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Literatenfunk

Besser sterben, besser leben
Ira Strübel
piqer: Ira Strübel
Montag, 30.01.2017

Besser sterben, besser leben

Caitlin Doughty ist Anfang 20, als sie ihre erste Leiche rasiert. Wenige Stunden nach der Rasur fegt sie die Überreste des Mannes aus dem Krematoriumsofen und zerbröselt seinen noch warmen Schädel mit der bloßen Hand. Man könnte sich einen sanfteren Einstieg in einen ersten Arbeitstag vorstellen.

Ich war wesentlich älter, als ich mich das erste Mal mit um eine Feuerbestattung kümmern musste – und ich musste sie nicht einmal durchführen, ich musste nur Entscheidungen treffen. Trotzdem fiel es mir schwer. Nicht nur, weil ich in Trauer war, sondern auch, weil ich nichts darüber wusste: Nicht, was zu tun ist, nicht, was sich gehört, nicht, was die Tradition gebietet, nicht, welchen Sarg, welches Kissen, welche Urne, welche Musik der Verstorbene sich gewünscht hätte. Woher hätte ich es wissen sollen, wir hatten nie darüber gesprochen.

„Smoke Gets in Your Eyes & Other Lessons from the Crematory” erzählt unter anderem von den Details des Alltags im Krematorium. Nicht voyeuristisch, aber in allen Einzelheiten. Nicht respektlos, aber mit Sinn auch für die komischen Seiten der Sterberei. Vor allem aber ohne Berührungsangst.

Doughty nimmt die Konfrontation mit Tod und Verwesung in ihrem Arbeitsalltag dabei zum Anlass, über jene letzten Dinge zu reflektieren, über die in westlichen Kulturen kaum einer mehr sprechen mag. Dabei zieht sie immer wieder den Vergleich zu anderen Kulturen und anderen Zeiten, um aufzuzeigen, dass das, was wir hier und heute als Standard begreifen, keinesfalls die einzig mögliche Herangehensweise darstellt. Die Gaffer beim Abholen einer verstorbenen Neunzigjährigen erinnern sie daran, wie sehr der Anblick eines Leichnams in der Öffentlichkeit in unserer Kultur zum Ausnahmefall geworden ist – im Kontrast etwa zum indischen Varanasi, wo jeden Tag unzählige Verbrennungen ganz öffentlich stattfinden und die Überreste anschließend in den Ganges verbracht werden.

Kann eine Familie sich dort eine Verbrennung nicht leisten, kommt es vor, dass sie den Leichnam ihres Angehörigen nachts einfach in den heiligen Fluss legt, wo er dann verwest. Tatsächlich geschieht dies so häufig, dass die indische Regierung versucht, der „necrotic pollutants“ mittels fleischfressender Schildkröten Herr zu werden. „The industrialized world”, schließt Doughty, „has established systems to prevent such unsavory encounters with the dead. At this very moment, corpses motor down highways and interstates in unmarked white vans […] Bodies crisscross the globe in the cargo holds of airplanes while vacationing passengers travel above. We have put the dead beneath. Not just underground, but under the tops of fake hospital stretchers, within the bellies of our aircraft, and in the recesses of our consciousness.“ Doughty ist überzeugt, dass diese Abspaltung von allem, was mit Tod und Vergänglichkeit zu tun hat, im Westen sehr ausgeprägt, aber wenig hilfreich ist. Immer wieder setzt sie dem Beispiele aus anderen Kulturen entgegen, die den Tod als selbstverständlichen Teil des Lebens annehmen und dadurch furchtloser mit ihm umgehen können.

Für Doughty formt sich aus dieser Überzeugung schließlich eine Berufung: Sie lässt sich zur Bestatterin ausbilden (auch davon berichtet das Buch) und wird „Death Acceptance Advocate”. Als Bestatterin, Speakerin, als Gründerin der Organisation „The Order of the Good Death”, aber auch mit ihrem sehr speziellen youtube-Kanal „Ask A Mortician” ermutigt sie heute zu einer anderen, weniger industriellen Bestattungskultur, vor allem aber auch dazu, einen bewussten, offenen und direkten Umgang mit dem Sterben, den Sterbenden und den Toten zu pflegen, sich über die eigenen Wünsche und Ideen auszutauschen — etwas, das mir in meiner Trauer viel Hadern und Herumraten vor dem Urnenregal erspart hätte. Vor allem aber plädiert sie dafür, sich mit der eigenen Sterblichkeit zu konfrontieren und sich zu informieren, denn, so argumentiert sie: „[...]ignorance is not bliss, only a deeper kind of terror.”

Auf Deutsch ist „Smoke Gets in Your Eyes” unter dem Titel „Fragen Sie Ihren Bestatter: Lektionen aus dem Krematorium” erschienen.

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Kommentare 2
  1. Marcus von Jordan
    Marcus von Jordan · vor mehr als einem Jahr

    ...klingt super, wird bestellt. Mit dem deutschen Titel, werden es in Deutschland vermutlich auch nur die kaufen, die deinen piq gelesen haben.

    1. Ira Strübel
      Ira Strübel · vor mehr als einem Jahr

      Ja, mir kommt der deutsche Titel im Vergleich auch ein bisschen ängstlich vor.