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Literatenfunk

Bücher neben meinem Bett (Stapel 1)
Annett Gröschner
Schriftstellerin und Journalistin
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piqer: Annett Gröschner

Bücher neben meinem Bett (Stapel 1)

Als ich vor einem halben Jahr meine Wohnung verlor, war es mir wichtig, einige Ecken 1:1 auf die neue Behausung zu übertragen, weil dieser Rückzugs-, Schreib- und Leseort eine der wenigen Konstanten in meinem Leben ist. Ich füllte also eine Extra-Kiste mit den Bücherstapeln, die ich genau so wieder neben dem Bett aufschichtete, wie sie auch in der alten Wohnung gestanden hatten. Im Laufe des letzten halben Jahres hat sich die Reihenfolge verändert, ausgelesene Bücher wanderten auf den nächsten Stapel oder ins Regal, andere behaupteten, von mir unbeachtet, ihren Platz.

Dies ist die Geschichte meines Hauptstapels, obwohl ich nicht bei jedem Buch weiß, warum es dort liegt. (Außerhalb des Fotos geht es unten auch noch weiter, aber das hätte das Format gesprengt.)

Fangen wir ganz unten an. Da liegt der dritte Roman von Sabrina Janesch, eine junge Autorin mit polnisch-deutschen Wurzeln. Ich mag ihren ersten Roman Katzenberge sehr, der eine mir bis dahin völlig unbekannte Geschichte der Menschen erzählt, die nach dem Zweiten Weltkrieg aus dem östlichen Teil Polens in den neuen westlichen Teil umgesiedelt wurden, wo die Geister der Vertriebenen noch in den leeren Häusern herumspukten. Auf dem Stapel liegt ihr dritter Roman, Tango für einen Hund. Ich habe mir vorgenommen, ihn zu lesen und Sabrina dann einen Brief oder wenigstens eine Mail zu schreiben, aber es kam bisher immer wieder etwas dazwischen und ehrlich gesagt reizen mich weder Road Movies noch Geschichten, in denen große Hunde eine Hauptrolle spielen, wie im Klappentext angekündigt. Um mich eines Besseren belehren zu lassen, müsste ich es wenigstens mal anlesen, aber wenn ich es jetzt unten rausziehe, kippt der Stapel auf mich.

Kurt Vonnegut Juniors Slaughterhouse 5 habe ich in der englischsprachigen Originalfassung im Dezember 2014 im Giftshop des British Museum gekauft, als dort die von Neil McGregor kuratierte Ausstellung Germany. Memory of a Nation stattfand und die Bücher am Eingang themenbezogen und preisgesenkt waren. Vor dem Büchertisch stehend, erinnerte ich mich, irgendwann festgestellt zu haben, dass die Beschreibung des Vonnegutschen Schlachthofes sich mit einem Ort deckte, an dem ich jahrelang zu Besuch war, ohne zu wissen, dass das Haus auf ebenjenem Dresdener Schlachthofgelände stand. Aus Sentimentalität und um nicht aus der Übung im Lesen englischsprachiger Bücher zu kommen, habe ich das Slaughterhouse 5 mitgenommen und im Zug zwischen London und Rotterdam bis auf die letzten dreißig Seiten ausgelesen. Zu Hause habe ich noch die deutschsprachige Ausgabe aus DDR-Zeiten dazugelegt, bin aber mit beiden nicht so recht weitergekommen. Ich habe die Hoffnung, die Lektüre fortsetzen zu können, deshalb liegen die Bücher noch da. Außerdem ist das Bücherregal mit den englischsprachigen Titeln voll, weil es in der neuen Wohnung weniger Platz gibt, ich mir aber vorgenommen habe, dass kein Buch darunter leidet, dass ich gezwungenermaßen die Wohnung wechseln musste.

Eine Gebrauchsanweisung für Ostdeutschland ist eigentlich das letzte, was ich lesen muss. Für meine Nähmaschine, die ich seit 35 Jahren besitze, brauche ich ja auch keine Bedienungsanleitung. Und bei Ostdeutschland sind es schon mehr als 50 Jahre. Aber ich wollte unbedingt wissen, was meine Schwester Jochen Schmidt so alles über ihre Kindheit erzählt hat, die ja irgendwie auch meine war, und darum habe ich das Buch gekauft. Ich frage mich auch, ob es psychologische Gründe sind, die mich veranlasst haben, es falschherum auf den Stapel zu legen.

Auf Ostdeutschland ruht Nancy Hünger, was ja nicht so abwegig ist, weil sie in Erfurt wohnt. Nancy ist unter den jüngeren Autorinnen eine der klügsten, auch wenn das leider nur wenige wissen. Aber wozu gibt es Literatenfunk, da kann ich es sogar in Versalien sagen: NANCY HÜNGER IST EIN GEHEIMTIPP. („HINWEGGPLAPPERN. Das habe ich mir auf die Stirn schreiben wollen, in Spiegelschrift, damit ich’s nicht vergesse, damit ich nicht über den Umraum hinweggleite, hinschlingere über alles Unbegreifliche.“) Leider erfordern ihre Texte, obwohl sie kurz sind, eine große Aufmerksamkeit, die ich oft nicht mehr habe, wenn ich nachts um drei nach der Arbeit ins Bett sinke. Das Buch Halt dich fern muss schon deshalb auf meinem Nachtregal liegenbleiben, weil ich mich nicht entscheiden kann, wo ich es einordne, denn eigentlich würde ich das Buch gerne zu den Gedichten stellen, im Innentitel steht aber, dass es eine Erzählung sei.

