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Literatenfunk

Bruchband und Gebiss in Pergamon
Jochen Schmidt
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piqer: Jochen Schmidt
Dienstag, 18.10.2016

Bruchband und Gebiss in Pergamon

Von „Carl Humann - Der Entdecker von Pergamon" (Hg. Carl Schuchhardt, Theodor Wiegand) besitze ich die zweite Auflage, 1931 bei der G.Grote'schen Verlagsbuchhandlung in Berlin erschienen. Auf dem Cover sieht man ein Foto der Ausgrabungsstätte in Pergamon und man liest den damals schon dümmlichen Blurb: „… liest sich spannend wie je ein Roman" (Berliner Börsen-Courier). In Wirklichkeit liegt der Roman unter der Rhetorik der Kaiserzeit verborgen, und, wie so oft bei Sachbüchern, sind die menschlichen Motive, die zumindest mich interessieren, nur angedeutet. Das Buch enthält drei Berichte von Carl Humann über seine verschiedenen Ausgrabungsreisen nach Pergamon, dazu einen sehr schönen Bericht von Carl Schuchhardt über sein Jahr bei Humann und eine kleine Einführung in die türkische Sprache von Humann (aus der man erfährt, dass „Effendi" und „Istanbul" griechischen Usprung haben, „Abdullah" Diener Gottes heißt, also „Gottschalk" bedeute, und dass der Halbmond, der bei uns für den Islam steht, in Wirklichkeit ein Neumond ist.) Humann ist 1839 bei Düsseldorf geboren und 1896 in Smyrna gestorben, wo er lange mit seiner Familie lebte. Die seltsame Sorge deutscher Forscher um griechische Altertümer, die engen Verbindungen zum osmanischen Reich, die Tatsache, dass man damals wirklich noch nach Orten suchen konnte, die man aus der Lektüre der klassischen Texte kannte, das lässt sich gut am Originaltext erfahren. Man suchte nach Schätzen, um damit Berlin, „die Hauptstadt des wiedererstandenen Reiches zu schmücken". Als Humann die Burg 1864 zum ersten Mal betritt, ist alles überwuchert von Gestrüpp, Kalkofen rauchen, in denen jeder Marmorblock, der zerhämmert werden konnte, landete, um Baumaterial daraus zu machen. Von der Gigantomachie ahnt noch niemand etwas. 1869 ist der Absolvent der königlichen Bauakademie mit Straßenbauarbeiten in der Gegend beschäftigt (später schreibt er: „An die Straße, die ich vor zehn Jahren dorthin gebaut, hatte sich nie eine reparierende Hand gelegt". Die Brücken, der er, gegen seinen Willen, laut Vertrag in Holz ausführen muss, sind inzwischen von Kameltreibern, die dort genächtigt haben, verfeuert worden). Nebenbei hat Humann ein Auge auf die Burg. „Dennoch kam es vor, daß ich auf der Burg eines Tages ein großes ausgegrabenes Hochrelief fand, einen Gott darstellend in voller Figur, - jetzt kann ich es sagen: zur Gigantomachie gehörend, und daß, als ich nach zwei Tagen mit den Arbeitern hinaufging, um es zu bergen, dasselbe zu einer Treppenstufe zugehauen war. Ich ließ den Täter einsperren, was wohl manchen von ähnlichem Tun abgeschreckt haben mag." 1878 darf er endlich graben. Die Gigantomachie, die heute im Pergamonmuseum steht, war in byzantinischer Zeit als Baumaterial für Festungsmauern verwendet worden. Nach dem Antikengesetz geht ein Drittel der Funde an den Finder, ein Drittel an den Bodeneigentümer und ein Drittel an die türkische Regierung. Als er die Arbeiten mit den Worten: „Im Namen des Protektors der Königlichen Museen, des glücklichen, allgeliebten Mannes, des nie besiegten Kriegers, des Erben des schönsten Thrones der Welt, im Namen unseres Kronprinzen möge dies Werk zu Glück und Segen gedeihen", beginnt, glauben seine Arbeiter, er habe eine Zauberformel gesprochen. Mitten in der Arbeit schenkt seine Frau in Smyrna ihm seinen ersten Sohn, „doch ich konnte nicht nach Smyrna eilen." Heute hätte er vielleicht Elternzeit nehmen müssen und die Gigantomachie wäre in der Zeit zu Kalk verbrannt worden. Interessant ist der historische Subtext, das selbstgewisse Überlegenheitsgefühl des preußischen Ingenieurs: „Die geschicktesten Arbeiter, fast nur Griechen, waren an der Mauer beschäftigt, die etwas unbehilflicheren Türken, meist bulgarische Flüchtlinge, die der Krieg zu uns getrieben, und Armenier bei den Erdarbeiten und dem Fortkarren des Schuttes." Preußische Marineschiffe bringen hunderte Kisten mit Funden nach Smyrna, von wo sie der samstägliche Lloyddampfer nach Triest bringt. Endlich findet Humann auch die Zeusgruppe: „Tief