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Literatenfunk

Bukarest, 80er
Jochen Schmidt
Schriftsteller und Übersetzer
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piqer: Jochen Schmidt
Donnerstag, 30.04.2020

Bukarest, 80er

In den 80er Jahren bin ich zweimal in Rumänien wandern gewesen und habe erlebt, wie es ist, wenn es in den Geschäften buchstäblich nichts zu kaufen gibt. Ceauşescu hatte damals die verrückte Idee gehabt, die Auslandsschulden Rumäniens vollständig zu begleichen, deshalb wurde alles, was verkäuflich war, exportiert. Ich erinnere mich, daß die Straßenbahnen ohne Beleuchtung fuhren, daß die Geldscheine wie mitgewaschen aussahen, weil man offenbar kein Geld dafür hatte, neue zu drucken, und daß keine Landkarte aufzutreiben war, in den Schaufenstern der Buchhandlungen standen hauptsächlich Bücher der Ceauşescus. Aber ich vertraue meiner Erinnerung nicht, ich war ja nur wenige Wochen dort und sprach außer "Drum bun!" kein Wort Rumänisch.

Es hilft ein bißchen gegen das Gefühl, momentan mit Einschränkungen zu leben, sich mit herausfordernderen Verhältnissen in anderen Ländern oder zu anderen Zeiten zu befassen. Wer sich über den rumänischen Alltag und speziell die 80er Jahre, das Ende der offiziell "Goldenes Zeitalter" genannten Epoche unter Ceauşescu, informieren will, dem empfehle ich drei Filme. Wer z. B. glaubt, wir steuerten wegen der Corona-Maßnahmen auf eine Diktatur zu, kann sich über diktatorische Verhältnisse mit "Amintiri din epoca de aur" informieren (der Trailer hier auf Rumänisch und hier auf Englisch.) Der Film zeigt in Episoden kollektive Mythen aus dieser Zeit. Eine Familie, die im Plattenbau wohnt, und auf dem Dorf illegalerweise ein Schwein organisiert hat, muß dieses Schwein nun in seiner Küche schlachten und weiß zunächst nicht, wie man das anstellen soll. Sie töten das Tier schließlich mit Gas und verursachen beim anschließenden Versuch, die Borsten des aufgeblähten Schweins mit einem Gasbrenner zu entfernen, eine Explosion. Illegales Schlachten stand damals unter Strafe. Eine andere Episode zeigt die Schwierigkeiten, die die Redakteure der Parteizeitung (die kein Mensch las) damit hatten, ein Foto von einem Besuch Giscard d'Estaings für die Titelseite auszuwählen, weil Ceauşescu neben Giscard zu klein aussieht. Man retuschiert Ceauşescu deshalb einen Hut auf dem Kopf und übersieht dabei, daß er schon einen in der Hand hält.

Ein anderer großartiger Film "A fost sau n-a fost?handelt von einer Live-Sendung in einem schäbigen, lokalen Fernsehsender, in der es darum geht, ob die erste Demonstration in der Provinzstadt erst stattgefunden hat, nachdem Ceauşescus Flucht in Bukarest bekanntgeworden war, oder ein paar Minuten vorher, ob die Stadt also Teil der Revolution gewesen ist oder nicht. Nachwende-Filme mit solch einer Genauigkeit in der Darstellung und so einer aus dem Alltag gegriffenen, aber erzählerisch effektiven Disposition habe ich über die Verhältnisse in Ostdeutschland kaum je gesehen.

Der dritte Film relativiert jede Klage über unser Gesundheitssystem. In "Der Tod des Herrn Lăzărescu" wird eine nächtliche Odyssee eines verwitweten und allein lebenden Rentners gezeigt, dessen plötzliche Kopfschmerzen und Übelkeit auf einen Hirntumor zurückgehen, von dem er nichts weiß. Eine überarbeitete Notfallassistentin bringt es nicht übers Herz, ihn allein zu lassen und versucht vergeblich, ihn in irgendeiner Gesundheitsinstitution behandeln zu lassen. Da er eine Fahne hat, hält man ihn überall nur für betrunken, und bezahlen wird für einen alten Mann, der kein Geld hat, auch niemand. (In Bulgarien sagte man mir noch in den nuller Jahren, daß Rettungswagen zu Rentnern gar nicht erst kommen würden.)

