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Literatenfunk

Boulevard of Broken Dreams
Jan Brandt
Schriftsteller

Geboren 1974 in Leer (Ostfriesland), veröffentlichte 2011 den Roman "Gegen die Welt" und 2015 den Reisebericht "Tod in Turin". 2016 erscheint "Stadt ohne Engel – Wahre Geschichten aus Los Angeles".

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piqer: Jan Brandt
Sonntag, 31.07.2016

Boulevard of Broken Dreams

Der Sunset Boulevard, eine der berühmtesten und legendenreichsten Straßen von Los Angeles, beginnt am Meer, unterhalb der Villa Aurora, und schlängelt sich einmal durch die Stadt bis zum Zentrum, dem einstigen Gründungsort der Stadt, dem Pueblo de Los Angeles. Es ist der Boulevard der Träumer, Sehnsüchtigen und Ausgestoßenen, aber auch die Autoflaniermeile der Snobs und Yuppies - in Beverly Hills von Villen gesäumt, in Hollywood von billigen Motels, Rockschuppen, Sexclubs und Tattooläden. Jedes Jahr kommen neue Geschichten hinzu, und mit jeder Geschichte erhält die Straße neue Windungen und wird länger und länger – zumindest in unserer Vorstellung.

Kevin Vennemann, der mit Erzählungen und Romanen Tiefenbohrungen ins verdrängte Bewusstsein unternommen hat, begibt sich in seinem großen Essay Sunset Boulevard – Vom Filmen, Bauen und Sterben in Los Angeles auf Spurensuche nach den Überresten des Film Noir und der klassischen Moderne in der Gegenwart. Der Anfang, wo er einen Film nach dem anderen aufzählt und den Motiven nach ordnet, wirkt der Text wie eine Fortführung von Andreas Neumeisters Pop-Ästhetik, Namedropping, ständige Wiederholung, Zitat-Sampling – der Text als Tonspur. Im zweiten Teil wendet er sich der Architektur zu, den bahnbrechenden Gebäuden von Richard Neutra mit ihren fragilen, aber tragfähigen Stahlkonstruktionen und großen Glasflächen. Das ist sehr viel klarer erzählt, aber genau diese manchmal nicht ganz unanstrengende Mischung zwischen Quellenvielfalt, Analyse und Wirkungsgeschichte ist die Stärke des Buches. 

Zusammen mit der Künstlerin Chris Kraus fährt Vennemann im Geiste den Sunset Boulevard von West nach Ost, von seinem Anfang bis zu seinem Ende oder – je nach Perspektive – umgekehrt, und führt auf dem Weg beides zusammen: die Filme und die Häuser. Er zeigt, wie das eine das andere bedingt und was beide zusammen mit den Köpfen und Körpern der Menschen machen, wie sie uns prägen und verändern, wie das Licht und die Melancholie alles überlagern, wie aus den Lebenden Tote werden, und aus den Toten Lebende – und warum die Grausamkeit zur Großartigkeit dazugehört, die Finsternis in der goldenen Stadt. 

6,7
4 Stimmen
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