ergriffen umstanden wir drei glücklichen Menschen den köstlichen Fund, bis ich mich auf den Zeus niedersetzte und in dicken Freudentränen mir Luft machte …" Die türkische Regierung tritt ihr Drittel an den Funden gegen Zahlungen ab. Und was sagen die Griechen dazu? „Wir wollen das Gefühl nicht schelten, das bei manchen Griechen, namentlich in Smyrna uns den Erwerb der Funde, die sie lieber im Boden bleiben gesehen hätten, bis sie einmal Herren im Lande sein würden, nicht gönnen ließ. Aber manche auch von ihnen waren doch einsichtsvoll genug, die griechische Kunst als Eigentum der ganzen gebildeten Welt zu betrachten." Es ist natürlich hochinteressant, zu lesen, wie diese wackeren Männer, ständig von Fieber und Hitze geplagt, eine Hundertschaft von Arbeitern aller möglicher Nationalitäten befehligen, um der Welt die Schätze der griechischen Antike wiederzuschenken. (Im Winter hält man in der Unterkunft ein Kohlenbecken zwischen den Füßen, um beim Zeichnen die Hände aufwärmen zu können.) Aber Humann schreibt als Ingenieur auch ein bisschen trocken. Es sind ja auch offizielle Berichte für das Jahrbuch der königlich-preußischen Kunstsammlungen. Viel stimmungsvoller schreibt der Herausgeber Carl Schuchhardt selbst über seine Zeit bei Humann, der ihn gleich fragte, ob er auch „so ein Philologe sei". (Viele der Männer, die bei den Arbeiten zeitweise anwesend waren, wurden später, laut Fußnoten, Direktoren der verschiedensten Museen in Deutschland oder der Schweiz oder Professoren für Kunstgeschichte der Archäologie). Weit blickt man auf die Ebene und kann am Morgen „unsern ersehnten Postreiter schon in zwei Stunden Entfernung erspähen." Schuchhardt berichtet Humann beim abendlichen Zeichnen von einem langen Aufenthalt in Rumänien beim Fürsten Bibesco (dessen Name uns als Proust-Freunden wohlbekannt ist). Als Professor Alexander Conze eintrifft, Direktor des Skulpturenmuseums in Berlin und guter Geist des ganzen Unternehmens (als Sohn eines Hannoverschen Reiteroffiziers ritt er bis ins hohe Alter und ist mit 83 Jahren gestorben "an einer Indisposition, die er sich durch Überanstrengung auf einem ungebärdigen jungen Pferde zugezogen hatte"), gibt er ihm gleich seine Uhr zur Aufbewahrung. Die brauche er bis zur Rückreise ja nicht mehr. Er überreicht Humann auch ein Zweiglein vom Lorbeerkranz, den man vor einigen Wochen bei der Eröffnung der Pergamonausstellung an Humanns Büste niedergelegt hatte, was diesen zu Tränen rührt. Nun tritt auch ein anderer Großer auf, der Kartograph Heinrich Kiepert, Spezialist für kleinasiatische Topographie, der mit 68 Jahren noch einmal losgereist ist, um Lücken auf seiner großen Lesbos- und Kleinasienkarte auszufüllen. Als Schuchhardt mit ihm auf Lesbos die erste Nacht im Gasthof verbringt, sagt Kiepert beim Ausziehen: „Nun muß ich Sie mit meinen verschiedenen Gebrechen bekannt machen. Erstens habe ich ein zu kurzes Bein und daher diese 1 ½ Zoll dicke Stiefelsohle, zweitens ein Bruchband und drittens ein sehr schönes falsches Gebiß, das er damit in ein Wasserglas legte." Das Bein hatte er sich einmal in der Sächsischen Schweiz gebrochen, worauf sein Freund Theodor Mommsen bei ihm erschienen sei und von ihm gefordert habe, die sechswöchige Muße zu nutzen, um „endlich das längst von aller Welt ersehnte 'Handbuch der alten Geographie' zu schreiben." Als er damit nach 2-3 Wochen noch nicht weitergekommen war, sagte Mommsen, man müsse ihm wohl noch das andere Bein brechen. In einem Dorf auf Lesbos bittet der Dorflehrer die beiden Gelehrten, in den Klassenraum zu kommen. Die Schüler singen ihnen „Der Mai ist gekommen" vor, und der Lehrer erklärt den Kindern: „Ihr Kinder kennt alle die große Karte unserer Insel hier an der Wand. Die hat dieser alte Herr gemacht, als er 23 Jahre alt war. Sie hat immer allerhand Lücken gehabt, aber niemand hat sich die ganze Zeit her bei uns darum gekümmert, sie auszufüllen. Nun kommt, nach 45 Jahren, dieser alte Herr hierher, um selbst sein Werk fertigzumachen. Seht, Kinder, das ist Treue, das ist Liebe zur Arbeit! So sind die Deutschen!" Tatsächlich war Kiepert so ein besessener Arbeiter, dass er, um keine Zeit zu verlieren, noch beim Mittagessen mit seiner Frau stets an einer seiner Karten tuschte.

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