Als ich in Bukarest das Bauernmuseum besuchte, war ich überrascht, wie unkonventionell und intelligent die Dauerausstellung kuratiert ist, ohne den exzessiven Einsatz von Multimedia-Elementen. Es gab viele serielle Objekte, z. B. von Bauern selbst gebaute, dreibeinige Hocker oder eine Wand mit bunten Keramiktellern. Es gab auch ein komplettes Holzhaus, das sich im 19. Jahrhundert ein Mann gebaut und geschnitzt hat, ohne einen einzigen Nagel aus Eisen zu verwenden. Das Museum hat schon 2003 zwei Oral-History-Bücher herausgegeben, die leider nicht übersetzt sind und sicher auch nicht übersetzt werden. Sie enthalten nach Themen sortierte Erinnerungen von Bukarestern an ihren Alltag in den 80er Jahren und in den 90er Jahren, die eine chaotische Zeit waren. Die Bücher sind eine wahre Fundgrube. Ich habe ein paar Details, an die man sich dort erinnert, zu einem kleinen Text montiert:

"Es ist noch früh am Morgen, meine Frau hat mich um 1 Uhr nachts geweckt, unsere beiden Gasflaschen sind leer, und ich muß mich bei der Ausgabestelle nach neuem Gas anstellen. Statt Kaffee habe ich eine Mischung aus Kichererbsen und geröstetem Reis aufgekocht. (Ich bewahre ein paar Kaffeebohnen in einem Glas auf, um sicherzustellen, daß es in der Zeit nach dem Sozialismus noch Kaffeepflanzen auf der Welt geben wird.) Die Hühner vom Block-Administrator, die er unter dem Balkon im Parterre hält, schliefen noch. Unser Mohrrüben-Beet, das wir im letzten Jahr auf dem Rasenstück angelegt haben, lag unter Schneematsch.

Weil wir nur wenige Stunden am Tag Strom haben, heizen wir unsere Küche mit Gas, über die Flamme stellen wir einen umgedrehten Blumentopf, der die Wärme speichern soll. Unsere Wohnung ist besonders kalt, weil wir unseren Balkon nicht mit Autobusscheiben ausbauen dürfen. Elena Ceauşescu möchte, daß die Blöcke an den großen Hauptstraßen ein einheitliches Bild abgeben, wenn sie im Auto vorbeifährt. Durch die Kälte in der Küche fällt es uns nicht schwer, die Weisung zu befolgen, den Kühlschrank im Winter auszuschalten. Ich heize auch unser Auto mit Campinggas, wenn ich vom Abend bis zum nächsten Morgen an der Tankstelle nach der monatlichen Benzinration anstehe. Einmal kam Miliz und hat die Schlange, die einen Kilometer lang war, aufgelöst, weil Ceauşescu von einem seiner Winterurlaubspaläste zurückkam und eine Abneigung gegen Schlange stehende Menschen hat. In den Provinz-Bezirken bekommt man monatlich aber noch weniger Benzin zugeteilt. Auf dem Weg in den Urlaub habe ich einmal eine Begräbnisprozession gesehen, die auf der Straße stehengeblieben war, weil kein Benzin mehr für den Leichenwagen da war. Um Benzin zu sparen, dürfen sonntags abwechselnd jeweils nur Autos mit geradem oder ungeradem Nummernschild fahren. Vom ersten Schnee bis zum März ist es ganz verboten zu fahren. Manche Tankstellen füllen ihre Tanks mit Wasser auf und verkaufen Benzin unter der Hand. Das Benzin für staatliche Fahrzeuge ist deshalb rot gefärbt, um ermitteln zu können, wenn es verschoben wurde.

Mit einem Handwagen transportiere ich die Gasflaschen durch die Straßen, der Weg ist neuerdings kürzer, weil unser Boulevard durch ein Viertel mit alten, verfallenen Häusern verlängert worden ist. Man hat einfach eine Schneise hindurchgeschlagen, damit einer von Ceauşescus Söhnen einen kürzeren Weg zum Regierungspalast hat. Weil am Anfang und am Ende dieses neuen Straßenstücks öffentliche Toiletten stehen, wird es "Boulevard der beiden Klosetts" genannt.

An der Ausgabestelle stelle ich mich in die Schlange. Ich bin heute der zehnte. Wenn der Lieferwagen kommt, gibt es manchmal eine regelrechte Prügelei, weil das Gas nie für alle reicht, und keiner nach stundenlangem Warten leer ausgehen will. Selbst, wenn wir noch Gas hätten, würde mich meine Frau zur Ausgabestelle schicken, damit ich mich ohne Flasche anstelle und meinen Platz in der Schlange jemand anderem verkaufe.