Über Nancy Hünger macht sich Katrin Kalisa breit, mit Sungs Laden. Ich weiß, dass viele diese Geschichten über Interkulturalität in einem angesagten Berliner Viertel zu Tränen rühren. Bei mir sind es Wuttränen, und ganz sicher hat das etwas damit zu tun, dass ich genau aus diesem Viertel verdrängt wurde. Ich konnte den Roman – ungefähr in der Mitte angekommen – nicht weiterlesen, weil mir auf jeder Seite der böse Spruch aus dem vor Jahren in der Edition Nautilus erschienenen Kinderbuch Macchiavelli für Kids einfiel: „Wenn Du eine Gegend eroberst, töte jeden, der gegen Dich ist, basta. Danach sei ganz nett zu allen, die übrig geblieben sind.“ Ich sollte es in den Bücherbaum in der Sredzkistraße stellen oder dem Berliner Büchertisch schenken, damit sie von dem Erlös Sozialprojekte fördern können. So wie ich es mit dem anderen Buch aus der Rubrik Prenzlauer-Berg-Kolonialliteratur gemacht habe, das ich 2015 gelesen habe: Anke Stellings Bodentiefe Fenster. Der Plot geht ungefähr so: Eine Cowboyfrau stampft eine andere in Grund und Boden und schreibt danach in ihr Tagebuch: „Ich hab sie erledigt, auch die Blagen, aber die Kopfschmerzen sind nicht weggegangen.“ Indianer kommen da gar nicht mehr vor, die sind erfolgreich entmietet und über die Ick-Ich-Linie (Ringbahn) expediert.

Aber da ist ja noch Anne Weber. Als ich sie zum ersten Mal lesen gehört habe, war ich fasziniert von ihrer Sprache und habe gleich ihre Bücher gekauft, aber ich bin immer noch nicht durch und wünschte mir manchmal, sie käme jede Nacht um drei aus Paris angeflogen, um mir vor dem Einschlafen vier Seiten vorzulesen. Oder auch nur dreimal diese Zeile: „Der Lärm der Fische?, fragte er, sein in der Mitte mit dünnem Papier umwickeltes Baguette schon in der Hand.“

Anne Weber ist nach oben hin in guter Gesellschaft bei Helmuth Lethen. Dessen Verhaltenslehren der Kälte waren mir als Erforscherin der Kälte Handlungsanweisungen, und würde ich noch einmal aus meiner jetzigen Wohnung in eine, sagen wir, Kochstube, expediert, dann nähme ich die Verhaltenslehren mit. (Und das Handbuch des Überlebens.)

Der Schatten des Fotografen ist auch wieder so ein Buch von Belang und über eins meiner Lieblingsthemen – die Wirkung und die Wirklichkeit von historischen Fotografien. Auf dem Umschlag ist die Fotografie einer jungen Ukrainerin im Fluss an einem Sommertag abgebildet, ein friedlicher Moment, aber die Bildunterschrift erzählt eine andere Geschichte. Nämlich die einer jungen Frau, die durch den Fluss geht, um mit den Füßen Minen zu ertasten.

Ich schlage es auf und finde den Satz: „Barthes’ punctum findet nicht statt.“ Dabei liegt Roland Barthes nur vier Etagen darüber, besser gesagt, eine Biografie über ihn, von einer Frau mit dem schönen Namen Tiphaine Samoyault verfasst. Vielleicht kennt Anne Weber sie, schließlich wohnen beide in Paris. Übrigens das teuerste Buch ohne Bilder, das ich mir je gekauft habe. Als ich es bezahlte, seufzte die Verkäuferin, das andere Exemplar sei ihr gerade geklaut worden, sie müsse zugeben, der Dieb habe einen guten Geschmack. In der Biografie geht es auch um das punctum. Und um eins meiner Lieblingsbücher über Fotografie: Die helle Kammer. Ich schlage die Barthes-Biografie auf und lese, dass die helle Kammer „ein für seine Mutter entworfenes Grab“ sei. Ich möchte am liebsten gleich weiterlesen, aber es ist mitten am Tag und keine Zeit für Lektüre.

Von Aurélie Filippettis Das Ende der Arbeiterklasse war ich eher enttäuscht. Ich hatte einige euphorische bis wohlwollende Rezensionen gelesen und bin elektrisiert von dem Thema, weil ich finde, dass es viel zu wenig gute Romane über den Niedergang der Arbeiterklasse gibt und zwar über jene Facharbeiter, die ihren Machtverlust am Ende des 20. Jahrhunderts nur schwer verkraftet haben. In Ost wie West. Filippetti erzählt die Geschichte ihrer Lothringischen Familie, in der die Männer Bergarbeiter waren und politisch wach. Als Roman ist es mir sowohl sprachlich als auch vom Aufbau her zu schlicht, und ich habe 46 Seiten vor dem Ende aufgehört. Seit einem Jahr wartet das Buch darauf, ausgelesen zu werden. Filippetti ist die dritte Pariserin auf meinem Stapel.

