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Literatenfunk

Bernd Havenstein "DDR Spielzeug"

Quelle: (c) Bernd Havenstein "DDR Spielzeug"

Jochen Schmidt
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piqer: Jochen Schmidt
Montag, 27.03.2017

Bernd Havenstein "DDR Spielzeug"

Angeblich haben Väter ihren Söhnen früher Spielzeugeisenbahnen geschenkt, um zu Weihnachten selbst damit spielen zu können. Ich habe das nie erlebt, aber mein Vater trauerte immer seinem Steinbaukasten und seiner Dampfmaschine hinterher, und ich wäre sehr enttäuscht gewesen, wenn ich so etwas statt neuem Lego bekommen hätte. Deshalb bin ich vorsichtig, wenn ich Spielzeug von heute beurteile, weil dieses Produktfeld naturgemäß zum Kulturpessimismus einlädt. Es könnte sein, daß Kindern das gelungene Design beim Spielzeug ganz egal ist, solange es blinkt, piepst und bunt ist, aber ich stehe auf einem anderen Standpunkt, ich denke, daß Geschmacksbildung nicht früh genug beginnen kann und daß es unverantwortlich ist, Kindern häßliches Spielzeug zu geben. Als Kind hätte ich nie eine Lanze für DDR-Spielzeug gebrochen, denn man hatte einen geradezu unfehlbaren Sinn für westliche Materialien und Verarbeitungsqualität, leuchtendere Farben, bessere Steckverbindungen, futuristischeres Design, raffiniertere Zusatz-Funktionen. Die armen Kinder, die nur Ost-Spielzeug hatten, man bedauerte sie, sie bekamen nicht so oft Besuch wie wir mit unserem Playmobil und der Matchbox-Bahn mit Looping. Deshalb ist es besonders verstörend für mich, wenn ich heute einen Band wie "DDR Spielzeug" von Bernd Havenstein lese und mir die Augen übergehen, weil ich für die Qualität und Vielfalt dieser Produkte früher völlig blind war, es sah eben nach Osten aus. Wo kann man das heute kaufen? Fast nirgends. Sonneberg war vor 1913 eine Art Welthauptstadt des Spielzeugs, 40% aller in Deutschland produzierten Spielzeuge kamen von hier. Nach dem Krieg konnten in der Planwirtschaft der DDR zahlreiche Kleinstproduzenten überleben, die dann in Kombinaten gruppiert wurden. Bis 1972, dem Jahr der endgültigen Zwangsverstaatlichung der letzen Privatbetriebe, gab es noch 251 davon, insgesamt waren es 500 Hersteller mit 30000 Artikeln. Die DDR-Spielzeugindustrie mit den Zentren Sonneberg, mittleres Erzgebirge (Olbernhau), Thüringer Wald (Waltershausen) und Brandenburg, war mit der Währungsunion 1990 praktisch tot. Von 27000 Beschäftigten blieben noch unter 1000. Es war natürlich auch eine vorweggenommene Folge der Globalisierung, die die westliche Spielzeugindustrie später genauso traf. Heute kommt eigentlich fast alles aus China.

Welche Chance in der DDR anfangs bestanden hat, erkennt man am berühmten Schaukelwagen von Ernst Brockhage von 1950, einem Schüler von Mart Stam. Es ist ein Beispiel für das Bauhaus-Erbe, das, früher als im Westen, in der frühen DDR angetreten wurde, weil nach der Verfolgung durch die Nazis viele Bauhäusler ihre Hoffnungen eher in ein sozialistisches, nicht marktgesteuertes Gesellschaftsexperiment setzten. Anfang der 50er wurde diese Chance in der berüchtigten Formalismus-Kampagne niedergemacht. Ein niederschmetternd dummer und niederträchtiger stalinistischer Kahlschlag, dessen Schockwirkung für die gesamte Zeit der DDR kaum zu unterschätzen ist. Was sich an Modernität in Architektur und Gestaltung trotzdem durchsetzen konnte (und nach der Wende oftmals geschleift wurde), war eben kein Abbild der SED-Ästhetik, die Funktionäre hätten eher den Kommoden-Stil präferiert, sondern oftmals geradezu das Gegenteil, nämlich weltoffen. Argument für die Diffamierung wichtiger Künstler und Gestalter war in der Formalismus-Kampagne der behauptete Geschmack der werktätigen Bevölkerung, man sprach von einer "gesunden Abneigung des Volkes" gegen diese "amerikanischen Kulturbarbarismen". Es war praktisch nicht möglich, weißes Geschirr ohne Dekor zu bekommen. Man wollte national-traditionellen Kitsch und kein avanciertes, sparsames, funktionales Design. Wer heute Spielzeug-Designer wird, muß allerdings genauso mit Enttäuschungen leben, da Hersteller und Händler - angeblich im Namen der Konsumenten, also der Eltern-, das Angebot bestimmen. Was aber auch bedeutet, daß Qualität aus dem Sortiment sofort heraussticht. Ich kann eigentlich nicht glauben, daß es nicht möglich sein soll, wieder so etwas Geniales wie Playmobil oder Lego zu erfinden. (Wie ich kürzlich erfuhr, durften manche Kinder im Westen keine roten Legosteine in den Mund nehmen, weil diese angeblich Dioxin enthielten. Ich weiß nicht, was die silberne Farbe und der Klebstoff enthielten, die zu unseren Tupolew- und Iljuschin-Plastik-Flugeugbausätzen mitgeliefert wurden. Unser Kinderzimmer roch immer wie eine Drogenküche.)

