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Bücherbox – frische Bücher: Schräger Regen

Quelle: wikipedia/Die Venushöhle im Sommer/metilsteiner

Bücherbox – frische Bücher: Schräger Regen

Anne Hahn
Autorin und Subkulturforscherin
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Anne HahnSonntag, 28.03.2021

Aus Südwesten kommend und begleitet von ihren Gottheiten siedelten an den Hängen von Saale, Werra und Ilm Fremde, die mit Steinbeilen Bäume fällten, Häuser bauten und Einkorn und Emmer in die Furchen legten. [...] Viele Jahrhunderte trieben Hirten Ziegen und Schafe auf die nun waldfreien Höhen des Hörselbergs. Auf der Apothekerwiese wuchsen Kräuter, und an den Hängen pflanzte man Obstbäume und Wein.

Die Hörselberge unweit des Rennsteigs, ein Fachwerkhaus mit Gauben und einer Holzveranda – das Hotel Waldfrieden, Dauerregen. Eine Hochzeitsgesellschaft trifft ein. Unter ihnen eine junge Frau, die auf die Liebe hofft und ein Vater, der seinem Sohn (dem Bräutigam) die Jugend neidet. Jede Menge alter Geschichten, Trauer, unbewältigter Verluste. Das ist der Rahmen des frischen Romans von Christine Hoba. Nach ihrer literarischen Auseinandersetzung mit der DDR in Die Waldgängerinnen und Die Nelkenfalle tritt Christine Hoba nunmehr einen Schritt zurück.

Doch die Berge blieben, und im großen Hörselberg, das wussten die Menschen seit Jahrtausenden, hatten Götter ihren Sitz. In der Venushöhle mit ihrem schmalen, an ein hohes Dreieck erinnernden Eingang lebte Frau Holda, die mit der Wilden Jagd in den Rauhnächten durch die Dörfer fuhr. Gut war es dann, dicht beisammen in den Häusern zu sitzen, während Reisig und Holz im Herd knackten, und einander Geschichten zu erzählen.

Christine Hoba, in Magdeburg geboren und seit 1979 in Halle lebend, könnte als mitteldeutsche Autorin bezeichnet werden, wäre der Begriff nicht so schwammig und diskutabel. Schräger Regen setzt mit dem "Hör-Seelen-Berg" und der ihm innewohnenden Frau Holle (Holba, Holda, Hulda) ein, welche sich langweilt in ihrer Höhle. Sie mag ein wenig für Herbstnachtverwirrung sorgen, wie der Roman sich im Untertitel nennt und so schiebt sie die Eisenstäbe ihrer Höhle beiseite wie Schnüre eines Perlenvorhangs, eine große schöne Frau, nicht alt, nicht jung, ein fußlanges Kleid tragend mit einem nicht mehr ganz weißen Mieder. Mit ihrem Gefährten, einem wilden Reiter, den sie Eckart nennt, geht sie hinunter zur Festgesellschaft, isst Fliegenpilzstückchen, schaut und lauscht.

Thomas, Mitte Fünfzig, Schnauzbart und Miesepeter in Person, ist genervt von seinem Sohn Daniel, der sein Geld verbrät und es sich gut gehen lässt. Genervt von seiner harmoniesüchtigen Frau Lilli, die ihrem Sohn die Hochzeit ausrichtet, angewidert von seiner halbdementen Mutter und fasziniert von seiner schlangenhaften Tochter Judith. Bei ihrem Anblick im sich füllenden Hotel-Foyer denkt Thomas an die weiblichen Lukas-Cranach-Portraits, "an den Hüftschwung der stehenden Figuren". Er würde auch gerne nochmal jung sein, nur für eine Nacht.

Paula, eine 27-jährige Studentin, ist tollpatschig, ängstlich und schüchtern. Liest in Platons Das Gastmahl oder von der Liebe über den Eros, er sei ein großer Dämon, "denn alles Dämonische steht in der Mitte zwischen Gott und Mensch."  Sie wünscht, so alt zu sein wie die schöne Frau auf der Bank oberhalb des Hotels, dann würde sie vielleicht endlich wissen, wie die Menschen dächten, warum sie etwas täten oder unterließen.

Christine Hoba zaubert. Sprachlich ist die Dichterin aus der Haut der Zeit gefahren wie die Wilde Jagd der Holda, hat mich mitgerissen in ihren Sog wundersamer Ideen, die sich logisch binden zu einem neuzeitlichen Märchenzopf. Ich glaube ihr alles, und staune, wie aus dem jungen Mädchen eine Frau mittleren Alters wird, mit schon müden Armen und weichen Hüften, einem Lachen, das aus ihr selbst kommt und einem Zupacken, das neu ist.

265 Seiten braucht die Autorin magischer Wesen, um ihr Märchen zu entblättern und wieder einzutüten. Wir erleben den Polterabend im Waldhotel, lernen die Familien, Freunde und ihre Geheimnisse kennen und stolpern mit Paula und Thomas durch eine außergewöhnliche Nacht voller Erkenntnisse, deren Verlauf mir die Luft nahm. Rasant geschrieben, in sich stimmig, konnte ich das Buch doch nicht so schnell lesen, wie ich es gewollt hätte. Zu viel Wucht steckt in den Sätzen, den kleinen Offenbarungen, der Schönheit der Sprache. Christine Hoba ist mit ihrem vierten Roman auf eine schriftstellerische Höhe gelangt, die ihrer Wahrnehmung diametral widerspricht. Lest die mitteldeutsche Hüterin der Wortgewalt!

Eingesperrt haben sie mich, in den Hörselberg. Aber ich wehre mich. Lass´ mich nicht einsperren. Tue Gutes und Böses wie ich will, seit mir niemand mehr opfert, Einkorn und Emmer, Bohnen und Gerste. Ein Gitter haben sie vor meine Tür gesetzt. Als ob ich es nicht gewesen war, die ihnen das Eisenerz im Boden gezeigt hätte, mit ihnen die ersten Buchenscheiben zu Holzkohle verglühte. Die ihnen die Fruchtbarkeit und Unfruchtbarkeit zuteilte, den Frost und die Hitze. In allen Wäldern verehrten sie mich, in den Quellen und in den Bäumen. Als sie es nicht mehr taten, bin ich zornig geworden...

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