Ich fühle mich schmutzig, weil ich zu Hause nicht duschen konnte, die Badewanne ist voll mit Reservewasser, das wir zum Kochen, Abwaschen und für die Spülung brauchen, man kann nie wissen, wann das Wasser abgestellt wird. Im Hausflur hatte wieder jemand die Glühbirnen geklaut, bis auf die, für die ich ein Drahtgitter gebaut habe, das mit einem Vorhängeschloß gesichert ist. Eine Nachbarin hat einmal Dornen an die Glühbirne auf ihrer Etage geklebt. Damit unser Land Strom spart, gibt es nur noch 40-Watt-Birnen zu kaufen, zum Lesen benutze ich deshalb eine Vorrichtung mit Spiegeln und Silberpapier, um das Licht zu konzentrieren.

Ich bin heute besonders müde, weil gestern Wahl war, und ich nicht einmal am Sonntag ausschlafen konnte. Die Wahllokale öffnen bei Wahlen immer schon um 6 Uhr morgens und schließen um 8 Uhr, da bis dahin alle Bürger ihre Stimme für Ceauşescu abgegeben haben, wir können es schließlich gar nicht erwarten. Man darf also nicht zu spät kommen, das wäre eine Provokation.

Meine Frau ist noch geschwächt von der letzten Abtreibung, die sie illegal vorgenommen hat. Da wir noch keine vier Kinder haben, darf sie eigentlich nicht abtreiben. Im Betrieb kommt jeden Monat ein Gynäkologe zu den Frauen, um sie zu untersuchen, angeblich zur Gesundheitsvorsorge, in Wirklichkeit, um zu melden, wenn eine von ihnen schwanger ist. Meine Frau fährt immer zu einer alten Frau aufs Dorf, die sich auf ihren Bauch stellt und anschließend mit einem Schuhanzieher am Fötus manipuliert. Wenn die Blutung einsetzt, geht sie ins Krankenhaus und behauptet, es habe Komplikationen gegeben. Andere benutzen Bierhefe, Aspirin, heiße Bäder, oder sie springen vom Schrank. Ceauşescu will viele Sklaven, die am 1. Mai für ihn singen. Meine Tochter sagt, die Partei, das sind Leute, die ihm beim Verreisen ins Ausland helfen.

Obwohl sie geschwächt ist, stellt sich meine Frau am Lebensmittelladen an, wo es nur gesalzene Mohrrüben, Tomatenpaste, Sekt und vietnamesische Krabben-Chips gibt. Für alles andere braucht man Bezugsscheine. Es gibt immer seltener Fleisch, die Hühnchen sind inzwischen so klein und mager, daß sie in der Fabrik mit Hühnerkrallen ausgestopft werden. Manchmal liegt im Schaufenster eine Lieferung Schweinefüße, wir nennen sie "Adidas".

In der Zeitung stand:

"Im Bereich des Lebensmittelkonsums wird der Akzent auf die weitere Verbesserung der Strukturen und die Erhöhung der Qualität gesetzt, auf die Versorgung der Bevölkerung mit Produkten von hohem Nährwert und auf ein reichhaltig gestaltetes Angebot, sowie die spürbare Zunahme der Belieferung der Märkte mit Gemüse und Gemüseprodukten, Obst und Obstprodukten."

Während sie am Lebensmittelladen ansteht, strickt meine Frau. Sogar die Frauen unter den Parteifunktionären dürfen während der Sitzungen stricken. Unsere beste Wolle stammt von einem Pullover, den uns eine französische Verwandte geschickt hat, und den wir immer wieder auftrennen, um daraus einen neuen Pullover zu stricken. Die Wolle, die es auf dem Markt gibt, riecht nach Gas, und manchmal ist sie feucht, damit sie beim Wiegen schwerer ist.

Ich nutze die Zeit in der Schlange, um Bulgarisch zu lernen, wir empfangen ja bulgarisches Fernsehen, und dort zeigen sie wenigstens manchmal Krimis. Bei uns wird nur zwei Stunden täglich gesendet, und man hört meistens Ceauşescu reden. Ich habe angefangen, Fachbücher über Elektrotechnik zu studieren, um uns eine Antenne zu bauen, mit der wir vielleicht jugoslawisches oder sogar italienisches Fernsehen empfangen könnten. Es ist seltsam, mit Handschuhen und Schapka ein Buch zu lesen, es erinnert mich an die Bibliothek, wo es auch nicht viel wärmer ist. Dort halten es im Winter nur die Alten aus, die schon den Krieg oder die Lagerhaft in Rußland überstanden haben, sie sind widerstandsfähiger als wir."

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