Nach dem Krieg gab es tatsächlich einmal den Anspruch, durch Gestaltung pädagogisch zu wirken. Unfaßbar, daß eine DDR-Design-Fachzeitschrift ("form + zweck") monierte, daß der Ausdruck der Gesichter der Puppen aus den verschiedenen Betrieben keinen unverwechselbaren Charakter mehr hätte. Was würden sie zu den heutigen Riesenglubschaugen-Stofftieren sagen? Gerade bei Plüschtieren gibt es einen bemerkenswerten Überlebenden, die Kösener Spielzeug Manufaktur GmbH in Bad Kösen, die ursprünglich 1912 von Käthe Kruse gegründet und vom Bürgermeister 1992 im letzten Moment vor dem Konkurs gerettet wurde. Man hatte damals keine Aufträge mehr, setzte aber auf eine Designerin von der Hochschule für industrielle Formgestaltung Halle, Burg Giebichenstein, die mit dem Werk in Bad Kösen schon lange kooperiert hatte. Das Ergebnis dieser Orientierung auf Qualität sind Plüschtiere, die man eigentlich alle haben möchte, die aber auch nicht billig sind. Und die man in den großen Spielzeugfilialen vergeblich sucht. Das ist eben so, es gibt viel Gutes, aber man findet es nur, wenn man sich darum bemüht, die meisten Eltern werden das kaum tun.

Besonders interessieren mich natürlich die Baukastensysteme, mit denen ich auch tatsächlich gespielt habe. Die Vero-Construc-Kästen (Vero geht auf "Vereinigung Olbernhau" zurück, ein Kombinat, zu dem man 1966 viele Kleinhersteller zusammenschloß) mit gelochten Holzleisten, blauen Plastwürfeln und Plastschrauben. Wir hatten sogar das batteriebetriebene Lochstreifengerät, mit dem man Motoren und Ampeln programmieren konnte. Ein Traum sind die Baufahrzeuge vom kriegsinvaliden Bauingenieur Hans Dressel, die aus Werdau stammen, aus den markanten, geformten Schichtholzteilen. Viele dürften damit im DDR-Kindergarten gespielt haben. Es gibt die Firma tatsächlich heute noch. Das Preisargument zählt für mich eigentlich nicht. Ein Kind bekommt heute zu Weihnachten von Verwandten, Paten und Nachbarn schnell so viel Schrott geschenkt, den man als Eltern heimlich wieder entsorgen muß, da sollten lieber alle zusammenlegen für eine unverwüstlichen LKW-Arbeitsbühne vom Dressel-Nachfolger "Werdauer Holzspielzeug" für 98,06 Euro. Die kann der Vater dann später auch wieder an sich nehmen, wenn das Kind auszieht und kurzzeitig, bevor die Altersnostalgie einsetzt, kein Interesse mehr an seinem alten Spielzeug hat. (Wenn man noch etwas länger spart, kann man sich ein kindgroßes therapeutisches Rupfentier von Renate Müller kaufen, die vielfach ausgezeichnet, bei Ausstellungen in New York gefeiert wurden und heute unbezahlbar sind. Ich habe eines bei einem Moabiter Nobel-Zahnarzt im Spielbereich gesehen.)

Das Buch ist eine Reise durch die DDR, so viele Produktionsstandorte kommen zur Sprache, wo heute leere Werkhallen stehen dürften. VEB Preß- und Spritzwerk Suhl, VEB Qualitätsspielwaren Frankenwald, VEB Plasticart Annaberg-Buchholz. (Das Angebot an Armeespielzeug ging übrigens seit Mtte der 60er zurück, weil sich dieses Sortiment schlecht exportieren ließ.) Dunkel erinnere ich mich, daß ein Kind aus meinem Umfeld das batteriegetrieben U-Boot vom VEB Anker-Mechnik Eisfeld besaß. Oder hatten wir es und haben es weggeworfen? Und den Ruderer, bei dem durch Drehen des Kopfs ein Federwerk gespannt wurde aus dem VEB Spielzeugland Mengersgereuth-Hämmern? Nur ein Dutzend Hersteller haben überlebt, was für ein gewaltiger Verlust an Qualifikation und Erfahrung. Und mit den Produkten verschwindet die Erinnerung daran, welchen Anspruch es einmal an "pädagogisch wertvolles" Spielzeug gab. Einiges, wie der erwähnte Schaukelwagen, findet sich beim Schweriner Design-Versand form-ost, dessen Angebot man eben gar nichts "Ostalgisches" ansieht, sondern nur Liebe zu guter Gestaltung.

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