Oksana Bulgakowas Biografie über Sergej Eisenstein habe ich mir bestellt, nachdem ich im Abspann des Films von Peter Greenaway über Eisensteins schwule Sexabenteuer in Mexiko gelesen hatte, dass er auf Bulgakowas Recherchen fußt. Ich glaube, mich dunkel zu erinnern, dass sie sich von dem Film distanziert hat. Ich dagegen fand ihn bunt und lustig und auch ein bisschen albern. In ihm steckt alles, was mir an der Betrachtung Eisensteins bisher gefehlt hatte und wovon ich vor dem Film auch noch nicht wusste, dass es mir fehlte. Leider habe ich es mir deswegen kurz mit meinem Freund Martin, dem größten Filmfreak aller Zeiten, verdorben. Der fand den Film sehr schlecht und warf mir gehobene Geschmacksverirrung vor. Das Buch hat leider einen leseunfreundlichen Satzspiegel à la „Wir müssen sparen, also bring mal soviel Buchstaben wie möglich auf einer Seite unter.“

Zu Alexander Kluge brauche ich wohl nichts zu sagen. Will ich auch nicht. Behalt ich für mich. In meinem persönlichen Pantheon ist er einer der Säulenheiligen, und Der Luftangriff auf Halberstadt wäre auf jeden Fall ein Buch für die Kochstube. Den 30. April 1945 habe ich noch nicht angefangen, da kam der Umzug dazwischen. Ich werde darauf zurückkommen. Es gibt mehr als einen Meter Kluge in meinem Regal, ich weiß gar nicht, ob ich das nicht schon obenauf legen muss.

Das steinerne Herz ist das einzige Buch von Arno Schmidt, das ich noch nicht gelesen habe, sieht man mal von zwei Dritteln Zettels Traum ab, das mir dann doch streckenweise zu viel lefzende Altherrenprosa war. Und nein, ich gehe jetzt nicht zum Regal und illustriere meine Bemerkung mit einem Zitat. Das steinerne Herz aber ist beinern: „...den Rückweg fand ich ohne Schwierigkeiten; in fremden Städten bin ich aufgeregter als sonst und merk mir jede Einzelheit!).“ Der Bücherfresser Walter Eggers geht durch die Stalinallee. Ich begleite ihn noch ein wenig.

Ja, und wer liegt da ganz oben? Karl Ove Knausgård. Die Buchhändlerin hatte mir geraten, mit Sterben anzufangen. Ich las die ersten zwanzig Seiten und kam nicht weiter. Seitdem bildet es das Dach des Stapels. Ich sage mir, erinnere dich, mit Johnsons Jahrestagen hat das auch so angefangen und dann konntest du nicht eher aufhören, bis auch die letzte Zeile gelesen und der Sommer vorbei war. Aber bei Knausgård schreckt mich etwas anderes ab als das bei dem gewöhnungsbedürftigen, etwas geschraubten Stil Uwe Johnsons der Fall war: Einen Mann meines Alters dabei zu beobachten, wie er durch Alltag, Niederlagen, Größenwahnsinn, Alkoholräusche hindurch zum Schriftsteller wird. Es gibt für mich nichts Langweiligeres. Mein ganzes erwachsenes Leben waren da Männer neben mir, die nichts anderes wollten als der Held von SterbenLebenTräumen. Ich bin mir nicht sicher, ob ich das durch den literarischen Spiegel gesehen aufregender finde. Aber es ist noch nicht entschieden. Sterben liegt noch da. Genauso wie Träumen.

Aber das befindet sich auf einem anderen Stapel.

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Kommentare 4
  1. stefan erhardt
    stefan erhardt · vor 10 Monaten

    Das macht diese Stapel - wo auch immer sie geschlichtet werden - so wichtig: dass sie "eine mir bis dahin völlig unbekannte Geschichte" erzählen KÖNNEN, jederzeit, wenn und wann ich mir die Zeit nehme (und MIR die Zeit nehme) dazu... Das Individuelle der Kultur.

  2. Saša Stanišić
    Saša Stanišić · vor 11 Monaten

    Mit Slaughterhouse 5 anfangen!

  3. Kurt Tutschek
    Kurt Tutschek · vor 11 Monaten

    Ah, Arno Schmidt! Wunderbar.
    Mein Liebling: KAFF auch Mare Crisium

    1. Annett Gröschner
      Annett Gröschner · vor 11 Monaten

      Es gibt bei mir eine gewisse Hemmung, über Arno Schmidt zu schreiben, wegen meiner Lieblingserzählung "Tina und die Unsterblichkeit". Denn sollte ich jemals im Jenseits landen und dort unten auf Arno Schmidt treffen, sein Zorn ist mir gewiss. Er sagt da ja, dass alles, was keinen Namen hat, glücklich wird.

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