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Literatenfunk

Bücherbox – frische Bücher: Leute wie wir

Anne Hahn
Autorin und Subkulturforscherin
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Anne HahnSonntag, 25.07.2021

Fünfundsechzig Prozent aller Kinder bis zur sechsten Klasse sind heute pornografischen Inhalten ausgesetzt, ja, ja, das weiß sie, weiß sie sehr gut.

Osnat hatte Dror mit zu diesem Vortrag geschleppt, mit dem alles angefangen hat. Bestimmt 100  Eltern waren dort gewesen, aber keinem außer Dror wäre in den Sinn gekommen, deswegen seinen Job aufzugeben. Und während seine Freunde witzelten, er gucke den ganzen Tag Pornos und kriege auch noch Geld dafür, waren alle Frauen von Bewunderung erfüllt, wenn sie hörten, Dror entwickle eine Browsererweiterung, die verhindern solle, dass Kinder Pornos sahen.

Osnat war in solchen Momenten ein bisschen neidisch auf sich selbst, denn alles, was sie sich insgeheim dachten, traf ja zu: Er war sensibel, und er war verständig, sie teilten sich alle Lasten des Elterndaseins und des Haushalts, ja im Grund genommen machte er sogar mehr als sie, vor allem in letzter Zeit, und erwies sich als rücksichtsvoll und umsichtig im Bett, wenn sie dann mal Sex hatten.

Leute wie wir, der neue Roman der israelischen Autorin Noa Yedlin erschien vor wenigen Wochen bei Kein & Aber. In Israel ist er ein Bestseller. Das Buch ist die Geschichte von Osnat und Dror, einem Pärchen aus dem reichen Norden Tel Avivs, welches ein Haus in einen südlichen, armen Stadtbezirk kauft. Als sie mit ihren Töchtern in das frisch renovierte Haus mit den bodentiefen Fenstern einziehen, ist es September. Der alleinstehende Nachbar schaut täglich vom Garten in ihre Küche und streitet erbittert um seinen Parkplatz. Die Erzählform bleibt in der dritten Person, doch es ist Osnat, die 41-jährige Mutter und Ehefrau, durch deren Gedankenspiralen wir das Viertel kennenlernen. Als Hamutal, die elfjährige Tochter, nach der ersten Turnstunde im neuen Viertel sofort mit zu einem Mädchen nach Hause geht und Dror dies erfährt, ist er irritiert.

Er stutzte. Die hier wohnt? Und Osnat sagte, ja, sie wohnen hier, zwei Straßen weiter und Dror fragte, was denn, ist sie Jüdin? Also, Israelin? Und Osnat sagte, ich hab doch gesagt, Tevel, und Dror sagte, was weiß ich, vielleicht ist das auch irgendwas auf Nigerianisch, und Osnat sagte, sie ist hundert Prozent jüdisch. Und sie ist ganz allein zu ihr gegangen?, fragte Dror.

Wörtliche Rede ist nicht gekennzeichnet, die Zeit springt vom Präsens in die Vergangenheit und die Kapitel sind durchnummeriert, was den Eindruck einer Litanei, eines Klageliedes erzeugt. 367 Seiten entsprechen zehn Monaten, die wir mit Osnat und den ihren verbringen. Das Buch ist eine äußerst humorvolle Litanei. Bodentiefe Fenster auf israelisch, aufgepeppt mit jüdischem Witz und sehr vielen Hunden.

Osnat und Dror lernen zwei andere Pärchen kennen, eins, welches sie ermutigt, überhaupt in das Viertel zu ziehen und eins, welches sie dort einführt. Die Hundezüchter. Dass im armen südlichen Viertel eingebrochen wird, Kakerlaken das Haus fluten können und irgendjemand Briefkästen demoliert, ist nur die prompte Bestätigung aller Klischees. Der eigenen und der angedrohten ihrer Familien.

Von all den genannten Orten war das Viertel Drei-Fünf der einzige gewesen, von dem sie noch nie oder höchstens vage etwas gehört hatte. Unter 'was dagegen spricht' hieß es: Weil es in der Gegend, wo sich in den ersten Tagen nach der Staatsgründung ein großes Durchgangslager für Einwanderer befunden hatte, eine hohe Konzentration an sozial schwachen Einwohnern gebe... weil dies nach dem Viertel Neve Sha'anan und dem Gebiet um den Zentralen Busbahnhof die am stärksten vernachlässigte Gegend überhaupt sei...

Leute wie wir wäre wohl kaum so erfolgreich, wenn es nicht den Sex gäbe. Dror und seine eingangs erwähnte Berufung sind schon skurril genug, Osnat plagt sich parallel dazu mit Gedanken über das Fremdgehen. Da ist einerseits der Sohn ihrer Stiefmutter, mit welchem sie vor vielen Jahren (und vor Dror) Analsex hatte, und andererseits dieser Vater, der auch immer vor dem Kindergarten ihrer jüngeren Tochter wartet und sie so anschaut. Als wäre das nicht aufregend genug, macht ihr ihre Schwester ein Geständnis und Tevels Mutter fragt sie, ob sie in ihre Facebookgruppe für erotische Literatur eintreten möchte, während die Dogo Argentinos, denen Tevels Vater Plätzchen backt, sich im Roman breitmachen und der alte Nachbar ihnen zunehmend auf die Pelle rückt. Werden Osnat und Dror aufgeben? Ein Hinweis auf die rasante Wendung steckt im Motto des Romans:

Ich verabscheue Leute, die Hunde halten. Das sind Feiglinge, die nicht genug Schneid haben, selbst zu beißen.

Bücherbox – frische Bücher: Leute wie wir

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Kommentare 1
  1. Marcus von Jordan
    Marcus von Jordan · vor 2 Monaten

    auf deine Empfehlung gekauft und gelesen...
    https://www.piqd.de/li...

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