." Jemand von der lokalen Friedensbewegung sagt zu Zograf: "Everything that we tried to achieve in the past several years was annihilated after the bombing began."

Was im Westen wenigen bewußt ist: Belgrad ist am 6. April 1941 von der deutschen Luftwaffe bombardiert worden, am 16.–17. April 1944 von den Alliierten, und nun von der NATO, manche Einwohner der Stadt haben all das miterlebt. Im Fernsehen ist ein Mann zu sehen, der während des Golfkriegs im Irak gearbeitet hat, das von der NATO bombardiert wurde, später lebte er in einem Dorf bei Sarajevo, das ebenfalls von der NATO bombardiert wurde und nun in der Vorstadt von Belgrad, wo wieder Bomben fallen. Daß es solche Unglücksraben gibt, hat seine bittere Komik. Man könnte auch darüber lachen, daß bei der Suche nach NATO-Blindgängern manchmal Munitionsreste aus dem Zweiten Weltkrieg gefunden werden. Oder wenn an einem Tag, an dem es keine Luftangriffe gab, die Menschen auf der Straße diskutieren, was los war?

"While I was passing down the streets, I heard some old man saying: 'This must have been a provocation!'"

Allein für diesen Satz lohnt sich das Buch! Stromausfälle (die Vorräte verderben im Gefrierschrank), eine Million Menschen, die im Land auf der Flucht sind, dreiste Propaganda im Fernsehen, die Angst um Freunde und Familie, die Angst vor einer NATO-Bodenoffensive und die finstere Aussicht, daß man Jahre brauchen wird, ein ökonomisch ohnehin am Boden liegendes Land wieder aufzubauen und daß Extremisten aller Art von der Situation profitieren werden, darüber vergeht Zograf immer wieder das Lachen, und das Buch ist voller trauriger Bemerkungen über uns Menschen und die Fatalität der Geschichte: "We are living in a savage world, hiding behind the happy face of mass communication."

Es kursiert ein neuer Witz, Milošević schreibt an Clinton: "Dear Bill, we can't take it anymore. It's about time for you to surrender!!!" Dahinter steckt auch die Tatsache, daß in der Logik der NATO ja nicht die Bevölkerung bombardiert wird, sondern "Milošević", der kapitulieren soll. Aber seine Macht wird, wie gesagt, nur gestärkt. Terry Jones von Monty Python schreibt:

"Dear Sir, if the old Warsaw Pact had bombarded London because they didn't like Mrs.Thathers's policies in Northern Ireland, you could be certain of two things happening: 1) the whole country would have got behind Mrs. Thatcher and 2) it wouldn't have helped the situation in Ireland one little bit."

Als das serbische Fernsehen bombardiert wird, protestiert als erstes die Serbian Independent Journalist Alliance, in der Journalisten aus unabhängigen Medien organisiert sind, die von den staatlichen Medien immer unterdrückt wurden.

Währenddessen stellt Zograf fest, daß die Eier, die sie in einer Hühnerfarm in einem Dorf in der Nähe zu kaufen pflegen, seit den Bombardements kleiner geworden sind. Er notiert, daß sich bei Luftangriffen im Belgrader Zoo eine bewaffnete Einheit aufhält, um die Tiere zu erschießen, falls sie ausbrechen sollten, wie es im Zweiten Weltkrieg geschehen ist. (Emir Kusturica hat diese unerträglichen Szenen verfilmt.) In einer belgischen Stadt namens Belgrad, wo es sogar einen Fußballclub "Roter Stern" gibt, hat man Angst, versehentlich bombardiert zu werden (wie etwa die chinesische Botschaft in Belgrad). Zograf erhält Warnungen vor einem Computervirus mit einem Attachment "Stop the bombing".

Da auch Postämter bombardiert werden, und die ohnehin unzuverlässige Schneckenpost praktisch ganz ausfällt, bleibt nur das Internet als Kommunikationsmedium mit dem Ausland. Aber man befürchtet täglich, daß Serbien vom Internet getrennt wird. Doch auch dann wäre man noch nicht vollständig isoliert, denn Zograf, der sich immer für den visionären Charakter seiner Träume interessiert und viele davon zu Comicstrips verarbeitet hat, werden von Freunden aus aller Welt Träume berichtet, in denen er aufgetaucht sei. Wie gut, daß man Träume nicht bombardieren kann.

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Kommentare 1
  1. Uwe Protsch
    Uwe Protsch · Erstellt vor 12 Tagen ·

    Danke! Ich hatte schon fast vergessen, was das damals für eine bescheuerte Zeit war. (Obwohl: Ist es heute besser?)

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